Schon während seines Medizinstudiums in den 1980er Jahren, brachte vor allem ein Thema Eric Vilain ins Grübeln: die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Warum entwickeln sich die beiden Geschlechter nicht gleich – und was passiert, wenn dabei etwas schiefläuft? Der Wissenschaftler traf damals auf Eltern mit Babys, die sich nicht so recht in die klassischen Kategorien "Mädchen" und "Junge" einordnen ließen. Sie waren mit Störungen der Geschlechtsentwicklung (kurz DSD, für "disorders of sex developement", auch Intersexualität genannt) auf die Welt gekommen, und viele von ihnen besaßen uneindeutige Genitalien – eine übergroße Klitoris, einen zu kurzen Penis oder einfach Merkmale beider Geschlechter.

Damals wie heute operieren Ärzte die betroffenen Kinder in vielen Fällen. Die Entscheidung, ob die Kleinen den Rest ihres Lebens mit männlichen oder mit weiblichen Geschlechtsorganen verbringen sollten, wurde vor allem früher oft nicht auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen, sondern aus rein praktischer Erwägung heraus, sagt Vilain. Dabei fiel immer wieder der unsensible Kommentar, es sei leichter, "ein Loch zu graben, als einen Stock zu formen". "Ich war gleichermaßen schockiert und fasziniert, wie die Ärzte zu ihrem Urteil kamen", so der Forscher.

Vilain hat einen Großteil seiner wissenschaftlichen Laufbahn damit verbracht, die Entwicklung der Geschlechter zu studieren …