Welche Krankheiten werden von Zecken übertragen?

Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) ist vor allem als Überträger der Infektionskrankheiten Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) bekannt. Die landesweit vorkommende Borreliose ist die häufigste von Zecken übertragene Krankheit, das Nationale Referenzzentrum für Borrelien schätzt, dass jährlich etwa 60 000 bis 100 000 Neuerkrankungen auftreten. Sie werden von Spirochäten (schraubenförmigen Bakterien) einer Artengruppe um Borrelia burgdorferi ausgelöst. FSME ist hingegen eine Viruserkrankung, die sich mit wenigen Ausnahmen auf Süddeutschland beschränkt, aber auch in Urlaubsgebieten in Ost- und Südosteuropa, Österreich, in der Schweiz, den baltischen Staaten, Finnland oder Schweden auftritt. Neben grippeähnlichen Symptomen kann es zu einer Entzündung der Hirnhaut (Meningitis), des Gehirns selbst (Enzephalitis) oder des Rückenmarks (Myelitis) kommen.

Perfekt gerüstet
© fotolia / Astendal
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDie Mundwerkzeuge von Ixodes ricinus

Wann und wo ist das Risiko besonders hoch?

Am aktivsten ist der Gemeine Holzbock im Sommerhalbjahr, vor allem im Frühjahr (rund um den April) und im Herbst (Oktober), gelegentlich sind Zecken aber auch in milden Wintern unterwegs, den sie in der Laubstreu verbringen. Sie brauchen feuchteres Wetter mit hoher Luftfeuchtigkeit, in trockenen, heißen Zeiten ziehen sie sich in die Laubschicht zurück. Bevorzugter Lebensraum sind daher Wälder und Waldränder, Unterholz und auch beschattete Wiesen. Mit ihren Wirtstieren – Säugetieren, aber auch Vögeln und Reptilien – dringen Zecken durchaus auch in Gärten vor.

Zecken brauchen den direkten Kontakt zu einem Wirt, der sie quasi von Grashalmen, aus dem Gebüsch oder auch von einem Baumstumpf oder Totholz "abstreift". Dafür erklettern die Tiere solche exponierten Punkte – aber nur bis maximal einen guten Meter über dem Boden, denn das entspricht der normalen Größe ihrer Wirte. Zu Fuß legen Zecken höchstens wenige Meter zurück, sammeln sich dabei jedoch häufig an Wildwechseln und Wegen. Das größte Risiko besteht daher in den niedrigeren Bereichen des Pflanzensaums an Wegrändern – und damit insbesondere für spielende Kinder oder querfeldein gehende Wanderer.

Während Borreliose deutschlandweit verbreitet ist, tritt FSME vorwiegend in Süddeutschland auf. Das Robert Koch-Institut (RKI) aktualisiert jährlich die Karte der entsprechenden Risikogebiete auf Landkreisebene (Stand Mai 2013, eine aktualisierte Version wird es im Mai 2015 geben). Dieses relativ grobe Raster verschleiert, dass das FSME-Risiko regional sehr unterschiedlich ist, außerdem bleibt die Einstufung als Risikogebiet noch 20 Jahre erhalten, auch wenn keine neuen Fälle mehr aufgetreten sind. Aktuell gelten 142 Kreise als Risikogebiete. Allerdings könnte es in ehemaligen FSME-Gebieten der östlichen Bundesländer noch überdauernde Virenreservoirs geben, warnt das RKI: Treten also klassische Symptome auch außerhalb eines ausgewiesenen Risikogebiets auf, sollte ein Verdacht auf FSME unbedingt überprüft werden.

Wie groß ist die Gefahr einer Borreliose-Erkrankung?

