Als Aids im Jahr 1981 identifiziert wurde, kursierte sein Erreger HIV-1 schon seit Jahrzehnten in Menschen: Den gemeinsamen Vorfahren aller Virenstämme der Pandemie auslösenden Untergruppe M datierten Seuchenforscher später auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie und wo sich dieser Erreger in der Zwischenzeit ausbreitete und weshalb sich ausgerechnet diese Linie weltweit ausbreitete, im Gegensatz zu den verwandten Untergruppen N, O und P, ist bis heute weit gehend unklar.

Bekannt ist, dass HIV aus dem Kongobecken stammt. Tatsächlich entdeckten Forscher dort nachträglich das Genmaterial des Virus in jahrzehntealten Gewebeproben, konserviert lange bevor die Krankheit die westliche Welt erreichte. Doch was geschah damals wirklich in Zentralafrika? Mit Hilfe statistischer Analysen einer Bibliothek von HIV-Gensequenzen, die bis ins Jahr 1959 zurückreicht, bestimmte ein internationales Team um Oliver Pybus und Philippe Lemey von den Universitäten Oxford und Leuven den wahrscheinlichen räumlichen und zeitlichen Ursprung des Pandemieerregers.

Dabei konzentrierten sie sich auf Proben aus dem Kongo, jenem Land, in dem sich laut vorläufiger Analysen das Virus als Erstes ausbreitete. Als mögliche Ursprungsorte der Pandemie gelten in der Forschung die Städte Lumumbashi und Mbuji-Mayi im Süden des Kongo, die Region um Kisangani im Norden, die Hauptstadt Kinshasa sowie das nur sechs Kilometer von dort entfernte Brazzaville, Hauptstadt der benachbarten Republik Kongo. Dort beobachten Genetiker auch die höchste Diversität des Virus – ein Indiz für ein vergleichsweise hohes Alter der Populationen.

HI-Virus
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Die neue Analyse basiert auf der C2V3-Region im Virusgenom, die einen für die Zellerkennung wichtigen Bereich des Oberflächenproteins GP120 kodiert. Anhand der bekannten Mutationsrate der variablen Bereiche kommt das Team zu dem Ergebnis, dass der letzte gemeinsame Vorfahr aller Pandemiesequenzen in den Jahren um 1920 existierte – und zwar in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Von dort aus, das zeigt die Analyse, breitete es sich entlang wichtiger Transportrouten wie Flüssen und Eisenbahnlinien ins Hinterland aus. Dabei bewegte es sich schneller entlang der stärker befahrenen Südroute von Kinshasa nach Lumumbashi als auf der spärlich befahrenen Strecke ins nördliche Kisangani, wo es erst 1953 ankam, ein Jahrzehnt später als im Süden.

Zu jener Zeit allerdings vermehrte sich der Pandemieerreger nur langsam, ungefähr so schnell wie die anderen Untergruppen, die bis heute nur regional verbreitet sind. Die Forscher vermuten, dass der Erreger zu jener Zeit nur in einer sehr begrenzten Bevölkerungsgruppe kursierte – vermutlich bei Prostituierten und ihren Freiern – und das Potenzial für Neuansteckungen entsprechend eingeschränkt war. Das änderte sich etwa 1960 drastisch: Binnen weniger Jahre stieg die Infektionsrate auf fast das Dreifache und überrundete damit die anderen Untergruppen, die auf Zentralafrika beschränkt blieben.

Ursache für den drastischen Anstieg in HIV-Infektionen zu jener Zeit war möglicherweise die verbesserte medizinische Versorgung. Die 1950er Jahre sahen in Zentralafrika einen wahren Boom an medizinischen Kampagnen gegen diverse Infektionskrankheiten – die Einwegkanüle jedoch wurde zu jener Zeit erst entwickelt. Forscher vermuten schon länger, dass die bei derartigen Kampagnen mehrfach benutzten Nadeln das Virus aus seinem begrenzten Reservoir auf die weitere Bevölkerung übertrugen.

Doch auch nach der Einführung steriler Einwegkanülen blieb die Übertragungsrate in Kinshasa laut den Gendaten auf dem neuen, hohen Niveau. Das Team um Pybus und Lemey vermutet als Ursache soziale Veränderungen und einen breiteren Klientenkreis bei Prostituierten. Vermutlich allerdings hätte auch die Rückkehr zur vorherigen Infektionsrate die globale Pandemie nicht verhindert – nur wenige Jahre nach dem dramatischen Anstieg der Ansteckungsrate gelangte das Virus nach Haiti, und von da aus in die USA.