Schaffen die Grünen die Biologie in der Schule ab?

Nein. Zunächst einmal geht es nur um die Jahrgangsstufen 5 und 6 – und dort wird im Gymnasium das Fach Biologie in einem Fächerverbund namens "Naturphänomene und Technik" (NpT) mit dem bereits bestehenden Fach "Naturphänomene" zusammengefasst. Hintergrund der Maßnahme ist, dass es ähnliche Fächerverbünde an den anderen Schularten bereits gibt und das Land mit der Bildungsplanreform 2015 anstrebt, die Leitlinien für den naturwissenschaftlichen Unterricht zu vereinheitlichen. Im Gegenzug werden daher an den anderen Schularten (Haupt-, Real- und Gesamtschule) ab Klasse 7 Biologie, Chemie und Physik als eigene Fächer eingeführt – die gibt es dort bislang in der Form nicht, sie werden derzeit in einem Fächerverbund unterrichtet. Diese Angleichung soll auch dazu dienen, den Übergang von einer Schulart zur anderen zu erleichtern. Bisher gab es keine schulartübergreifende Abstimmung der Inhalte.

Werden die Inhalte des Fachs Biologie "verwässert"?

Das kommt darauf an, wie die geplanten Inhalte umgesetzt werden – denn in der gesamten Diskussion extrem wichtig zu wissen ist: Bisher ist nichts in Stein gemeißelt, die aktuell abzurufenden Arbeitsfassungen werden derzeit abhängig von Rückmeldungen aus den Erprobungsschulen und von Experten noch ständig weiterentwickelt. Ein Blick auf die in der derzeit abzurufenden Arbeitsfassung konkretisierten Inhalte zeigt, dass grundlegende biologische Themen wie Ökologie und Artenkenntnis, mit ausdrücklichem Hinweis auf Freiland- und Laboraktionen, einen großen Schwerpunkt bilden neben der Biologie des Menschen. Gerade für diese Inhalte fürchten die Kritiker eine "Verwässerung".

Werden der Biologie Stunden gekürzt?

Jein. Im ursprünglichen Entwurf waren für den Bereich Biologie innerhalb des Fächerverbundes "Naturphänomene und Technik" wie im bisherigen Lehrplan auch vier so genannte Kontingentstunden vorgesehen – das entspricht den bisherigen zwei Wochenstunden pro Jahr. Die beiden weiteren Kontingentstunden entfallen auf Chemie, Physik und Technik – sie entstammen der bisherigen Wochenstunde für das bereits etablierte Fach "Naturphänomene". Die Gesamtzahl der Stunden für naturwissenschaftlichen Unterricht in der Unterstufe bleibt also gleich. Nun allerdings ist in der Diskussion, eine der Kontingentstunden für Biologie in ein "integratives Modul" umzuwidmen. Was muss man sich darunter vorstellen? Ganz einfach: Ein bestimmter Themenkomplex wie "Wasser" oder "Erde" wird nicht nur aus Sicht der Biologie betrachtet, sondern es werden auch die chemischen und physikalischen Faktoren integriert. Im Prinzip läuft das beispielsweise bei einer Unterrichtseinheit wie "Ökosystem See" bereits jetzt im Biologieunterricht nicht anders.

Wird Biologie zukünftig gar nicht mehr von Biologielehrern unterrichtet?

Das ist prinzipiell möglich – aber nicht neu. Denn der Schulleiter kann gemäß baden-württembergischem Schulgesetz entscheiden, einen fachfremden Lehrer einzusetzen, sofern die Bildungs- und Lehrpläne eingehalten werden. Nur: Physik und Chemie starten in Baden-Württemberg an den Gymnasien bislang in den Klassen 7 und 8, während Biologie bereits jetzt ab Klasse 5 unterrichtet wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Biologielehrer für die Unterstufe an einer Schule vorhanden sind und das Fach NpT übernehmen, ist also relativ hoch. Abgesehen davon mussten sich damals mit Einführung des stark experimentell geprägten Fachs Naturphänomene auch viele Biologielehrer in chemisch-physikalische Themen einarbeiten – nun könnten Kollegen aus anderen Naturwissenschaften vor der ähnlichen Herausforderung stehen, sich entsprechende biologische Inhalte zu verinnerlichen.

Ist die derzeitige mediale Aufregung gerechtfertigt?

Nein und ja. Der Verband für Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBio) befürchtet, dass die Zusammenlegung die Bedeutung der Biologie in der Schule weiter schwächt – vor allem, wenn fachfremde Lehrer zum Zug kommen und die integrativen Module zu wenig biologische Inhalte berücksichtigen. Man hat deshalb eine Petition aufgesetzt, die für einen Erhalt des Schulfachs Biologie kämpft, und dafür bereits zahlreiche renommierte Unterzeichner gefunden. Interessanterweise zeigt sich in Gesprächen mit beiden Seiten, dass die Befürchtung der Kritiker, manche Inhalte kämen zukünftig zu kurz, genau jene Themen betrifft, die die zuständige Kommission im Landesinstitut für Schulentwicklung im Vergleich zum bisherigen Lehrplan ausdrücklich stärken will.

Dass die Namensänderung eines gut eingeführten Fachs, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann, Protest auslösen würde, wundert nicht. Ebenso müssen sich die Stuttgarter Planer fragen lassen, ob man den VBio als Berufsverband auch für Biologielehrer nicht als Experten in den Entwicklungsprozess hätte integrieren sollen – so wären einige der jetzigen Konfliktpunkte sicher mit ruhigerem Blut besprochen und vielleicht auch ausgeräumt worden. Die mediale Aufregung führt nun dazu, dass diese Umgestaltung in die Öffentlichkeit getragen und auch dort diskutiert wird – und viele Augen darauf ruhen werden, ob die Theorie sich in der Praxis bewährt.