Herr Dr. Bonney, Studien deuten auf einen großen Einfluss genetischer Faktoren bei der Entstehung von ADHS hin. Andererseits hat die Zahl der Diagnosen in jüngster Zeit zugenommen. Wie passt das zusammen?

Aus Gehirn&Geist 9/2012
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Unsere genetische Ausstattung hat sich in den letzten paar tausend Jahren sicher nicht grundlegend verändert. Wenn man heute also in wachsendem Maß Aufmerksamkeitsprobleme bei Kindern beobachtet, dann hat das in erster Linie mit veränderten Umweltanforderungen zu tun. ADHS ist im Wesentlichen ein kulturelles Phänomen, dessen Wurzeln weit zurückreichen. Schon etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts machte das Verständnis von Wahrnehmungsprozessen einen grundlegenden Wandel durch: Nicht mehr das Objekt wurde als deren Ausgangspunkt betrachtet, sondern das Subjekt, das selbstständig dafür sorgen muss, dass es im "Gewühle der Sinneseindrücke" nicht untergeht.

Gleichzeitig hat sich die alltägliche Reizdichte, mit der wir zurechtkommen müssen, enorm erhöht – etwa bei der Arbeit oder auch in der Mediennutzung. So entstanden ganz neue Ansprüche an den Einzelnen: Der moderne Mensch lenkt seine Aufmerksamkeit selbst, er ordnet alle Informationen, wie er es braucht.

Was hat sich im Alltag von Kindern geändert, dass inzwischen jedes 20. als hyperaktiv oder aufmerksamkeitsgestört gilt?

Die Intensität und Schnelligkeit der Wahrnehmungsanforderungen hat stark zugenommen. Die meisten Heranwachsenden können sich dem anpassen. Mein Sohn zum Beispiel hat im Zuge seiner Ausbildung zum Flugzeugpiloten seine visuelle Wahrnehmungsgeschwindigkeit enorm gesteigert. Er macht sich oft darüber lustig, wenn ich beim Videospielen oder Ähnlichem nicht mit ihm mitkomme und mir einfach Dinge entgehen, die er mit Leichtigkeit aufschnappt. Dann sage ich zu ihm: Noch ein Wort, und du übst bei mir Geige! Was er auf visuellem Gebiet kann, beherrsche ich nämlich auf akustischem viel besser.

Helmut Bonney im Gespräch
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Was ist bei denjenigen anders, die mit dem gestiegenen Wahrnehmungstempo nicht zurechtkommen?

Stellen wir uns das doch mal ganz konkret vor. Ein Kind kommt von der Schule nach Hause, wirft die Tasche in die Ecke, es riecht nach Mittagessen, auf dem Weg in die Küche fällt der Blick ins Kinderzimmer, wo meinetwegen die Schwester mit einem neuen Spielzeug zugange ist, dann tönt aus dem Wohnzimmer der Fernseher, der Hund bellt, es klingelt das Telefon … Manchem Kind gelingt es einfach schlecht, all diese Reize zu selektieren – also die wichtigen von den unwichtigen zu trennen. Ich spreche von besonders wahrnehmungsintensiven, handlungsbereiten Kindern, um von der Vorstellung wegzukommen, es handle sich dabei per se um einen Mangel. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall.

Aber handelt es sich bei ADHS denn nicht um eine Störung?

Erst einmal gar nicht. Der Psychologe Edmund Sonuga-Barke von der University of Southampton beschrieb schon 1998 in einer Arbeit, dass die so genannten aufmerksamkeitsgestörten Kinder normalen Altersgenossen überlegen sein können, wenn ihre Motivation, an einem Aufmerksamkeitstest teilzunehmen, besonders hoch ist. Die spannende Frage lautet: Wann wird Ablenkbarkeit zur Belastung? Das hängt maßgeblich von den Rahmenbedingungen ab – im Elternhaus genauso wie in der Schule. Es geht also nicht primär um ein Defizit des Kindes, sondern um die Bedingungen, unter denen es aufwächst.

Worauf sollten Eltern beim eigenen Verhalten achten?

Viele Eltern glauben, sie müssten ihren Nachwuchs ständig stimulieren. Oft haben sie das Bedürfnis, schon bei den ersten Unmutsäußerungen des Kindes irgendetwas zu machen, weil sie ihrem Nachwuchs sonst vermeintlich Schaden zufügen. Das führt letztlich zu einer dauernden Überstimulation. Und bei einigen Kindern setzt das eine fatale Rückkopplungsschleife in Gang: Je mehr Stimulation sie bekommen, desto mehr dürsten sie nach neuen Reizen. Die familiären Bedingungen sagen das Auftreten von ADHS besser vorher als andere Kennzeichen – und schon gar besser als die Gene. Erbgutfaktoren sind ja keineswegs allein erklärend, sondern wirken sich, wie wir heute wissen, nur in Wechselwirkung mit der Umwelt aus.

"Viele Eltern glauben, sie müssten ihren Nachwuchs ständig stimulieren. Oft haben sie das Bedürfnis, schon bei den ersten Unmutsäußerungen des Kindes irgendetwas zu machen, weil sie ihrem Nachwuchs sonst vermeintlich Schaden zufügen"

Werden Kinder mit dem Etikett "ADHS" unnötigerweise pathologisiert?

