Vor der Westküste Mittelamerikas ist das Wasser normalerweise kühl: Aus der Tiefe steigt eine nährstoffreiche Strömung an die Oberfläche und beflügelt das Meeresleben. Doch in unregelmäßigen Abständen überdeckt eine warme Wasserschicht den segensreichen Auftrieb. Und das ist nicht nur schlecht für die Fische, sondern verändert das Wetter noch tausende Kilometer entfernt. Dieses Jahr soll es wieder so weit sein.

Was ist El Niño?

Der tropische Pazifik schwingt wie ein etwas chaotisches Pendel zwischen zwei Extremzuständen, von denen El Niño einer ist. Das andere Extrem des Pendels nennt man La Niña. Beide sind Teil der ENSO, eines gekoppelten Systems aus Ozean und Atmosphäre, das das Wetter nicht nur rund um den Pazifik, sondern weltweit beeinflusst. In normalen Jahren, wenn kein ausgeprägter El Niño herrscht, wehen die Passatwinde Richtung Westen und drücken das warme Oberflächenwasser von der Küste Süd- und Mittelamerikas weg. Dort steigt kaltes, nährstoffreiches Wasser auf, das eine große Vielfalt von Meeresleben ernährt – und jene, die sich von ihm ernähren. In El-Niño-Jahren lassen diese Winde nach, und das warme Wasser dringt weit nach Osten vor. Wie diese Veränderung zu Stande kommt, ist unbekannt – als mögliche Verursacher gelten so genannte Kelvin-Wellen entlang des Äquators, die die Grenze zwischen warmen und kalten Wassermassen senken und anheben. In den letzten Monaten zogen drei ausgeprägte Kelvin-Wellen von West nach Ost durch den Pazifik. Man spricht von einem El Niño, wenn die Temperaturanomalie an der Meeresoberfläche einer bestimmten Region im Zentralpazifik ein halbes Grad Celsius übersteigt. Wichtig ist vor allem, wie deutlich die Anomalie ausgeprägt ist: Es sind die starken Ereignisse, die durch globale Wetterkapriolen auf sich aufmerksam machen und die die Menschen Südamerikas schon vor Jahrhunderten nach dem Zeitpunkt ihres Auftretens benannten: Christkind heißt auf Spanisch El Niño .

Extraterrestrischer Blick auf das Erdklima
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Steht ein besonders starker El Niño bevor?

Heftige El-Niño-Ereignisse treten in unregelmäßigen Abständen alle paar Jahre auf. Das letzte derartige Ereignis, in den Jahren 1997 und 1998, verursachte weltweit Wetterschäden in Milliardenhöhe. Nun sehen Experten eine hohe Wahrscheinlichkeit, dieses Jahr das erste derartige Extremereignis des 21. Jahrhunderts zu erleben. In welchem Zustand sich die Klimaschaukel befindet und wie die Aussichten für die Zukunft sind, das lesen Forscher und Forscherinnen aus Temperaturanomalien in verschiedenen Regionen des tropischen Pazifiks ab. Seit etwa Anfang März ist die Wasseroberfläche im Ostpazifik bereits deutlich höher als normal, in einigen Regionen um bis zu 1,5 Grad Celsius – vergleichbar mit der Situation vor dem bisher stärksten El Niño in den Jahren 1997/1998. Was das bedeutet, darüber sind sich die Experten allerdings uneins. Während der Klimatologe Kevin Trenberth bereits von einer so nie da gewesenen Situation spricht und einen beispiellos starken El Niño am Horizont wittert, sind andere Spezialisten vorsichtiger, zumal der El Niño gerade im Mai sehr empfindlich auf kurzfristige Wettermuster reagiert. Auf der Basis von Computermodellen sieht das Climate Prediction Center eine fast 60-prozentige Chance auf El-Niño-Bedingungen schon im Frühsommer – aber vielleicht fällt El Niño auch trotzdem noch ganz aus, wie im Niño-verdächtigen Jahr 2012. Die Wahrscheinlichkeit hierfür beträgt satte 20 Prozent.

