Die Hütten waren verrammelt und alle Kanonen vergraben, zwei Schiffe lagen reisefertig im Hafen. Der 7. Juni 1610, das hatten sie beschlossen, sollte das Ende der Kolonie Jamestown sein. Drei Jahre und knapp zwei Monate nach der Gründung hissten sie auf dem James River die Segel. Ziel: erst der offene Atlantik und dann die Heimat – England.

Zwei Tage später saßen sie wieder am alten Küchentisch. "Alle am Fort wieder angelandet", verzeichnet der Chronist William Strachey für den 9. Juni. Fluch oder – je nachdem – Segen der Kolonisten war, nach nur zehn gesegelten Meilen auf Thomas West, den Baron De La Warr, zu stoßen. Der frischgebackene Gouverneur von Jamestown kam gerade aus England und hieß die Siedler umkehren.

Moskitos und Sumpf

Häuser im Museumsdorf von Jamestown
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Ein Hungerwinter in den Jahren 1609/1610 hatte kurz zuvor 400 der 500 Kolonisten dahingerafft, die Übrigen waren abgemagert und krank. Auf den Schiffen einer Anfang des Jahres verspätet eingetroffenen Versorgungsmission sollte die geplante Rückreise stattfinden.

Seitdem an jenem 14. Mai 1607 die ursprünglich 105 englischen Glückssucher zum ersten Mal die zwar gut zu verteidigende, doch sumpfige und moskitoverseuchte Insel im heutigen Bundesstaat Virginia betraten, drohte ihnen permanent das Fiasko. Nicht Bauern waren gekommen, sondern ein bunter Haufen von Haudegen, der sich aus allen Schichten der englischen Gesellschaft rekrutierte. Lebensmittel galt es bei den Einheimischen zu beschaffen. Statt Selbstversorgung zählte die Produktion von Exportgütern.

Doch weder das eine, noch das andere erwies sich als praktikabel. Jamestown wollte einfach nichts abwerfen und verwickelte sich dazu noch in einen nicht enden wollenden Krieg mit den Indianern. Hunger und Verzweiflung soll sie schließlich sogar zum Kannibalismus getrieben haben. Im Ergebnis hingen die Siedler jahrelang am Tropf der privaten Virginia Company of London, die die Kolonie finanzierte, mit Gütern versorgte und dabei auf ihren Kosten sitzen blieb. Erst der Tabakanbau bescherte ihr schließlich den ersehnten wirtschaftlichen Ertrag und Jamestown den zweifelhaften Ruhm, zwölf Jahre nach ihrer Gründung als erste unter den englischen Außenposten Arbeitssklaven aus Afrika eingesetzt zu haben.

Helden gesucht

All diejenigen, die nun in der ersten dauerhaften englischsprachigen Kolonie die Wiege ihrer Nation sehen, können bei den Festlichkeiten vom 11. bis 13. Mai im teilweise rekonstruierten Fort den 400. Geburtstag der USA feiern. Doch begreiflicherweise tun sich viele Amerikaner schwer damit, in den Kolonisten Heldenfiguren zu sehen.

Der romantischere der amerikanischen Gründungsmythen hat andere Daten: Rund 750 Kilometer weiter nördlich und dreizehn Jahre später landeten die "Pilgrim Fathers" an Bord ihrer "Mayflower" im heutigen Massachusetts. "Maiblume" – ein durchaus passender Name für ihr Schiff, wirken doch die Kolonisten aus dem englischen Plymouth im Vergleich zu ihren Kollegen in Virginia wie die Blumenkinder des 17. Jahrhunderts: Friedliebende Aussteiger, die auf der Suche nach einem besseren Leben in einer neuen Welt vor der religiösen Intoleranz ihrer Heimat flohen, die bescheiden und arbeitsam ihr Auskommen sicherten und mit den Ureinwohnern fröhliches Thanksgiving feierten.

Siedler und Indianer bekriegten sich Jahrzehnte
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"Jamestowns jugendgefährdende Geschichte von tödlichen Fehden, interethnischen Kriegen, dem Beginn der englischen Sklaverei, dem kapitalistischen Profitstreben, von Nikotinsucht, Terrorismus und sogar Kannibalismus konnte mit dem harmlosen Kindermärchen von den ‚Pilgrim Fathers’ nie mithalten, was die geliebten mythischen Erinnerungen unseres Volkes angeht", schreibt der Ethnohistoriker Fred Fausz von der Universität von Missouri in St. Louis.

