Nicht nur chemische Substanzen können süchtig machen: Manche Menschen werden von Spielautomaten magisch angezogen, andere sind von sexuellen Begierden wie besessen. Doch ein suchtähnliches Verhalten fällt durch seine Allgegenwart aus der Reihe – die beliebteste Freizeitaktivität der Welt, das Fernsehen.

Die meisten Menschen pflegen ihm gegenüber eine Art Hassliebe: Fernsehen sei verlorene Zeit, sagen sie und halten nicht viel von "Couch Potatoes", die stundenlang "vor der "Glotze hängen" – aber dann machen sie es sich selbst auf dem Sofa gemütlich und greifen zur Fernbedienung. Viele Eltern sorgen sich um den Fernsehkonsum ihrer Kinder, wenn schon nicht um ihren eigenen. Sogar Sozialwissenschaftler, die sich berufsmäßig mit dem Fernsehen beschäftigen, staunen immer wieder, wie das Medium sie selbst in seinen Bann zieht. Percy Tannenbaum von der Universität von Kalifornien in Berkeley schreibt: "Zu den eher peinlichen Momenten im Leben gehören für mich die unzähligen Gelegenheiten, bei denen während des Gesprächs ein Fernseher lief und ich beim besten Willen nicht umhin konnte, von Zeit zu Zeit einen Blick darauf zu werfen. Das passiert mir nicht nur bei langweiligen Gesprächen, sondern auch bei durchaus interessanten."

Seit Jahrzehnten werden die Auswirkungen des Fernsehkonsums wissenschaftlich untersucht, insbesondere die Frage, ob der häufige Anblick von Gewalt im Fernsehen zu gewalttätigem Verhalten führt. Weniger Aufmerksamkeit widmete man dem verführerischen Reiz der Mattscheibe selbst, das heißt, dem Medium im Gegensatz zur Botschaft.

Der Ausdruck "Fernsehsucht" ist sicherlich unpräzise und keineswegs wertfrei, doch er trifft den Kern eines echten Phänomens. Psychologen und Psychiater definieren "Abhängigkeit" als eine Störung mit folgenden Merkmalen: Der Betroffene verbringt einen großen Teil seiner Zeit mit dem Konsum des Suchtmittels; er konsumiert es häufiger als er eigentlich will; er denkt daran, den Konsum zu reduzieren oder unternimmt wiederholt erfolglose Versuche dazu; er gibt wichtige soziale, familiäre oder berufliche Tätigkeiten auf, um das Suchtmittel zu konsumieren; und er berichtet von Entzugserscheinungen bei Einstellung des Konsums.

All diese Kriterien können auf Vielseher durchaus zutreffen. Das heißt nun nicht, dass Fernsehen an sich problematisch sein muss. Es kann belehren und unterhalten, es kann ästhetische Ansprüche befriedigen, und es kann zu dringend benötigter Ablenkung und Zerstreuung verhelfen. Zum Problem wird es erst, wenn Menschen genau spüren, dass sie weniger fernsehen sollten, und es trotzdem nicht schaffen. Etwas Hintergrundwissen über die Anziehungskraft des Mediums kann helfen, es besser in den Griff zu bekommen.

Fernsehen verschlingt erstaunlich viel Zeit. Die Menschen in den Industrieländern opfern dafür im Mittel drei Stunden täglich – die Hälfte ihrer Freizeit und mehr als für jede andere Einzelaktivität außer Arbeiten und Schlafen. Wer dies 75 Jahre lang durchhält, hat volle neun Jahre seines Lebens vor der Mattscheibe gesessen. Gibt sich der Mensch womöglich einfach deshalb dem Fernsehen hin, weil es ihm Spaß macht und er sich bewusst dafür entscheidet? Wenn dem so wäre, warum bereitet der Fernseh-konsum dann so vielen Menschen ein schlechtes Gewissen? In Umfragen des Gallup-Instituts aus den Jahren 1992 und 1999 gestanden vierzig Prozent der Erwachsenen und siebzig Prozent der Jugendlichen: "Ja, ich sehe zu viel fern". Andere Studien ergeben übereinstimmend, dass zehn Prozent der Erwachsenen sich als fernsehsüchtig einstufen.