Wasserbewegungen im Ostpazifik während eines El Niño
© NOAA
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Welche Folgen hat ein starker El Niño für Europa?

Die verschiedenen Modi der ENSO haben Auswirkungen auf das Wetter weltweit, aber die gravierendsten Effekte gehen von einem starken El Niño aus – dessen Wetterkapriolen werden auch Europa nicht verschonen. Beobachtungsdaten zeigen, dass das Wetterphänomen hier zu Lande vor allem das Klima im Winter beeinflusst – demnach müssen Südeuropa und Zentralasien mit einem wärmeren, regnerischen Winter rechnen, während das Wetter in Nordeuropa kühler und trockener zu werden verspricht als im Durchschnitt. Das allerdings ist harmlos im Vergleich zu dem, was anderen Weltgegenden blüht – El Niño ist bekannt dafür, bestehende Krisen zu verschärfen. In Indonesien, das derzeit schon von einer schweren Dürre heimgesucht wird, bringt ein El Niño größere Trockenheit, ebenso wie in Australien – dort befürchten Experten, dass Buschbrände ein noch größeres Problem werden als bisher schon. Das warme Wasser vor der Westküste Südamerikas wiederum vertreibt das Meeresleben, das dort normalerweise dank des nährstoffreichen Tiefenwassers blüht – der peruanischen Fischerei droht ein schlechtes Jahr. Die Sahelzone in Zentralafrika muss mit mehr Trockenheit rechnen. Im Südwesten der USA dagegen hoffen dürregeplagte Farmer auf den dort für El Niño typischen Regen. In Indien beschuldigt der Meteorologische Dienst derweil die USA, mit der Vorhersage "Gerüchte zu streuen" und dadurch die indischen Aktienmärkte gezielt zu schwächen – der jährliche Monsunregen ist dort ein heißes politisches Eisen, und El Niño bringt Trockenheit.

Wie hängen El Niño und das Weltklima zusammen?

Wie der globale Klimawandel mit der ENSO und der damit zusammenhängenden Pazifischen Dekadischen Oszillation interagiert, ist in der Forschung sehr umstritten. Beobachtungen legen nahe, dass in einer wärmeren Welt El-Niño-Zustände tendenziell häufiger werden. Theoretische Überlegungen deuten darauf hin, dass starke El Niños durch den Klimawandel doppelt so oft vorkommen werden: Der Ostpazifik erwärmt sich schneller als die umgebenden Regionen, so dass höhere Temperaturen hier wahrscheinlicher werden. Andersherum gibt es möglicherweise auch einen Zusammenhang. Experten spekulieren, dass ein starker El Niño viel von jener Wärme wieder freisetzen würde, die der Ozean in den letzten Jahrzehnten durch den Klimawandel zusätzlich aufgenommen hat: In El-Niño-Jahren ist die Atmosphäre global meist besonders warm.

Begünstigt El Niño Extremereignisse?

Das warme Wasser vor der Westküste Mittelamerikas verdunstet stärker und begünstigt so Stürme und heftige Niederschläge entlang den Westküsten von Nord- und Südamerika. In starken El-Niño-Jahren drohen besonders in Peru und Ecuador schwere Überschwemmungen. Auch in Kalifornien, wo man den Regen eigentlich herbeisehnt, muss man die Fluten fürchten. Im Meer vor der Küste sind Massensterben von Fischen und anderem Meeresleben nicht unbekannt. Starke und teils katastrophale Niederschlagsanomalien treten ebenso in anderen Teilen der Welt auf. In Afrika beeinflusst El Niño die Niederschläge in der Sahelzone – einige Experten spekulieren, dass El Niño schon an den verheerenden Dürren der 1970er und 1980er Jahre beteiligt war, bei denen hunderttausende Menschen starben, Belege dafür sind allerdings dünn gesät. Dagegen weiß man inzwischen, dass atlantische Hurrikane in El-Niño-Jahren seltener auftreten – stärkere Scherwinde behindern ihre Entstehung.