Eine genaue Übersicht zu den Fallzahlen ist schwierig, da Borreliose nur in einigen Bundesländern meldepflichtig ist. Für 2013 gibt das Robert Koch-Institut insgesamt 7813 gemeldete Fälle an, für 2014 liegen bisher 651 Meldefälle vor (Stand: 9. April 2014). Eine Analyse erbrachte für 2009 eine Häufigkeit (Inzidenz) von 34,7 Meldefällen pro 100 000 Einwohner bis 19,5 Fällen pro 100 000 Einwohner – Studien in Süddeutschland ergaben aber zwischen 111 und 260 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner: Die tatsächliche Zahl von Menschen, die an Borreliose erkranken, liegt also deutlich höher, als es die Zahlen des RKI widerspiegeln. Zudem schwanken die Zahlen regional stark, abhängig von der "Durchseuchung" der Zecken mit Borrelien im jeweiligen Gebiet, die lokal bis zu 30 Prozent betragen kann.

Borrelien unter dem Mikroskop
© CDC
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernBorrelien unter dem Mikroskop

Am meisten betroffen sind Kinder im Grundschulalter und ältere Erwachsene jenseits der 60, da sie wahrscheinlich das größte Risiko für Zeckenstiche aufweisen. Das Robert Koch-Institut verweist auf Ergebnisse, wonach etwa drei Prozent der 3- bis 6-Jährigen und sieben Prozent der 14- bis 17-Jährigen mindestens einmal von einer mit Borrelien infizierten Zecke gestochen werden. Daten aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) bestätigen das: Sie zeigen anhand von Tests auf spezifische Antikörper, dass etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen bereits einmal mit Borrelien infiziert waren und ihr Immunsystem darauf reagiert hat. Insbesondere in ländlichen Gebieten im Osten und Süden Deutschlands lagen die Werte hoch, laut statistischer Auswertung steigerte eine Katze (nicht aber ein Hund) im Haushalt das Infektionsrisiko. Klinische Symptome einer Borreliose entwickeln aber nur 0,3 bis 1,4 Prozent der Infizierten.

Klassisches Anzeichen einer Borreliose-Infektion ist die so genannte Wanderröte (Erythema migrans): ein nach einigen Tagen auftretender rötlicher Ring auf der Haut um die Stichstelle, der sich nach außen ausdehnt. Bei solchen oder ähnlichen Hauterscheinungen nach einem Zeckenstich sollte man unbedingt zum Arzt gehen, um eine eventuelle Infektion abzuklären. Eine direkte Behandlung mit Antibiotika kann Spätschäden verhindern, die an Gelenken, im Nervensystem und auch an anderen Organen auftreten können.

Wie groß ist das Risiko einer FSME-Erkrankung?

Obwohl die Fallzahlen deutlich geringer sind, ist die Sorge vor einer Infektion mit FSME-Viren bei vielen Menschen deutlich größer. Jährlich werden in Deutschland (FSME ist meldepflichtig) etwa 300 Erkrankungen gemeldet, mit deutlichen Schwankungen von Jahr zu Jahr: Für 2012 beispielsweise wurden dem RKI 195 Fälle gemeldet, 2013 waren es 420, 2014 sind es bisher 5 (Stand 9. April 2014). Damit liegt die Inzidenz mit Werten zwischen 0,2 und 0,3 Fällen pro 100 000 Einwohnern. In den am stärksten betroffenen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern reichen die Inzidenzen von 0,5 pro 100 000 Einwohnern bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis zu 1,7 pro 100 000 Einwohnern bei über 40-Jährigen. Im Mittel trägt jede hundertste bis tausendste Zecke in den Risikogebieten das FSME-Virus.

Symptome einer FSME zeigen etwa 30 Prozent der Infizierten: Sie bekommen etwa ein bis zwei Wochen nach dem Zeckenstich Fieber und grippeartige Beschwerden. Bei wiederum einem Drittel davon, also etwa 10 Prozent der Infizierten, ist auch das zentrale Nervensystem betroffen: Sie entwickeln eine Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung) oder, deutlich seltener, eine Myelitis (Entzündung des Rückenmarks). Meist heilen selbst die schweren Erkrankungen gut aus, bei einem Drittel dieser Patienten bleiben jedoch Dauerschäden.