Fernsehen entspannt – solange es läuft

Um mehr über die Reaktionen des menschlichen Körpers auf das Fernsehen herauszufinden, beobachteten einige Forscher bei Versuchspersonen, die im Dienst der Wissenschaft in die Röhre guckten, die Hirnstromkurven mittels Elektroenzephalogramm (EEG) sowie den Hautwiderstand und die Herzfrequenz. Wir wollten hingegen Verhalten und Emotionen lieber im normalen Alltagsleben erfassen statt unter künstlichen Laborbedingungen; zu diesem Zweck benutzten wir die Erlebens-Stichproben-Methode (englisch Experience Sampling Method, ESM). Unsere Testpersonen trugen eine Woche lang einen Pieper bei sich, und wir piepten sie sechs- bis achtmal pro Tag an, damit sie jeweils auf einer standardisierten Auswertungskarte notierten, was sie gerade taten und wie sie sich fühlten.

Wie nicht anders zu erwarten, berichteten die Probanden, die gerade fernsahen, von einem entspannten und passiven Gemütszustand. Überraschend ist jedoch folgendes Resultat: Sobald der Ausschaltknopf gedrückt wird, bricht das Gefühl von Entspannung ab, aber der Eindruck von Passivität und reduzierter Wachheit besteht weiter fort. "Es ist, als ob das Fernsehen meine Energie absorbiert oder aussaugt und mich irgendwie leer zurücklässt", meinten Teilnehmer der Studie. Allgemein gaben die Probanden an, sich nach dem Fernsehen schlechter konzentrieren zu können als vorher. Hingegen erwähnten sie nach dem Lesen nur selten solche Schwierigkeiten. Nach Sport oder Ausüben eines Hobbys berichteten die Teilnehmer meist von einer Verbesserung ihrer Stimmungslage. Nach Fernsehkonsum blieb die Laune ungefähr gleich oder verschlechterte sich sogar.

Kaum sitzen die Menschen vor dem Gerät und drücken den Einschaltknopf, schon geben sie an, sich entspannter zu fühlen. Weil die Entspannung rasch einsetzt, wird der Fernsehkonsument darauf konditioniert, das Pantoffelkino mit Beruhigung und Spannungsabbau zu assoziieren. Diese Assoziation wird positiv verstärkt, weil der Zuschauer entspannt bleibt, solange er fernsieht – und sie wird negativ verstärkt durch den Stress und das missmutige Grübeln, die sofort nach dem Ausschalten einsetzen.

Ganz ähnlich wirken süchtig machende Substanzen. Ein Tranquilizer, dessen Wirkung rasch nachlässt, führt viel eher zur Abhängigkeit als ein Beruhigungsmittel mit langsam abnehmender Wirkung, weil dem Benutzer im ersten Fall das nahende Ende des Wohlgefühls stärker bewusst wird. Vermutlich ist auch die erlernte Vorahnung des Fernsehkonsumenten, dass er sich weniger entspannt fühlen wird, wenn er ausschaltet, ein wichtiger Grund dafür, nicht auszuschalten. Fernsehen verlangt förmlich nach mehr Fernsehen.

Die Ironie liegt darin, dass man viel länger fernsieht als geplant, obwohl längeres Zusehen weniger Befriedigung verschafft: Je länger die Probanden unserer ESM-Studien vor der Röhre saßen, umso weniger hatten sie nach eigenen Aussagen davon. Die Auswertungskarten ergaben, dass Vielseher – das heißt solche, die Tag für Tag mehr als vier Stunden fernsahen – eher weniger Freude an den bunten Bildern hatten als Wenigseher, die höchstens zwei Stunden täglich vor dem Gerät verbrachten. Bei manchen trübt offenbar auch ein gewisses Unbehagen oder Schuldgefühl – man hätte die Zeit sinnvoller nutzen sollen – das ausgedehnte Fernsehvergnügen. Nach Untersuchungen in den USA, Japan und Großbritannien tritt dieses schlechte Gewissen viel häufiger bei Angehörigen der Mittelschicht auf als bei weniger wohlhabenden Vielsehern.

Im Bann der bunten Bilder

Was macht denn nun die geradezu ma-gische Anziehungskraft des Fernsehens aus? Zum Teil scheint daran die biologische "Orientierungsreaktion" schuld zu sein, die der russische Physiologe Iwan Pawlow (1849-1936) erstmals 1927 beschrieben hat: Unsere Augen und Ohren wenden sich instinktiv jedem plötzlichen oder unbekannten Reiz zu. Dies ist Teil unseres evolutionären Erbes – eine Art eingebauter Sensor für überraschende Bewegungen und mögliche räuberische Gefahren. Bei einer typischen Orientierungsreaktion erweitern sich die zum Gehirn führenden Blutgefäße, das Herz schlägt langsamer, während Blutgefäße, die große Muskelgruppen versorgen, sich zusammenziehen. Kurz, das Gehirn konzentriert sich auf die Aufnahme zusätzlicher Informationen, während der restliche Körper ruht.

