Das Virus, das hinter dem verheerenden Ebolaausbruch steckt, scheint aus dem Nichts gekommen zu sein – und überfordert nun die Welt. Leslie Lobel meint jedoch, dass wir es hätten vorhersehen können. Im Jahr 2012 studierte der Virologe von der Ben Gurion University of Beer-Sheva in Israel mit einem Forscherteam sechs Monate lang das Ebolavirus sowie verwandte Viren in Uganda. Während dieser Zeit verursachten diese Erreger mindestens vier verschiedene Krankheitsausbrüche in Zentralafrika, wo sie mehr als 100 Menschen befielen. Lobel erinnern diese Ausbrüche an die kleinen Erschütterungen, die einem größeren Erdbeben vorausgehen können. "Wir hatten alle das Gefühl, dass hier irgendetwas im Gang ist – und sich bald etwas Großes ereignet", meint er.

Wie Lobel prophezeiten auch andere Wissenschaftler, dass diese Viren eines Tages eine große Epidemie herbeiführen würden – was der aktuelle Ausbruch, der bislang mehr als 5000 Opfer gefordert hat, bestätigt. Forscher zählen fünf eng miteinander verwandte Virusarten zu den "Ebolaviren"; das Zaire-Ebola-Virus und damit die für den aktuellen Ausbruch verantwortliche Art, ist allgemein bekannt als "das Ebolavirus". Zusammen mit dem Marburg-Virus und dem Lloviu-Virus bilden die Ebolaviren die Familie der Filoviren, die bis in die 1960er Jahre unbekannt waren. Alle diese Filoviren teilen sich eine gemeinsame Struktur, und die meisten von ihnen verursachen ein für uns Menschen lebensbedrohliches hämorrhagisches Fieber.

Forschung an diesen früher wenig beachteten Viren entwickelte sich so richtig erst nach den Milzbrandanschlägen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2001. Diese veranlassten Behörden dazu, Geld in die Erforschung tödlicher Erreger, die für Bioterroranschläge genutzt werden könnten, zu investieren und speziell dafür vorgesehene Laboratorien zu errichten, in denen sie sicher untersucht werden können. Wissenschaftler haben mittlerweile gelernt, wie diese Viren funktionieren, und die ersten experimentellen Impfstoffe und Therapien hergestellt, die ihnen das Handwerk legen könnten. "Die finanzielle Förderung der Bioabwehr ist enorm", meint der Mikrobiologe Thomas Geisbert von der University of Texas Medical Branch Galveston, der Ebolaviren bereits seit 26 Jahren erforscht.

Ebolavirus
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Einzelaufnahme eines Ebolavirus mit seiner typischen Fadenform: Ebola und verwandte Viren kennzeichnet, dass damit Infizierte mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben.

Aber die Fortschritte in der Erforschung der Filoviren enttarnten gleichzeitig gravierende Wissenslücken. Viele Forscher vermuten, dass es weitere Mitglieder der Filovirenfamilie gibt, die bislang unentdeckt blieben und in anderen Teilen der Welt vorkommen. Sie arbeiten auch an den Fragen, welche Tiere den Filoviren als natürliches Reservoir dienen und warum die Zahl der durch Filoviren verursachten Krankheitsausbrüche beim Menschen steigt: In 19 der letzten 21 Jahre traten kleinere Epidemien auf, darunter allein drei im Jahr 2014. Es ist schwierig, darauf Antworten zu finden, da die Ausbrüche nicht vorhersehbar sind und Laborarbeit mit den Filoviren die höchsten Sicherheitsmaßnahmen erfordert.

Seit die aktuelle Epidemie ausufert, gerät die Wissenschaft wieder vermehrt ins Blickfeld. Forscher erkennen nun, dass sie dieses Ebolavirus nur dann aufhalten können, wenn sie seine Biologie und ihren Einfluss darauf verstehen lernen. "Wir benötigen viel mehr Informationen über die Virologie, das klinische Erscheinungsbild und die Epidemiologie dieses Virus", meint Michael Osterholm, ein Wissenschaftler im Gesundheitswesen des Center for Infectious Disease Research and Policy der University of Minnesota in Minneapolis. "Niemand unterschätzt die Problematik, Forschung in dieser Situation zu betreiben, aber es ist unheimlich wichtig, diese Informationen zu bekommen." Deshalb bat "Nature" führende Wissenschaftler, die dringendsten wissenschaftlichen Fragen zum Ebolavirus und anderen Filoviren zu beantworten – Fragen, die, falls sie beantwortet werden, einen weiteren katastrophalen Krankheitsausbruch verhindern oder bei der Eindämmung des aktuellen helfen könnten.