Das Erkrankungsrisiko ist dabei für Erwachsene und insbesondere ältere Menschen deutlich höher als für jüngere oder Kinder: Im Jahr 2013 waren von den 420 Erkrankten gerade einmal 33 unter 15 Jahren (7,8 Prozent). Die höchsten Raten finden sich bei Männern im Alter von 40 bis 49 Jahren und bei Frauen im Alter von 50 bis 59 Jahren.

Die niedrigere Zahl bei Kindern geht unter anderem womöglich auf die empfohlene Schutzimpfung zurück: Bei Untersuchungen von Schulanfängern finden sich Impfquoten zwischen 25 und 50 Prozent. Zudem verläuft bei Kindern die eigentliche Erkrankung in der Regel leichter, und auch schwere Folgeschäden sind erheblich seltener als bei Erwachsenen.

Wie kann man sich schützen?

Zunächst einmal kann man den Zecken den Weg zur Stichstelle schwer machen: feste Schuhe, lange Hosen, gegebenenfalls in die Socken gesteckt, lange Ärmel, Zeckenspray. Das allerdings ist im Sommer insbesondere für Kinder kaum einzuhalten. Entscheidend ist, gerade sie allabendlich auf Zecken abzusuchen, denn die Borreliose-Erreger werden erst einige Stunden nach dem Stich der Zecke übertragen, da sie im Darm des Tieres sitzen. Die FSME-Viren werden allerdings mit dem Speichel direkt injiziert. Beliebte Stellen für Zecken sind versteckte und eher feuchte Areale wie Armbeugen, Kniekehlen, Bauchnabel und Genitalbereich, unter dem Hosenbund oder auch unter dem Uhrenarmband.

Eine fest haftende Zecke wird mit einer Pinzette oder einer Zeckenzange/-karte möglichst nah über der Haut gefasst und gerade aus der Haut gezogen. Kein Öl, kein Klebstoff, kein Drücken auf den Hinterleib! Das erhöht das Risiko einer Übertragung der Erreger, weil es das Tier reizt.

Gegen Borrelien gibt es bislang keine weitere vorbeugende Maßnahme. In den USA wurde zwar inzwischen ein Impfstoff entwickelt und zugelassen, er ist für Europa jedoch ungeeignet, da er sich nur gegen B. burgdorferi richtet, hier zu Lande aber vor allem andere Arten die Bakterien übertragen.

Karte der FSME-Risikogebiete laut Robert-Koch-Institut, Stand April 2012.
© Robert-Koch-Institut / CC0 CC0
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVerbreitung von FSME in Deutschland

Bei FSME ist eine aus drei Teilimpfungen bestehende Schutzimpfung auf dem Markt, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts "für Personen, die in Risikogebieten wohnen oder arbeiten und dabei ein Risiko für Zeckenstiche haben und für Personen, die sich aus anderen Gründen in Risikogebieten aufhalten und dabei gegenüber Zecken exponiert sind" empfohlen wird. Bei Schulanfängern liegt die Impfquote derzeit zwischen einem Viertel bis knapp der Hälfte, in der Gesamtbevölkerung allerdings ist sie deutlich niedriger. Angesichts des höheren Erkrankungsrisikos (nur fünf bis zehn Prozent der gemeldeten Fälle sind Kinder unter 15) und des zudem höheren Risikos eines schweren Verlaufs wäre aber gerade für Erwachsene die Impfung wichtig.

Die Impfung enthält abgetötete FSME-Viren, nach der Injektion in den Oberarm können ähnliche Beschwerden wie bei einer Tetanusimpfung auftreten. Manche Kinder entwickeln Fieber, insbesondere Ein- bis Zweijährige. Insgesamt werde die Impfung aber gut vertragen, weshalb auch der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte die Impfung empfiehlt.