1986 untersuchten Byron Reeves von der Stanford University und Esther Thorson von der Universität von Missouri, ob formale Gestaltungsmerkmale – Schnitt, Montage, Zoom, Kameraschwenk, plötzliche Geräusche – die Orientierungsreaktion auslösen und dadurch die Aufmerksamkeit fesseln. Aus dem EEG ihrer Probanden schlossen die Forscher, dass solche stilistischen Tricks tatsächlich unwillkürliche Reaktionen auslösen können und "ihren Aufmerksamkeitswert aus der evolutionären Bedeutung des Entdeckens von Bewegung beziehen… Nicht der Inhalt, sondern die Form des Fernsehens ist einzigartig."

Die Orientierungsreaktion mag zum Teil Bemerkungen erklären wie: "Wenn ein Fernseher läuft, muss ich einfach hinschauen", "Ich will ja gar nicht so viel fernsehen, aber ich kann es nicht lassen" oder "Ich fühle mich davon wie hypnotisiert." Seit Reeves und Thornton ihre Pionierarbeit veröffentlichten, hat die Forschung weitere Erkenntnisse zu Tage gefördert: Annie Lang von der Indiana University konnte zeigen, dass sich der Puls nach einem Orientierungsstimulus vier bis sechs Sekunden lang verlangsamt. In Werbespots, Actionszenen und Musikvideos wechseln sich die formalen Merkmale oft im Sekundentakt ab, und die Orientierungsreaktion wird ununterbrochen aktiviert.

Lang und ihre Kollegen untersuchten auch, ob formale Tricks die Erinnerung an das Gesehene verstärken. Tatsächlich verbessert eine aufwendige Montagetechnik – mit häufigem Wechsel der Kameraperspektive innerhalb derselben Spielszene – das spätere Wiedererkennen. Auch häufigere Schnitte – Wechsel zu einer neuen Spielszene – haben ähnliche Wirkung, allerdings nur bis zu einem gewissen Grad: Bei mehr als zehn Schnitten in zwei Minuten fiel die Wiedererkennung drastisch ab.

Produzenten von Schulfernsehsendungen haben herausgefunden, dass formale Gestaltungsmittel das Lernen fördern können. Doch allzu schnelle Schnitte und Bildwechsel überfordern das Gehirn. Musikvideos und Werbespots, die aus dem hektischen Wechsel unzusammenhängender Szenen bestehen, wollen auch kaum Information vermitteln, sondern vor allem die Aufmerksamkeit erregen. Die Leute sollen sich an den Namen des Produkts oder der Band erinnern; von den Details der eigentlichen Werbung bleibt kaum etwas haften. Die Orientierungsreaktion wird überreizt. Der Zuschauer bleibt zwar gefesselt, fühlt sich aber müde und erschöpft, ohne eine angemessene psychische Belohnung zu erhalten. Unsere ESM-Studien bestätigen diese intuitiven Einsichten.

Manchmal wird die Erinnerung an das Produkt sehr subtil erzeugt. Viele Werbespots gehen heute absichtlich indirekt vor: Sie erzählen eine einnehmende kleine Geschichte, ohne klar zu sagen, was sie eigentlich verkaufen wollen. Hinterher kann man sich vielleicht gar nicht bewusst an das Produkt erinnern. Den Werbeprofis geht es vor allem da-rum, die Aufmerksamkeit des Kunden zu gewinnen: Wenn er später einkaufen geht, wird er sich mit demjenigen Produkt wohler fühlen, an das er sich vage erinnert – egal wodurch.

Die unruhigen Töne und Bilder ziehen schon Kleinkinder unwiderstehlich an. Dafna Lemish von der Universität Tel Aviv hat beschrieben, wie aufmerksam bereits sechs bis acht Wochen alte Säuglinge auf Fernsehen reagieren. Wir beobachteten etwas ältere Babys, die auf dem Rücken liegend den Hals um fast 180 Grad verdrehten, um sich den in dem merkwürdigen Fenster tanzenden Lichtern zuzuwenden. Dies zeigt, wie tief verwurzelt die Orientierungsreaktion ist.

Ohne Fernsehen kann ich nicht leben

Trotzdem sollten wir nicht übertreiben. Wenig spricht dafür, dass Erwachsene oder Kinder völlig aufs Fernsehen verzichten sollten. Problematisch wird es erst dann, wenn der Fernsehkonsum außer Kontrolle gerät.

