Berühmt machten den Jenaer Theologieprofessor Johann Gerhard (1582–1637) in erster Linie seine Werke zur lutherischen Glaubenslehre. Schriftstücke ganz anderer Art aus seiner Feder gewähren Forschern nun erstmals tiefe Einblicke in den Schulalltag gegen Ende des 16. Jahrhunderts: Bei der Katalogisierung seiner Handschriften entdeckten Mitarbeiter der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt die alten Schulhefte Gerhards. Ihr stolzes Alter von rund 400 Jahren macht die Aufzeichnungen einzigartig.

Skizze Klimazonen
© Petra Haller / Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPer Hand …

Hinter dem Begriff "Schulheft" verstecken sich dabei zwei rund 200 Seiten dicke Bände im Taschenbuchformat, so der Philosoph Sascha Salatowsky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bibliothek. Da das Papier von unterschiedlicher Art ist und teils Buchstaben im Falz verschwinden, vermutet Salatowsky, dass Gerhard ursprünglich auf losen Blättern schrieb, die er später zusammenheftete und binden ließ.

Die ältesten Aufzeichnungen stammen aus dem Jahr 1595 und befassen sich mit lateinischer Sprachlehre sowie verschiedenen Versen des römischen Dichters Vergil. Der deutsche Theologe schrieb hauptsächlich in lateinischer Sprache, teilweise aber auch in griechischer und deutscher. Die Mitarbeiter der Forschungsbibliothek deuten dies als Hinweis darauf, dass offenbar gegen Ende des 16. Jahrhunderts schon vermehrt in deutscher Muttersprache unterrichtet wurde. Andere Abschriften – wie beispielsweise eine Skizze der verschiedenen Klimazonen der Welt – legen jedoch nahe, dass der größte Teil des Wissens nach wie vor aus lateinischen Büchern vermittelt wurde. "Es fällt zudem auf, dass Johann Gerhard damals für einen 13-Jährigen eine sehr akkurate Handschrift besaß", betont Salatowsky.

Überhaupt schien Gerhard schon als Schüler sehr strukturiert gearbeitet zu haben – so legte er etwa eine Art Begriffsregister an, um sein Wissen zu ordnen und bestimmte Wörter und Aufzeichnungen schnell wiederfinden zu können. Als sein Hauptwerk gelten die "Loci theologici". "Wir haben uns immer gefragt, wie er so ein umfangreiches Werk schreiben konnte", erklärt der Philosoph. "Seine Aufzeichnungen liefern uns nun wertvolle Hinweise darauf, wie er gearbeitet hat."

Derart alte Schulhefte waren Forschern bisher noch nicht bekannt. Alle Erkenntnisse über die Lehr- und Lernmethoden der Frühen Neuzeit konnte man bislang nur den gedruckten Lehrbüchern entnehmen. Neben den Schulheften entdeckten die Bibliotheksmitarbeiter auch einige Unterlagen aus dem Medizinstudium, das Gerhard absolvierte, bevor er sich der Theologie zuwandte.

Übrigens: Der Todestag des deutschen Theologen jährt sich mit dem heutigen 17. August 2012 zum 375. Mal.