Vor gut drei Jahren erschien eine medizinische Veröffentlichung über eine spektakuläre HIV-Behandlung, deren Erfolg noch heute fast unglaublich klingt. Mitarbeiter der Berliner Charité und des Robert Koch-Instituts hatten einem langjährigen HIV-Patienten fremdes Knochenmark, also neue Blutstammzellen, übertragen, als er eine Leukämie bekam. Das Material stammte aber von einem Spender, der auf Grund einer genetischen Besonderheit resistent gegen das HI-Virus ist, denn seine Immunzellen lassen den Erreger einfach nicht hinein. Die Ärzte hofften, mit dieser Transplantation gleichzeitig mit dem Blutkrebs auch die HIV-Infektion einzudämmen. Ihre Erwartung wurde sogar noch übertroffen: Nach einiger Zeit ließen sich bei dem Patienten mit verschiedenen Tests keinerlei Virusspuren mehr nachweisen – nicht einmal in jenen Geweben, in denen sich der Erreger oft lange zu verbergen pflegt.

Auch fünf Jahre nach dem Eingriff zeigt Timothy Ray Brown keinerlei Anzeichen, dass er das Virus noch in sich trägt. Seine Identität gab er inzwischen preis: Er ist Kalifornier und lebte damals in Berlin. Medikamente gegen HIV nimmt er schon seit der Transplantation nicht mehr. Über 60 Millionen Menschen haben sich bislang mit dem Aidsvirus infiziert, aber einzig dieser Amerikaner scheint es allen medizinischen Tests zufolge wieder vollständig losgeworden zu sein.

Das in seinem Fall angewandte Verfahren einer Blutstammzelltransplantation lässt sich allerdings kaum bei weiteren HIV-Infizierten einsetzen. Allzu vieles spricht dagegen – nicht zuletzt, dass man zuvor das Immunsystem des Patienten zerstören müsste, immer ein lebensgefährliches Unterfangen. Außerdem muss der Spender gleichzeitig mit dem Patienten möglichst weit gehend immunkompatibel sein und resistent gegen den Aidserreger – was beides schon für sich allein selten genug auftritt. Aber der Erfolg der Berliner Ärzte spornt nun weltweit Wissenschaftler an, nach weniger riskanten und kostspieligen Wegen zu suchen, um HIV-Infizierten quasi ein neues, gegen das Virus resistentes Immunsystem zu geben. Dessen genetisch veränderte Zellen würden dem Erreger gewissermaßen die Tür vor der Nase zuschlagen. Das Virus könnte sie nicht befallen, sich nicht weiter vermehren und darum auch nicht länger im Körper ausbreiten. Statt wie mit bisherigen Therapien das HI-Virus nur zu unterdrücken, könnte ein solcher genetischer Ansatz möglicherweise Infizierte wirklich heilen…