Woher kommen Filoviren?

Im Juli 2007 infizierte sich ein Bergwerksarbeiter, der in einer ugandischen Höhle nach Blei und Gold suchte, mit dem Marburg-Virus. Funktionäre ließen die Höhle schließen, und ein Forscherteam der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) rückte zur Untersuchung an. Die Forscher erhofften sich, eine jahrzehntealte Frage zu beantworten: Welches Tier ist der natürliche Wirt für Filoviren? Das Geheimnis besteht seit 1967, als das Marburg-Virus – und damit das erste entdeckte Filovirus – europäische Laboranten krank machte, die importierte Affen angefasst hatten. Die hohe Sterberate nach Filovireninfektion bei Affen, Menschen und anderen Menschenaffenarten wies darauf hin, dass Primaten nicht die natürlichen Wirte waren: Wenn ein Virus zu viele seiner Wirte tötet, kann es sich nicht vermehren und stirbt schließlich aus. Auch gab es Indizien auf Fledermäuse als ein mögliches Reservoir für das Virus. Um das jedoch zu beweisen, mussten die Wissenschaftler erst einmal eine infizierte Fledermaus finden.

Ebola-Forscher US-Army
© Army Medicine / Randal J. Schoepp / Army researcher fighting Ebola on front lines / CC BY 2.0 CC BY
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Zwei Medizinforscher der US-Army machen Versuche mit dem Ebolaerreger.

Die Forscher fingen rund 1300 Fledermäuse und Flughunde ein, die in der Höhle schliefen, und testeten ihr Blut auf das Marburg-Virus. Schließlich fanden sie, wonach sie gesucht hatten: infektiöse Marburg-Viren – isoliert aus fünf Nilflughunden, von denen kein einziger selbst Krankheitssymptome zeigte. In einer benachbarten Höhle fand das Team weitere infizierte Tiere, die mit einem vorhergehenden Ausbruch des Marburg-Virus in Verbindung gebracht wurden.

Es ist nicht vollkommen klar, wie genau das Virus von den Fledertieren auf Menschen übertragen wird, obwohl der wahrscheinlichste Weg der Kontakt mit Körperflüssigkeiten ist. Fledermäuse, die im Labor mit dem Marburg-Virus infiziert werden, scheiden den Erreger über ihre Münder aus. Demnach könnten es wilde Flughunde verbreiten, indem sie Spuren des Virus auf Früchten hinterlassen, die dann später von anderen Tieren verzehrt werden. Es ist äußerst wichtig, die Wirtsart der anderen Filoviren zu kennen. "Bis wir das Reservoir nachvollziehen können, ist es schwierig, einen übermäßigen Konsum dieser Tierart einzuschränken", meint John Dye, ein Virologe des US Army Medical Research Institute of Infectious Diseases in Fort Detrick, Maryland.

Mittlerweile hegen Wissenschaftler die starke Vermutung, dass auch andere Fledermäuse zu den natürlichen Wirten für Ebolaviren gehören. Im Jahr 1976, während eines der ersten bekannten Ebolaausbrüche, arbeiteten die sechs Leute, die ursprünglich damit infiziert wurden, in einer Fabrikhalle im Sudan, die auch schlafende Fledermäuse beherbergte. Seitdem isolieren Forscher Antikörper gegen die Ebolaviren aus Fledermäusen ebenso wie Bruchstücke genetischen Virenmaterials. Jedoch hat sich der Nachweis, dass Fledermäuse tatsächlich als Reservoir dienen, als äußerst komplizierte Angelegenheit entpuppt – bisher gelang es noch niemandem, auch nur ein infektiöses Ebolavirus aus einer wilden Fledermaus zu isolieren. Zudem gestaltet es sich noch immer mühselig, seltene und vereinzelt auftretende Ausbrüche bis zum Ursprung zurückzuverfolgen.