Jamestown, Quebec, Santa Fe

Auch die heutigen Indianer wollen nicht so recht einstimmen in die amerikanischen Jubelfeiern zum 400. Jahrestag – genauso wenig wie die Afroamerikaner. Das Wort von "Gedenkveranstaltungen" macht die Runde. Viele europäische und asiatische Einwanderer fühlen sich ebenfalls nicht repräsentiert. Noch früher als die Engländer in Jamestown, siedelten in Quebec die Franzosen, in Santa Fe die Spanier. Wem die moderne amerikanische Gesellschaft wie ein bunt zusammen gewürfeltes Konglomerat vieler Nationalitäten erscheint, kritisiert die Auswahl des Gründungsdatums von Jamestown als Geburtsstunde Amerikas als willkürlich.

"Protestantismus, die englische Sprache und das englische Rechtswesen – die Wurzeln unserer Kultur liegen in England", hält Joe Gutierrez, einer der Direktoren der Jamestown-Yorktown Foundation, die die Museen an historischer Stätte betreibt, dagegen: "Wem diese Dinge wichtig sind, dem ist auch Jamestown wichtig".

Nachbau der "Susan Constant"
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Doch der Reiz besteht vor allem darin, der heutigen US-amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und ihr ein ehrliches, wenn auch nicht besonders schmeichelhaftes Abbild zu zeigen, schrieb zum Beispiel die Washington Post am 9.  Mai.

Demokratie und ethnische Konflikte

Demokratie, freies Unternehmertum als Grundtugend der Gesellschaft und der Beginn der Konflikte zwischen den Kulturen der Europäer, Afrikaner und der Indianer, die bis ins 20. Jahrhundert andauern sollten: An diesen drei Eckpunkten macht man in Amerika heute die Bedeutung Jamestowns fest.

Anstatt auf die Order der Krone zu warten, organisierte die Kolonie eine Ratsversammlung aus gewählten Volksvertretern, die zunächst praktisch allein für die Geschicke Jamestowns verantwortlich war und es auch später noch blieb, als die Virginia Company die Rechte an James I. verlor, dem zu Ehren die Siedung ihren Namen trug.

Mittelgang der Kirche von Jamestown
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Doch nicht die Suche nach Freiheit und Demokratie stand hier im Vordergrund, sondern das Bedürfnis, ein wirtschaftlich erfolgreiches Gemeinwesen zu bilden. Der Profit sollte ihr aller Überleben sicherstellen, und man war bereit, dafür über Leichen zu gehen: Ein rentabler Tabakanbau verlangte nach Arbeitskräften und Land. Für ersteres kamen Sklaven nach Jamestown und von letzterem galt es, die Indianer zu vertreiben. Die fortwährenden kriegerischen Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Ureinwohnern wurden jedoch zur Zerreißprobe für die Kolonisten.

Indianermassaker

Ein Massaker der Indianer tötete 1622 mindestens 320 Menschen – fast ein Drittel aller Siedler. Eine Jahrzehnt von Scharmützeln und Vergeltungsangriffen mündete schließlich im Bau einer fast zehn Kilometer langen Palisade. Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass im Jahr 1644 rund 500 Engländer einem weiteren Großangriff zum Opfer fielen.

Sieger blieben am Ende doch die Kolonisten. Wie sie den Entbehrungen durch Hunger und Krankheiten trotzten, so steckten sie die Auseinandersetzungen mit den Indianern weg. Der stetige Nachschub von Neuankömmlingen glich den Blutzoll aus und sicherte das Wachstum der Kolonie, die im Jahr 1634 bereits 5000 Einwohner zählte.

Am 20.  Oktober 1698 kann dann auch für Jamestown das Ende. Als Virginia prosperierte und auf sicherem Boden stand, waren die Ansprüche gewachsen: Die Hauptstadt wurde von der sumpfigen Insel flussaufwärts ins repräsentativere Middle Plantation, dem späteren Williamsburg, verlegt. In Jamestown hatten die Engländer den Fuß in die Tür gesetzt – sie nahmen ihn erst wieder heraus, als die Tore offen standen.