Die Erlebens-Stichproben-Methode erlaubte uns einen Einblick in fast jeden Bereich des täglichen Lebens wie Arbeit, Essen, Lesen, Freunde treffen, Sport. Wir fragten uns, ob Dauergucker das Leben anders wahrnehmen als Menschen, die relativ wenig fernsehen. Haben Vielseher mehr Schwierigkeiten mit menschlichen Kontakten? Fühlen sie sich ihrer Arbeit stärker entfremdet? Unsere Ergebnisse gaben eine deutliche Antwort: In Situationen ohne klar vorgegebene Struktur – Nichtstun, Tagträumen, Schlangestehen – empfinden Vielseher signifikant mehr Angst und Unbehagen als Wenigseher. Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn der Betreffende allein ist.

Daraufhin beschäftigte sich Robert D. McIlwraith von der Universität von Manitoba ausführlich mit Menschen, die sich in Umfragen selbst als fernsehsüchtig bezeichneten. Wie er herausfand, sind solche Personen schneller gelangweilt und abgelenkt als andere und können ihre Aufmerksamkeit schlechter steuern. Andere Studien zeigen übereinstimmend, dass Vielseher seltener an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen und weniger Sport treiben als mäßige Seher oder TV-Abstinenzler und dass sie häufiger an Übergewicht leiden.

Natürlich erhebt sich die Frage, was hier Ursache und was Wirkung ist: Setzen sich die Leute aus Einsamkeit und Langeweile vor den Fernseher, oder macht umgekehrt der Fernsehkonsum anfällig für Langeweile und Einsamkeit? Wie die meisten Forscher halten wir Ersteres für den Regelfall, ohne daraus ein simples Entweder-Oder machen zu wollen. Dass häufiger Fernsehkonsum zu einer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne, zu mangelnder Selbstbeherrschung und weniger Geduld bei alltäglichen Verzögerungen führt, vermuten unter anderem Jerome L. und Dorothy Singer von der Yale University. Vor über 25 Jahren beobachtete die Psychologin Tannis M. MacBeth Williams von der Universität von British Columbia die Einwohner einer westkanadischen Gebirgsstadt, die erst seit Anfang der siebziger Jahre Fernsehen empfangen konnten. Im Laufe der Zeit nahm sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen die Fähigkeit zur kreativen Problemlösung, zur ausdauernden Beschäftigung mit einer Aufgabe und zum geduldigen Umgang mit unstrukturierter Zeit deutlich ab.

Die überzeugendste Parallele zwischen Fernsehen und Drogensucht sehen einige Forscher in den Entzugssymptomen, die bei Reduzierung des TV-Konsums auftreten. Vor fast vierzig Jahren – damals gab es meist nur ein Fernsehgerät pro Haushalt – sammelte Gary A. Steiner an der Universität Chicago faszinierende Erlebnisberichte von Familien, deren Gerät kaputtgegangen war: "Die Familie lief umher wie eine Schar kopfloser Hühner." "Es war furchtbar. Wir taten überhaupt nichts – mein Mann und ich redeten." "Ich schrie dauernd herum. Die Kinder gingen mir auf die Nerven, ich verlor die Beherrschung. Versuchte vergeblich, sie für Spiele zu interessieren. Können ohne Fernsehen nicht leben."

In Experimenten verzichteten Familien freiwillig oder gegen Bezahlung auf das Fernsehen – in der Regel eine Woche oder einen Monat lang. Viele hielten die Abstinenzfrist nicht durch. Einige stritten sich so heftig, dass es nicht bei Worten blieb. Ähnliches berichten amerikanische Familien, die sich eine fernsehlose Woche pro Jahr vorgenommen hatten.

Ist eine Familie gewohnt, die Freizeit größtenteils vor dem Fernseher zu verbringen, fällt es ihr schwer, sich auf andere Aktivitäten umzustellen. Das soll nicht heißen, dass es unmöglich ist oder dass die Familie zwangsläufig auseinander fällt, wenn man ihr den Fernseher nimmt. "Die ersten drei, vier Tage waren meist am schlimmsten, selbst in Haushalten, die auch sonst sehr wenig fernsahen", schreibt Charles Winick von der City University of New York in einer Zusammenfassung solcher Entzugsversuche. "In mehr als der Hälfte aller Haushalte gerieten die gewohnten Abläufe durcheinander, die Familienmitglieder wussten mit ihrer neu gewonnenen Zeit nichts anzufangen, Angst und Aggressionen machten sich breit … Alleinstehende neigten zu Langeweile und Gereiztheit … In der zweiten Woche kam es meist zu einer gewissen Anpassung an die neue Situation." Leider bleiben diese Berichte anekdotenhaft; es gibt noch keine statistische Erhebung über die Häufigkeit solcher Entzugssymptome.