Die Ebolaausbrüche entwickelten sich an vielen Orten und nur gelegentlich bei Menschen oder Tieren, die erwiesenermaßen Kontakt mit Fledermäusen hatten. "Man betrachtet so ziemlich den gesamten Tropenwald", sagt Jonathan Towner, ein Virologe des CDC in Atlanta, der für die Marburg-Untersuchungen Fledermäuse in Uganda einfing. Man glaubt, dass der aktuelle Ausbruch im Dezember 2013 im südöstlichen Guinea begann, als ein zweijähriger Junge an einer mysteriösen Krankheit starb, die sich schnell auf Familienmitglieder und Beschäftigte im Gesundheitswesen ausbreitete. Bislang richtete sich die Reaktion auf den Ausbruch mehr darauf, ihn einzudämmen, als ihn bis zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. "Diese gesundheitliche Krise ist beispiellos", so Towner. "Momentan bestehen keinerlei Kapazitäten, auch noch die ökologischen Ursprünge zu untersuchen."

Wie weit verbreitet sind Filoviren?

Filoviren kommen nicht nur in Fledermäusen und Primaten vor. Dies wurde im Jahr 2008 deutlich, als philippinische Beamte zur Untersuchung eines Krankheitsausbruchs bei Schweinen um Hilfe baten. Als die Forscher eintrafen, stellten sie fest, dass die Schweine mit dem Reston-Ebola-Virus infiziert waren – einer Art, die 1989 erstmals bei aus den Philippinen in die USA importierten Affen gefunden worden war. Diese Entdeckung war ein Schock, da bis zu diesem Zeitpunkt kein Ebolavirus dafür bekannt gewesen war, auf natürlichem Weg ein Nutztier zu infizieren. Und es blieb kein außergewöhnliches Ereignis: Das Reston-Ebola-Virus wurde 2012 auch in Schweinen in China gefunden. Allerdings scheint das Reston-Virus relativ harmlos für uns zu sein. Menschen, die auf den philippinischen Schweinefarmen arbeiteten, bildeten Antikörper dagegen – ein Zeichen, dass die Schweine das Virus auf sie übertragen hatten –, aber niemand erkrankte daran.

Im Jahr 2011 bestätigten Wissenschaftler, dass Schweine sich auch mit dem Zaire-Ebola-Virus anstecken können. Nun herrscht Sorge, dass die Schweine als eine Art Mischgefäß für Filoviren fungieren könnten. Schweine könnten gleichzeitig mit verschiedenen Filoviren infiziert sein, die genetisches Material austauschen, um letztendlich neue Varianten hervorzubringen. Diese wären dann dazu im Stande, Menschen krank zu machen. "Die wichtige, pragmatische Frage ist doch: Müssen wir uns um Reston Sorgen machen? Auch wenn es für Menschen wirklich nicht krankheitserregend ist, bestünde denn nicht die Möglichkeit, dass sich das ändern könnte?", meint Erica Ollmann Saphire, eine Strukturbiologin, die Filoviren am kalifornischen Scripps Research Institute in La Jolla untersucht.

Vermutlich stehen Wissenschaftler noch ganz am Anfang, die unterschiedlichen Typen der Filoviren und deren geografische Reichweite zu erkennen. Die Liste bekannter Filoviren wurde erst kürzlich erweitert: 2007 wurde in Uganda das fünfte Ebolavirus (Bundibugyo ebolavirus) entdeckt, und 2011 wurde das Lloviu-Virus bei toten Fledermäusen in Spanien ausfindig gemacht. "Wir könnten weitere Vertreter der Filovirenfamilie anderswo auf der Welt finden", meint Ayato Takata, ein Virologe der japanischen Hokkaido University in Sapporo. Die Tatsache, dass Viren heute häufiger als gedacht vorkommen, legt nahe, dass sie bereits für eine sehr lange Zeit unter uns weilen – vielleicht sogar für die längste Zeit der menschlichen Geschichte. Und es könnte sein, dass Wissenschaftler nur einen kleinen Bruchteil an Fällen erkennen, in denen sie vom Tier auf Menschen überwechseln. Forscher versuchen jetzt herauszufinden, wie oft sie auf Leute überspringen und wie oft sie dabei eine Krankheit verursachen: 2010 meldete ein Team: Mindestens 20 Prozent der Bevölkerung in bestimmten Landesteilen von Gabun trügen Antikörper gegen das Zaire-Ebola-Virus in ihrem Blut, was darauf hindeutet, dass sie in der Vergangenheit dem Virus ausgesetzt waren, ohne dabei krank zu werden.

Ebolaverbreitung in Westafrika
© Check Hayden, E.: Ebola's lost ward. In: Nature 513, S. 474–477, 2014; nach: reliefweb.int
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Das gefährliche Virus hat sich über fast alle Provinzen der drei westafrikanischen Staaten Sierra Leone, Guinea und Liberia ausgebreitet. In Liberia steigt die Zahl der Infizierten exponentiell.

