Dass wir heute so eine große Bandbreite an verschiedenen Apfelsorten haben, liegt am züchterischen Fleiß unserer Vorfahren. Die Ururahnen des Apfels wuchsen in Zentralasien bereits vor 60 Millionen Jahren. Und rund 10 000 v. Chr. soll es im Gebiet des heutigen Kasachstans etwa sechs Zentimeter große Äpfel gegeben haben. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Äpfel oft klein und sauer, sodass man sie nur gekocht und gesüßt als Mus verzehren konnte. Heute dagegen gibt es allein hier zu Lande tausende Apfelsorten, die man durchaus roh genießen kann.

Der Apfel ist denn auch das Lieblingsobst der Deutschen. Jährlich verspeisen wir rund 30 Kilogramm pro Person. Doch nur wenige Sorten werden im Supermarkt angeboten – 8 Apfelsorten machen 80 Prozent des Marktes aus. Lediglich einige Exemplare bewähren sich im Konkurrenzkampf um die Gunst des Verbrauchers und die wenigen Regalplätze in Supermärkten. Dabei schätzt der Verbraucher doch eigentlich Innovationen in seinem Obstkorb.

An einer solchen Neuheit arbeiten derzeit Forscher um Werner Dierend von der Hochschule Osnabrück zusammen mit der Züchtungsinitiative Niederelbe (ZIN). Die Idee: Äpfel mit Birnen kreuzen. Bereits vor 30 Jahren war es dem Kölner Forscher Max Zwintzscher gelungen, eine erste Züchtung aus dem Kulturapfel und der Europäischen Birne herzustellen: die "Zwintscher-Hybride". Um diesen Erfolg der Nachwelt zu erhalten, nahm sich dann der Münchner Züchter Hermann Schimmelpfeng von der TU München der Zwitterfrucht an. Er züchtete mit dieser so genannten F1-Hybride, die zwar schon blühfähig war, aber nur selten Früchte trug, durch Rückkreuzung mit Apfelpollen F2-Hybriden. Von ihm und Thilo Fischer, der ebenfalls an der TU München forschte, übernahmen schließlich die Osnabrücker Wissenschaftler ganze drei Exemplare der Apfel-Birne-Hybriden.

Derzeit gedeiht diese zweite Generation auf den Versuchsflächen der Hochschule Osnabrück und der ZIN. Die Bäume selbst sehen noch sehr nach Apfelbaum aus, nur die Blätter ähneln Birnenblättern. "Auch die Frucht ist geschmacklich noch vom Apfel dominiert, das Fruchtfleisch erinnert aber schon ein wenig an Birne", sagt Ulrich Buchterkirch, Geschäftsführer der ZIN. Von August bis Januar haben die Forscher der Hochschule Osnabrück zahlreiche Birne-Apfel-Proben beurteilt. Problematisch ist bislang noch das so genannte "Shelf-Life" der Früchte: "Einige werden nach der Reife sehr schnell matschig oder auch schmierig, wie man das von manchen Birnensorten kennt", so Dierend. "Das ist eben Forschung, da klappt nicht alles auf Anhieb."

Um eine dritte Generation zu entwickeln, wurden die F2-Hybriden untereinander sowie mit Apfel- und Birnensorten gekreuzt – in Kleinstarbeit, per Hand. Das geht, weil Äpfel und Birnen zu den Kernobstgewächsen zählen und darum relativ nahe verwandt sind. Zwei Meter hohe Sämlinge der F3-Hybride gibt es schon, im Herbst 2017 erwartet Werner Dierend, die ersten Früchte zu verkosten. Doch beim Osnabrücker Apfel-Birne-Projekt steht nicht der Geschmack im Vordergrund – wenngleich er wichtig ist, um am Markt zu bestehen. Das Ziel ist vor allem, dass die neue Sorte resistent gegenüber diversen Krankheiten ist, etwa Apfelschorf oder Apfelkrebs. Äpfel sind nämlich sehr empfindlich, Birnen sind hingegen robust – zumindest gegen jene Erreger, die auf Apfelplantagen Probleme bereiten.

Der gefürchtete Schorf wird beispielsweise durch einen Pilz, Venturia inaequalis, verursacht. Die Blätter und später auch die Früchte bekommen dunkle, ovale Flecken und können, obwohl sie nicht gesundheitsschädlich sind, nicht mehr vermarktet werden. "Wir erhoffen uns, dass die Kreuzungen weniger krankheitsanfällig sind und man darum auch weniger Pflanzenschutzmittel braucht", so Buchterkirch.

