Im lichten Trockenwald Guinea-Bissaus hebt der stattliche Schimpansenmann einen faustgroßen Stein auf. Seine typischen "Uh-huh-huh"-Laute steigern sich schnell zu einem aufgeregten Kreischen, während er zielstrebig auf den nahen ausgehöhlten Baum zugeht. Plötzlich springt er mit einem Satz auf den Stamm, hält sich mit der rechten Hand fest und schleudert den Stein mit der linken in die Baumhöhlung. Wenige Sekunden später ist der Schimpanse verschwunden und der etwas zerbeulte und mit Steinen gefüllte Baumstamm bleibt allein zurück. Stiller Beobachter dieser Szene ist eine Kamerafalle des "Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee" kurz PanAf, die das Ganze auf Film bannt.

In Rahmen dieses groß angelegten internationalen Forschungsprojekts in West- und Zentralafrika haben Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen ein erstaunliches Verhalten bei westafrikanischen Schimpansen entdeckt. Vor allem erwachsene männliche Schimpansen suchen faust- bis fußballgroße Steine, werfen sie unter großem Geschrei an Brettwurzeln, schlagen sie gegen den Stamm oder werfen sie in eine Baumhöhle. Sie bewahren Steine in hohlen Baumstämmen auf und kehren immer wieder zu diesen Steinbäumen zurück. Die eingangs geschilderte Szene ist auf einer der sieben Videosequenzen zu sehen, die Grundlage einer neuen Publikation in "Nature Scientific Reports" sind.

Wie Hjalmar Kühl, Biologe am MPI-EVA und am Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung iDiv, erläutert, trommeln und schreien Schimpansen gerne und regelmäßig, um Stärke zu zeigen und ihren Platz in der Rangordnung zu festigen. Neu sei, dass die Tiere Steine dabei verwenden und das auch wiederholt an einem bestimmten Ort tun. "Die Frage ist, ob die gezielte Nutzung der Steine einfach der Lautverstärkung dient oder ob die von denselben Schimpansen immer wieder besuchten Orte als so etwas wie rituelle Stätten interpretiert werden können. Es wäre vorstellbar, dass die Nutzung der Steine aus dem Trommelverhalten entstanden ist und dieses Verhalten nun teilweise eine Eigendynamik entwickelt hat", überlegt Kühl.

Kamerafallen erforschen das geheime Leben der Schimpansen

Die Steinbäume der Schimpansen wurden erstmals 2011 in Guinea entdeckt. Die Forscher installierten daraufhin mehrere Kamerafallen im Umkreis auffälliger Bäume. Nach der Auswertung der Daten von 34 temporären Forschungsstellen in West- und Zentralafrika konnte das Verhalten bislang aber nur an vier Stellen in Guinea-Bissau, Guinea, Liberia und an der Elfenbeinküste nachgewiesen werden, obwohl es auch in anderen Gebieten geeignete Steine und Bäume gäbe. "Diese mosaikartige Verbreitung deutet darauf hin, dass es kein genetisch programmiertes, arttypisches Verhalten ist", sagt Kühl und ergänzt: "Interessanterweise gibt es bei einigen Ethnien Westafrikas den Brauch, kleine Steinaltäre am Fuß von Bäumen einzurichten."

Verhaltensstudien an wilden Schimpansen stammen bisher hauptsächlich von den wenigen Standorten, an denen die Tiere über lange Zeit an den Menschen gewöhnt wurden. Aus solchen Studien ist bekannt, dass Schimpansen mit Stöckchen nach Termiten, Ameisen und Honig angeln oder Steine zum Knacken von Nüssen verwenden. Das neu beschriebene Verhalten ist aber eines der wenigen Beispiele für Werkzeuggebrauch bei Tieren, der nicht direkt mit der Nahrungssuche verknüpft ist. Das von den Leipziger Forschern initiierte PanAf-Projekt ist nicht auf die Beobachtung von an Menschen gewöhnten Schimpansen beschränkt, sondern kombiniert Daten von Kamerafallen, biochemischen Analysen von Kotproben oder Kadavern, akustischen Aufnahmen und Feldstudien. Zur Datensammlung der Forscher gehören über eine Million Videosequenzen von den rund 500 im Projekt eingesetzten Kamerafallen. Interessierte Laienforscher können auf der Internetseite www.chimpandsee.org bei der Auswertung der Daten helfen und dazu beitragen, dass das Projekt noch viele neue Einblicke in das Leben unserer nächsten Verwandten gewährt.