Wie Lobel betont, dürfen diese Daten nicht ganz für bare Münze genommen werden, denn die Analysen könnten auch "nur" Immunreaktionen gegen die den Ebolaviren ähnlichen Erreger nachweisen. In seinen Studien zeigten Menschen, die eindeutige Ebolainfektionen überlebt hatten, eine andere Immunantwort als diejenigen, die nie infiziert gewesen waren. Jetzt überprüfen er und andere Forscher die Immunantworten von weiteren Überlebenden der Filoviren.

Eine drängende Frage im gegenwärtigen Ausbruch ist, inwiefern sich das momentan zirkulierende Zaire-Ebola-Virus verändern könnte. Seine schnelle Ausbreitung weist darauf hin, dass an diesem Stamm vielleicht etwas anders ist – möglicherweise ist es leichter geworden, von einem Menschen auf den nächsten zu springen. "Wir müssen untersuchen, ob sich der Stamm von 2014 wie frühere Ausbruchsstämme verhält oder ob er unter Umständen noch virulenter wurde", erklärt Kristian Andersen, ein Virologe des Broad Institute in Cambridge, Massachusetts.

Andersen mahnt, dass noch keine Daten existieren, die darauf hinweisen. Obwohl eine ganze Hand voll Forscher befürchtet, das Virus könne zu einer durch die Luft übertragenen Variante mutieren, halten es die meisten für unwahrscheinlich, dass sich der Erreger derart schnell verändert. Genanalysen zeigten, dass dieser Stamm des Zaire-Ebola-Virus bereits hunderte Male mutiert ist, seitdem es sich vor zehn Jahren von einem Virusahnen in verschiedene Richtungen entwickelte. Jedoch weiß bis heute noch niemand, ob irgendwelche dieser Mutationen wichtige Eigenschaften des Virus verändert haben. Stattdessen wird seine beispiellose Verbreitung auf die Tatsache zurückgeführt, dass es in einer Gegend Afrikas entstand, wo Menschen mit dem Virus und dessen Kontrolle nicht vertraut waren, was ihm die Expansion in städtische Zentren ermöglichte. Wissenschaftler führen nun gründlichere Studien über das Virus durch, um seinen Ursprung und besondere Merkmale besser zu verstehen.

Machen wir Ebola zu unserem schlimmsten Feind?

Im September veröffentlichten Epidemiologen eine Auswertung, in der sie die Orte aller Ebolaausbrüche in Afrika mitsamt den bekannten Verbreitungsgebieten dreier Fledermausarten abglichen, die als potenzielle Reservoire für die Viren gelten. Zudem stellten sie grafisch die Veränderungen in afrikanischen Populationen und deren Mobilität dar – wie zum Beispiel den Anteil an Bewohnern eines jeden Landes, der in ländlichen und kommunalen Gegenden lebt. Das Team wollte die Gebiete genau festlegen, die für zukünftige Ausbrüche besonders gefährdet sein könnten.

Vor 2014 konnten alle bis auf einen der Ausbrüche im Menschen nach Zentralafrika zurückverfolgt werden; der Stamm des Zaire-Ebola-Virus war in Westafrika dagegen noch nie zuvor aufgetreten. Allerdings "hätten wir nicht dermaßen überrascht sein dürfen, dass es ihn dort gab", meint Simon Hay, ein Epidemiologe der britischen University of Oxford und Leiter der Analyse. Selbst als er und sein Team die Daten des aktuellen Ausbruchs nicht mit einbezogen, sagten sie voraus, dass die drei am schlimmsten betroffenen Länder – Sierra Leone, Guinea und Liberia – für eine Epidemie besonders gefährdet seien, da dort eine hohe Zahl an Menschen in jenen Gegenden lebt, in denen auch die Fledermäuse siedeln. Die Auswertung hebt insgesamt 22 afrikanische Länder hervor, in denen Ebolaausbrüche beginnen können und 22 Millionen Menschen gefährdet sind.