Der Computer als abgestufte Herausforderung

Zwar scheint Fernsehen die Kriterien für Drogenabhängigkeit zu erfüllen, doch nicht alle Forscher würden von einer echten Sucht sprechen. "Die Verdrängung anderer Aktivitäten durch Fernsehen mag sozial signifikant sein, doch dies muss noch keine signifikante Beeinträchtigung im klinischen Sinne sein", meinte McIlwraith 1998: Eine neue Kategorie namens Fernsehsucht erübrige sich, wenn obsessives Fernsehen auf psychische Probleme wie Depression und Sozialphobien zurückzuführen sei. Doch ob wir jemanden nun formell als fernsehsüchtig bezeichnen wollen oder nicht – Millionen Menschen haben jedenfalls das Gefühl, ihren Fernsehkonsum nicht beliebig steuern zu können.

Obwohl der Umgang mit Videospielen und Computern viel weniger erforscht ist, gilt dafür im Prinzip das Gleiche. Die Spiele bieten Ablenkung und Zerstreuung; der Spieler fühlt sich rasch besser, und so entwickelt sich eine Art selbstverstärkende Rückkopplung.

Der Unterschied zum Fernsehen ist offensichtlich die Interaktivität: Viele Video- und Computerspiele steigern ihren Schwierigkeitsgrad mit der wachsenden Fertigkeit des Benutzers. Einen ebenbürtigen Tennis- oder Schachpartner muss man oft monatelang suchen; der Computer stellt sofort den perfekten Herausforderer. Er bietet das rauschhafte Glücksgefühl, das einer von uns (Csikszentmihalyi) als "Flow" bezeichnet hat – den selbstvergessenen Zustand, der eintreten kann, wenn der Mensch in seiner augenblicklichen Beschäftigung völlig aufgeht und eins wird mit sich und der Umwelt.

Andererseits kann die andauernde Aktivierung der Orientierungsreaktion auch zu Erschöpfung führen. Kinder berichten von Ermüdung, Benommenheit und Übelkeit nach langen Computersitzungen.

Der bisher extremste Fall solcher Nebenwirkungen ereignete sich 1997 in Japan, als 700 Kinder ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Bei vielen lautete die Diagnose "optisch stimulierte epileptische Anfälle", verursacht durch grelle Blitzlichter in einem vom japanischen Fernsehen ausgestrahlten Pokémon-Videospiel. Solche Anfälle und andere üble Nebenwirkungen von Videospielen sind immerhin so häufig, dass Softwarefirmen und Playstation-Hersteller mittlerweile in ihren Spielanleitungen davor warnen. Eltern haben uns berichtet, dass ihren Kindern durch die schnellen Bewegungen auf dem Bildschirm schon nach 15 Spielminuten übel wurde. Aus Mangel an Selbstbeherrschung und Erfahrung – oft auch mangels Aufsicht – spielen viele trotz dieser Symptome weiter.

Lang und Shyam Sundar von der Pennsylvania State University haben untersucht, wie Internet-Nutzer auf unterschiedlich gestaltete Webseiten reagieren. Sundar präsentierte dieselbe Webseite in mehreren Versionen, die sich nur durch die Anzahl der Links – der per Computermaus aktivierbaren Zugänge zu anderen Webseiten – unterschieden. Mehr Links vermittelten den Nutzern nach eigener Aussage den Eindruck größerer Macht und intensiverer Einbindung; doch an einem bestimmten Punkt war eine Sättigung erreicht, und noch mehr Links verdarben den Nutzern schlichtweg die Lust am Surfen. Wie bei Videospielen scheint auch bei Webseiten die Anziehungskraft weniger auf formalen Merkmalen zu beruhen als auf ihrer Interaktivität.