Die Diagnose ADHS gemäß dem US-amerikanischen Störungshandbuch DSM-IV – und auch dem hier zu Lande üblichen ICD-10 – ist ja zunächst einmal nur dazu da, ganz neutral bestimmte Verhaltensauffälligkeiten zu beschreiben. Darin hat sich nun eine Theorie eingeschlichen: die Mangelidee. Man verortet die Ursache des Problems im Individuum statt in der Umwelt. Mit der Zuschreibung rechtfertigen dann viele eine Ritalingabe, die bloß eine akute Korrektur des Verhaltens ermöglicht. Das eigentliche Problem bleibt aber weiter bestehen, und sobald das Medikament abgesetzt wird, ist wieder alles wie vorher. Eins ist ganz klar: Ritalin heilt nicht, sondern lindert nur vorübergehend Symptome.

Wie gehen Sie bei der Behandlung vor?

Wenn ein Kind mit seinen Eltern zu mir kommt, bin ich in den seltensten Fällen die erste Anlaufstelle. Meist geht dem Gang zum Kinderpsychiater eine lange Geschichte der gescheiterten Behandlungsversuche voraus. Dann gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder das Kind bekommt bereits Ritalin oder nicht. Wenn es kein Medikament erhält, kriegt es das auch von mir erst einmal nicht verschrieben, sondern ich erarbeite zusammen mit den Eltern, was ihnen im Alltag zu schaffen macht. Was wird als besonders belastend empfunden? Die Therapie zielt dann darauf ab, Kind und Eltern Wege aufzuzeigen, wie man mit weniger Stimulation zurechtkommt.

Welche Rolle spielen dabei Lob und Tadel?

Eine große! Ein "Quälgeist" und "Störenfried", der in den Teufelskreis der Überstimulation geraten ist, kriegt oft von allen Seiten nur Kritik zu hören. Anerkennung zu erfahren, ist jedoch ebenso wichtig wie das Training der Selbstregulation, damit Kinder lernen, von selbst zur Ruhe zu kommen. Der richtige Erziehungsstil kann hier auch eine Menge bewirken: Eltern sollten nicht nur mit verbalen Appellen arbeiten, denn die Affektmodulation – also das Kontrollieren von Emotionen und Aufmerksamkeit – funktioniert nicht allein über Sprache. Man sagt zwar, das Kind "hört nicht" oder es ist "ungehorsam". Doch in solchen Begriffen drückt sich nur die einseitige Betonung des Hörsinns in der Erziehung aus.

"Anerkennung zu erfahren, ist ebenso wichtig wie das Training der Selbstregulation, damit Kinder lernen, von selbst zur Ruhe zu kommen"

Ich leite Eltern in der Therapie dagegen zur so genannten kommunikativen Kaskade an. Damit ist gemeint, dass sie ihrem Kind nicht irgendwelche Appelle von weither zurufen oder es gar anschreien nach dem Motto "Jetzt hör endlich auf!" – sondern dass sie tatsächlich Kontakt zu ihm herstellen, es berühren und ihm in die Augen sehen. Es ist erstaunlich, wie wenig sich manche Erwachsene dieser "Erziehung ohne Worte" bewusst sind. Dabei kann man gerade hyperaktive Kinder durch Berührung oft viel besser erreichen als durch Reden.

Therapieren Sie am Ende sogar mehr die Eltern, die zu Ihnen kommen, als deren Kinder?

Nein, wir arbeiten mit beiden parallel. Neben den Sitzungen mit den Kindern und Eltern ist auch noch der schulische Kontext zu beachten. Deshalb setzen wir uns mit Lehrern, Eltern und Kind an einen Tisch und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und feste Verabredungen zu treffen. Wie gesagt: Ritalin heilt nicht. Das Mittel bringt zwar für den Moment Erleichterung, aber es ist kein dauerhafter Ausweg. Die Arznei sollte die letzte Waffe bleiben, wenn andere Therapieversuche scheitern.

Wenn ADHS kein Defekt ist, wäre es dann nicht konsequent, diese Diagnose einfach abzuschaffen?

Die Psychopharmakologie bietet heute die Möglichkeit, mit Methylphenidat (dem Ritalin-Wirkstoff) auf das Verhalten von Kindern einzuwirken – und danach besteht große Nachfrage. In der Schweiz firmiert ADHS sogar als "Geburtsgebrechen", das mit bestimmten Vergünstigungen verbunden ist, ähnlich einem Behindertenstatus. Wenn man die Diagnose abschafft, würde das wegfallen – deshalb haben weder Therapeuten noch Betroffene ein gesteigertes Interesse daran. Obwohl die Klassifikation eigentlich nur für Grundschulkinder vorgesehen ist, werden heute bereits jüngere Kinder diagnostiziert, und das häufig schon, kaum dass sie zur Praxistür hereinspaziert sind. Da sagt mancher Therapeut, ach ja, das kenn ich, und macht sich kaum die Mühe, genauer hinzuschauen. Diese Entwicklung halte ich für sehr bedenklich.