Die Studie erläutert auch, warum Filovirusausbrüche anscheinend immer häufiger, verstreuter und großflächiger werden. Die Bevölkerung hat sich in den Risikoländern fast verdreifacht, seit die Viren erstmals entdeckt wurden. Zudem nahm der Flugverkehr seit 2005 um ein Drittel zu. Die Viren kommen nicht stärker auf uns zu; stattdessen dringen wir immer weiter in ihre Heimat vor, da die Bevölkerung wächst, in die Regenwälder drängt und der zunehmende Reiseverkehr Menschen in Kontakt mit viralen Wirten bringt. Und dann transportieren Menschen die Viren unbeabsichtigt rund um den Globus. "Es existiert diese Vorstellung, dass die Ausbrüche nur in komplett isolierten, abgelegenen Teilen Afrikas vorkommen, wo sie enden, bevor sie die Metropolen erreichen", erklärt Hay. "Wie wir gemerkt haben, ist dies im jüngsten Ausbruch offensichtlich nicht der Fall." Sein Team hat die Daten veröffentlicht und hofft nun darauf, dass andere die Informationen dazu nutzen, nach konkreteren Umweltfaktoren zu suchen – Verbindungen von Klima und Geografie, die exakt auf jene Orte hindeuten, an denen Ausbrüche zukünftig am wahrscheinlichsten stattfinden.

Warum ist Ebola so tödlich?

Das Ebolavirus gilt als eines der tödlichsten Viren überhaupt. Während des aktuellen Ausbruchs starben schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der Infizierten, bei früheren Ausbrüchen lag die Zahl bei fast 90 Prozent. Nur Tollwut, Pocken und wenige andere Viren sind ähnlich verheerend, wenn sie unbehandelt bleiben. Der Grund: Ebola und andere Filoviren sorgen dafür, dass sich die Verteidigungsmechanismen des menschlichen Körpers gegen diesen selbst richten.

Wenn ein Virus in den Körper dringt, aktiviert es normalerweise Zellen des "angeborenen" Immunsystems, die dann Entzündungen und andere Reaktionen auslösen, um die Infektion zu bekämpfen. Das Ebolavirus jedoch infiltriert und lähmt diese Zellen – und schaltet damit die erste Verteidigungslinie aus. Diese sterbenden Zellen lösen einen zerstörerischen Zytokinsturm aus und töten damit immer mehr Abwehrzellen, die üblicherweise schützende Antikörper bilden.

Andere hochpathogene Viren lösen zwar ebenfalls Zytokinstürme aus – allerdings gelten Filoviren als besonders tödlich, da sie ein breites Spektrum an Geweben beeinflussen. Zusätzlich zum Immunsystem greift etwa Ebola noch Milz und Nieren an, wo es Zellen zerstört, die dem Körper helfen, sein Flüssigkeits- und chemisches Gleichgewicht zu regulieren, und die Proteine herstellen, die bei der Blutgerinnung helfen. Im schlimmsten Fall führt das Virus zum Versagen von Leber, Lungen und Nieren. Andere Organe fallen dann ebenso aus, und Blut sickert in das umgebende Gewebe – was meist mit dem Tod endet.

Wenn Wissenschaftler ermitteln, wie das Immunsystem der Überlebenden es geschafft hat, das Virus zu bekämpfen, könnten sie daraus möglicherweise einen Impfstoff entwickeln. So bildeten Überlebende vergangener Ausbrüche Antikörper gegen das Ebolavirus aus, ihr Körper verhinderte den Zytokinsturm, und ihre Immunzellen arbeiteten weiter. Warum sie das schafften und andere nicht, ist immer noch rätselhaft. "Die Frage in unser aller Köpfe ist: Wie konnten sie überleben?", sagt Lobel.

Eine richtige Behandlung kann die Überlebenschance erhöhen. Im aktuellen Ausbruch überlebten infizierte Menschen eher, die in Industriestaaten behandelt wurden, als Patienten in Afrika – weil sie intensivere Pflege erhielten. Noch existiert kein gezieltes Heilverfahren bei Filovirusinfektionen, aber Ärzte können genau die Blutchemie und Proteinstörungen, die durch Organversagen und Flüssigkeitsverlust entstehen, beobachten und korrigieren – beispielsweise mit intravenösen Tropfinfusionen oder einer Nierendialyse. "Im Augenblick sorgt das Ebolavirus in den Epidemiezentren wegen der mangelnden Gesundheitsversorgung für eine so hohe Sterberate", erklärt Dye. "Wenn sich die medizinische Versorgung verbessert, wird auch die Sterberate sinken."

