Dass Adolf Hitler bei all dem Tod und Verderben, das er über Millionen von Menschen gebracht hat, nicht auch noch über Atomwaffen verfügen konnte, ist ein Lichtblick im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – und ein Rätsel, das Historiker und Physiker seit mehr als 70 Jahren immer wieder zu lösen versucht haben.

Über Jahrzehnte befassten sich fast ausschließlich amerikanische und britische Historiker mit der Geschichte des "Uranvereins" – so wurde die Gruppe aus weniger als 100 Wissenschaftlern um den Physiker Werner Heisenberg informell genannt. Die deutschen Geschichtsforscher mussten nach dem Krieg weitaus schlimmere Ereignisse aufarbeiten. Den Historikern der Alliierten stellte sich indes eine ebenfalls heikle Frage. Ihre Wissenschaftler hatten hoch motiviert an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet, weil sie ihren deutschen Kollegen zuvorkommen wollten. Doch tatsächlich gab es das postulierte Wettrennen nie. Warum aber hatten ihre Physiker in einer Demokratie, die ihnen die Freiheit ließ, Nein zu sagen, die Bombe gebaut, während die deutschen – oft ihre ehemaligen Lehrer, Schüler oder Kommilitonen – selbst unter der unmenschlichsten Diktatur nur an der Entwicklung eines Kernreaktors arbeiteten?

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht dazu in den Geschichtsbüchern, die deutschen Wissenschaftler hätten gewusst, wie eine Atombombe konstruiert werden muss. Wie der gigantische Aufwand des "Manhattan-Projekts" der USA aber zeige, habe deren Entwicklung die Möglichkeiten des "Dritten Reichs" überfordert, insbesondere unter Kriegsbedingungen. Damit folgt die Geschichtsschreibung dem Urteil des US-Historikers Mark Walker, dessen Werke als beste Darstellung der Arbeit des Uranvereins gelten. Seine Nachricht war für die Alliierten tröstlich: Das Wettrennen schien lediglich aus ökonomischen Gründen ausgefallen zu sein. …