Einer wachsenden Anzahl von Menschen erscheint das Leben, das sie "on-line" führen, oft wichtiger und intensiver als das herkömmliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Daher ist es heute schwieriger denn je, im Umgang mit den Medien die Kontrolle zu behalten. Fernsehgeräte und Computer sind allgegenwärtig. Doch der kleine Bildschirm und das Internet müssen die Lebensqualität nicht beeinträchtigen. Bei richtiger Dosierung kann uns das Fernsehen bequem zu Zerstreuung und Entspannung verhelfen. Erst wenn der Medienkonsum unsere Fähigkeit hemmt, zu wachsen, zu lernen und ein aktives Leben zu führen, wird er tatsächlich eine Art Sucht, die wir ernst nehmen sollten.

Literaturhinweise


Internet Use and Collegiate Academic Performance Decrements: Early Findings. Von Robert Kubey, Michael J. Lavin und John R. Barrows in: Journal of Communication, Bd. 51, S. 366 (2001).

The Limited Capacity Model of Mediated Message Processing. Von Annie Lang in: Journal of Communication, Bd. 50, S. 46 (2000).

Television Dependence, Diagnosis, and Prevention. Von R. Kubey in: Tuning in to Young Viewers: Social Science Perspectives on Television. T. M. MacBeth (Hg.). Sage, 1995.

Television and the Quality of Life: How Viewing Shapes Everyday Experience. Von Robert Kubey und Mihaly Csikszentmihalyi. Lawrence Erlbaum Associates, 1990.


Erste Schritte gegen die Fernsehsucht


Sie wollen Ihren Fernsehkonsum und den Ihrer Familie besser in den Griff bekommen? Versuchen Sie es mit folgenden Strategien:

- Bewusster fernsehen: Wie bei anderen Abhängigkeiten ist es zunächst entscheidend, sich bewusst zu machen, wie sehr das Fernsehen bereits zur Gewohnheit wurde, wie viel Zeit es verschlingt und wie wenig Gewinn man tatsächlich davon hat. Unser Vorschlag: Führen Sie einige Tage lang Tagebuch über alle gesehenen Sendungen und bewerten Sie jeweils, wie viel Genuss oder Information sie Ihnen verschafften.
– Andere Tätigkeiten verstärken: Kaum ist das Abendessen abgeräumt, schon lässt sich die gesamte Familie vor dem Fernseher nieder. Fördern Sie andere Aktivitäten, indem Sie eine Liste mit Alternativen an den Kühlschrank heften. Anstatt automatisch vor die Glotze zu sinken, sucht jeder Interessierte sich Anregungen von der Liste.
– Willenskraft trainieren: Oft merkt man schon in den ersten Minuten, dass der Film das Anschauen nicht lohnt – doch, statt auszuschalten, bleibt man geschlagene zwei Stunden davor sitzen. Es ist ganz natürlich, dass wir wissen wollen, was als Nächstes passiert. Sobald allerdings der Fernseher nicht mehr läuft, verlieren wir das Interesse daran, und unsere Aufmerksamkeit wendet sich anderen Dinge zu.
- Grenzen setzen: Ein Küchenwecker ist nützlich, um die Zeit zu begrenzen -vor allem bei Videospielen. Kinder wissen: Wenn es klingelt, ist Schluss. Das funktioniert meist viel besser, als wenn die Eltern "ausmachen" rufen. Kinder nehmen das Weckerklingeln ernster.
– Kanäle blockieren: Moderne Fernsehgeräte sind mit einem Mikrochip ausgestattet, mit dem sich das Betrachten gewalttätiger Sendungen verhindern lässt. Elektronische Zusatzgeräte können die Stunden zählen, die jedes einzelne Familienmitglied vor dem Fernseher verbringt, und nach einer vorprogrammierten Zeit den Zugang sperren.
– Selektiv fernsehen: Statt durch sämtliche Kanäle zu zappen ist es sinnvoller, vorher in einer Programmzeitschrift einzelne Sendungen auszuwählen.
– Den Videorecorder verwenden: Zeichnen Sie Sendungen auf Video auf, anstatt sich sofort vor den Fernseher zu setzen. Häufig kommt man später gar nicht dazu, sich die Bänder anzusehen.
– Entwöhnungskur: In vielen Familien hat es sich bewährt, nur ein einziges Fernsehgerät aufzustellen, und zwar in einem separaten Zimmer oder in einem Schrank. Andere kündigen ihre Kabel-Abonnements oder schaffen den Flimmerkasten ganz ab.
– Medienerziehung fördern: Schulen in Kanada und Australien sowie in immer mehr US-Bundesstaaten geben Unterricht im Fach Medienerziehung. Die Schüler lernen, Gesehenes und Gehörtes zu analysieren; sie können dadurch das Fernsehen und andere Medien bewusster nutzen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002, Seite 70
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