Laut Osterholm werden in den am stärksten betroffenen Regionen momentan leider sogar die grundlegendsten Hilfsmaßnahmen nicht bereitgestellt. Beispielsweise wird statt des intravenösen Flüssigkeitsaustauschs häufig die Rehydrationstherapie über den Mund angewendet, da man befürchtet, dass sich Pfleger beim Legen eines Zugangs infizieren könnten. Man müsse sich dringend fragen, inwiefern diese Entscheidungen Patienten beeinträchtigen, mahnt Osterholm: "Welche Behandlungen funktionieren in dieser Umgebung? Hat unser Tun irgendeine klinisch relevante Wirkung?"

Kann man das Virus aufhalten?

Dutzende der vorangegangenen Filovirenepidemien endeten, weil man dieselben einfachen Hilfsmittel nutzte: Patienten werden isoliert behandelt, ihre Kontakte zurückverfolgt und überwacht. Mediziner nutzten diese Methode auch, um die Ausbreitung von Ebola in Nigeria und im Senegal einzudämmen – beide Länder gelten mittlerweile wieder offiziell als seuchenfrei. Jedoch blieb die ursprüngliche Reaktion des Gesundheitswesens in ganz Westafrika am Beginn des Ausbruchs völlig unangemessen, so dass sich das Virus rasch ausbreiten konnte.

Falls die Seuche, wie es einige Epidemiologen prophezeien, bis zum Januar 2015 zehn- oder gar hunderttausende Menschen infiziert, dann könnte es beinahe unmöglich werden, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Man könnte nicht die nötige Menge an Medizinern und Pflegern einstellen und trainieren. Man müsste sich dann etwas völlig Neues überlegen.

Hilfs- und gemeinnützige Organisationen probieren gerade neue Arten der Eindämmung aus. Um das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern, werden in Sierra Leone Isolierzentren errichtet, die Patienten fernab ihrer Familie und Gemeinde aufnehmen können. Diese haben jedoch weniger qualifizierte Angestellte in der Gesundheitspflege als normale Behandlungszentren – eine kontroverse Maßnahme, denn eventuell verbreitet sich dann die Nachricht, Patienten würden dort nur eingeliefert, um zu sterben.

Aber sie spiegeln die brutale Realität wider, dass existierende Krankenhäuser überfüllt sind und die Patienten abgewiesen werden, was die Verbreitung der Seuche weiter befeuert. "Jeder sieht ein, dass diese Gemeinschaftseinrichtungen geringeren Niveaus nicht ideal sind, aber wir versuchen hier, etwas anstatt gar nichts zu tun, um die Übertragungsrate in den Gemeinden zu senken", erklärt Hays.

Ein weiterer neuer Ansatz baut auf experimentelle Therapien und Impfungen, die speziell gegen das Ebolavirus entwickelt werden. Große Beachtung wurde vor allem ZMapp geschenkt – einem Antikörpercocktail, der vorab an infizierten Mäusen getestet und während dieses Ausbruchs bereits mehreren Menschen verabreicht wurde. Im August meldeten Forscher, dass ZMapp 18 Affen vor dem Tod durch das Ebolavirus bewahrt hatte – der erste Bericht einer erfolgreichen Therapie an Tieren, die bereits Krankheitssymptome zeigten. Wissenschaftler führen nun weitere Tests mit diesem und anderen Medikamenten durch, darunter mehrere experimentelle Impfstoffe.

Selbst wenn diese Therapien funktionieren, ist das Problem bei Weitem nicht gelöst. Sie konzentrieren sich alle auf das Zaire-Ebola-Virus, das tödlichste der vier Arten, die Menschen krank machen; aber es ist unwahrscheinlich, dass sie genau so erfolgreich bei anderen Filoviren wirken. Saphire leitete eine internationale Vereinigung, die systematisch Antikörperkombinationen testet, um diejenigen zu finden, die am besten gegen verschiedene Typen von Filoviren wirken. Forscher hoffen darauf, eines Tages Heilmittel herzustellen, die gegen mehrere Filoviren wirken und die man sofort verwenden könnte, wenn Symptome auftreten, anstatt wertvolle Zeit mit Diagnosen zu verschwenden, welches Virus genau denn jemanden krank macht.

Forscher sehen ein, dass die akute medizinische Reaktion auf diesen Ausbruch momentan oberste Priorität hat, gleichzeitig sind sie noch entschlossener, diese rätselhafte Familie der Killerviren zu verstehen. "Was gerade in Afrika passiert, ist zum Verzweifeln", meint Saphire. "Aber es motiviert die Menschen erst recht, herauszufinden, was wir tun müssen, um diese Probleme zu lösen."