Emotionen waren in der Psychologie ein halbes Jahrhundert lang weitgehend ausgeklammert worden, weil sie in dem einfachen Reiz-Reaktions-Modell des Behaviorismus keinen Platz fanden. Zwar hat ihre Erforschung in den letzten zehn Jahren eine beachtliche Renaissance erfahren; aber auch die zahlreichen Publikationen der jüngsten Zeit beschäftigen sich nur sehr selten mit der systematischen Analyse einzelner Gefühle. Das liegt zum einen sicherlich daran, daß sich viele Emotionen nicht ohne weiteres unter kontrollierten Bedingungen im Experiment reproduzierbar hervorrufen lassen. Zum anderen wirft es ethische Probleme auf, Versuchspersonen etwa in Trauer, Wut oder Furcht zu versetzen.

Ein Gefühl, das man im Experiment sowohl völlig bedenkenlos als auch sehr zuverlässig evozieren kann, ist die Überraschung. Mit ihr befaßt sich deshalb seit geraumer Zeit die Arbeitsgruppe um Wulf-Uwe Meyer, der in der Abteilung Psychologie der Universität Bielefeld den Lehrstuhl für Allgemeine Experimentelle Psychologie innehat. Die Forscher lassen sich dabei von der Grundannahme leiten, daß es sich bei der Überraschungsreaktion um einen Mechanismus handelt, der das menschliche Verhalten immer wieder so adjustiert, daß es weitgehend situationsgerecht bleibt.

Unser Wissen über die Welt ist in sogenannten Schemata organisiert: Theorien über die Beschaffenheit von Ereignissen, Objekten und Situationen. Sie leiten das alltägliche Handeln und werden fortlaufend daraufhin überprüft, ob sie dem Vorgefundenen in angemessener Weise Rechnung tragen. Das ist – ebenso wie die schemageleitete Handlungssteuerung – in aller Regel ein automatisch ablaufender Prozeß.

Solange Situationen und Ereignisse mit einem Schema kompatibel sind, besteht kein Anlaß, es zu revidieren. Wenn jedoch eine Diskrepanz auftritt, die einen gewissen Schwellenwert überschreitet, kommt es zur Überraschungsreaktion. Sie leitet die Suche nach den Ursachen der Diskrepanz ein und initiiert Prozesse, welche die Unstimmigkeit beseitigen. Beispielsweise kann das dadurch geschehen, daß das Schema berichtigt, erweitert oder neu strukturiert wird. Ohne derartige Anpassungen der Erwartung an die Erfahrung wäre auf Dauer kein angemessenes Handeln möglich.

Die Experimente der Bielefelder Gruppe, bei denen Michael Niepel federführend ist, haben insbesondere zwei Ziele: die Komponenten der Überraschungsreaktion (subjektives Erleben, Verhalten und physiologische Reaktionen) möglichst vollständig zu beschreiben sowie den Zusammenhang zwischen Überraschung und Schemarevision im Detail aufzudecken.

In einem Experiment wurden die Probanden zunächst mit einer Aufgabe vertraut gemacht, deren Gleichförmigkeit bewirken sollte, daß ein entsprechendes Schema gebildet wurde: Über zahlreiche Durchgänge hinweg war je nach Position eines Punktes, welcher für nur 0,1 Sekunden auf einem Computerbildschirm auftauchte, eine bestimmte Taste zu drücken. Der Punkt erschien dabei, während sich in dunkler Schrift auf hellem Grund zwei übereinanderstehende Wörter auf dem Bildschirm befanden, die für die Aufgabe jedoch bedeutungslos waren. In Phase zwei des Experiments wurde als überraschendes Element dann eines der beiden Wörter in heller Schrift vor dunklem Hintergrund dargestellt.

Wie die Probanden in einem standardisierten Fragebogen nach Versuchsende angaben, nahmen sie die Negativdarstellung eines Wortes sehr wohl als unerwartet und überraschend wahr. Zugleich wirkte sich diese Überraschung meßbar auf ihr Verhalten aus. So reagierten sie im kritischen Durchgang, in dem das schemawidrige Ereignis auftrat, deutlich langsamer auf das Erscheinen des Punktes, ließen sich also von ihrer Aufgabe ablenken. Zugleich richtete sich die Aufmerksamkeit auf das verändert dargestellte Wort: Die Probanden erinnerten sich nach dem Experiment wesentlich häufiger daran als die einer Kontrollgruppe, bei denen die Wörter von Anfang an sowohl schwarz-auf-weiß als auch weiß-auf-schwarz dargestellt wurden. Die Ergebnisse gleichartiger Experimente mit Ton- statt Bildreizen waren völlig analog.

Um Aufschluß über den zeitlichen Verlauf der Überraschungsreaktion und insbesondere ihren Einfluß auf die Ausführung der experimentellen Aufgabe zu erhalten, variierten Niepel und Meyer die Zeitspanne zwischen schemawidrigem Ereignis und Darbietung des Punktes. Dabei zeigte sich, daß sich die Reaktion nur dann meßbar verzögerte, wenn der Punkt nicht später als 1 bis 1,5 Sekunden nach der Hell-Dunkel-Inversion auftauchte; bei größerem Abstand unterschieden sich die Reaktionszeiten der Probanden in den Experimental- und Kontrollgruppen nicht mehr wesentlich.

In einer zweiten Versuchsserie wurde die Bedeutung des Vorwissens oder der bisherigen Erfahrung für die Überraschung analysiert. So eruierte Achim Schützwohl, daß das Ausmaß der Reaktionsverzögerung im obigen Experiment mit der Länge der Phase eins, das heißt mit der Anzahl der Durchgänge mit gleichförmigem Reiz zunahm.

Wieder andere Experimente galten einer entwicklungspsychologischen Frage. Bei Kindern ist der Überraschungseffekt besonders ausgeprägt: In einer Gruppe von Acht- bis Neunjährigen verlangsamte sich nicht nur die Reaktion sehr stark – einige Kinder vergaßen sogar völlig, mit der Bearbeitung der Aufgabe fortzufahren. Des weiteren unterschieden sich die Altersgruppen in der Fähigkeit, aus einer erfahrenen Schemadiskrepanz für die Zukunft zu lernen. Konfrontiert man die einmal überraschten Probanden nach einer Anzahl monotoner Durchgänge erneut mit der veränderten Darstellung des Wortes, sind bei Erwachsenen die Reaktionszeiten nur noch sehr gering oder gar nicht mehr verlängert; dagegen lassen sich Acht- bis Neunjährige auch beim zweitenmal noch stark irritieren.

All diese Befunde haben auch Bedeutung für eine allgemeine Motivationstheorie; handelt es sich bei der Überraschung doch um eine unwillkürliche Reaktion, die mit der willentlichen Erledigung der experimentellen Aufgabe konkurriert. Von der weiteren Erforschung dieser Phänomene verspricht man sich deshalb Aufschlüsse über allgemeinere Strukturen des menschlichen Handelns.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1994, Seite 35
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