Tatsächlich sind Äpfel jene Obstarten, die mit dem höchsten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gezogen werden – vor allem von Fungiziden. Der Venturia-Pilz bereitet besonders den Obstbauern im Norden und am Bodensee Sorgen. Birnen brauchen hingegen nur 60 Prozent, Pflaumen sogar nur 40 Prozent der auf Apfelbäumen verteilten Pflanzenschutzmittel. Im Jahr 2007 haben Forscher des Julius-Kühn-Instituts berechnet, dass Apfelbäume im Schnitt 16-mal pro Jahr mit chemischen Mitteln behandelt werden.

Zwar liegt die Fungizidbelastung der Äpfel im Handel unter den Grenzwerten – der Verbraucher kann diese also getrost essen. Doch trotzdem könnte die derzeitige Praxis für die Umwelt schädlich sein. Denn die Belastung der Ökosysteme durch Biozidcocktails, die in Böden und Wasser nachweisbar sind, ist weitgehend unbekannt. Es gibt Hinweise, dass die Artenvielfalt durch ein Zuviel an unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln zurückgeht. Auch die im ökologischen Anbau gegen Apfelschorf verwendeten Kupferpräparate sind umstritten, weil sie sich im Boden anreichern und ebenfalls die Biodiversität schmälern. Nach Alternativen wird seit Jahren gesucht.

Werner Dierend sieht zwar keine Gefahr für die Umwelt durch die gängigen Mittel, weist aber darauf hin, dass "die vielen Behandlungen zeit- und kostenintensiv" sind. Neue, resistente Apfelsorten oder unempfindliche Apfel-Birne-Kreuzungen könnten hier also Abhilfe schaffen. Dierend geht davon aus, dass man mit einer solchen Sorte die Anzahl der Behandlungen gegen Apfelschorf auf die Hälfte oder weniger reduzieren könnte. Es gibt auch Forschungsvorhaben, bei denen mit gentechnischen Methoden Schorfresistenzen aus wilden Apfelsorten in Neuzüchtungen hineingebastelt werden. Bekanntlich sind gentechnisch veränderte Lebensmittel jedoch beim Verbraucher unbeliebt. Eine Resistenz mit herkömmlicher Züchtung zu erreichen, wäre darum von Vorteil.

"Das ist eben Forschung, da klappt nicht alles auf Anhieb" (Werner Dierend)

Vorteile könnte die Apfel-Birne-Frucht auch für Allergiker haben. Geplant ist ein Forschungsvorhaben gemeinsam mit der Berliner Charité und der TU München. Schließlich sind Allergien gegen Birnen seltener. Offiziell leiden rund zwei Prozent der Bundesbürger an einer Apfelallergie, während es zu Birnenallergien nicht einmal Zahlen gibt. Zudem gibt es auch zwischen den Apfelsorten erhebliche Unterschiede dabei, wie Allergiker darauf reagieren. Sie vertragen zum Beispiel einen Golden Delicious weit schlechter als alte Apfelsorten wie etwa den Altländer Pfannkuchenapfel oder den Weißen Winterglockenapfel, die schon lange vor den Weltkriegen kultiviert wurden. Allerdings gibt es durchaus auch neue Sorten, die hypoallergen sind wie etwa Santana.

Was macht Äpfel zur Allergiegefahr?

Das allergische Potenzial von Äpfeln beruht einerseits auf ihrem Proteingehalt. Genauer: Vier Eiweiße des Typs Mal d sind die Übeltäter, auf die das Immunsystem überreagiert. In alten Apfelsorten können diese Proteine jedoch andererseits mit sekundären Pflanzenstoffen, so genannten Polyphenolen reagieren. Durch das Tête-à-tête von Protein und Polyphenol wird das allergene Potenzial von Früchten abgemildert. Das Braunwerden von Obst schätzt der Verbraucher jedoch gar nicht. Darum haben Apfelzüchter über Jahre hinweg ihr Obst so optimiert, dass neue supermarktgerechte Sorten weniger Phenole liefern.

Gelangt das allergene Eiweiß in den Körper, werden Antikörper vom Typ IgE gebildet. Diese Abwehrstoffe heften sich an Mastzellen, die nach Kontakt mit dem Allergen Histamin ausschütten und so beispielsweise zu Juckreiz in Mund und Rachen führen. Auch die Lippen können bei einer Apfelallergie anschwellen. Schwere allergische Reaktionen sind in Nord- und Mitteleuropa extrem selten.

Doch auch die Menge des Proteins spielt eine Rolle, wenn es um das allergische Potenzial geht. Und da Birnen weniger Proteine liefern, könnte eine Zwitterfrucht insgesamt weniger von den Allergenen in sich tragen. "Vielleicht haben wir Glück, und die Apfel-Birne hat einen niedrigeren Proteingehalt und damit geringeres Allergiepotenzial", sagt Werner Dierend. Das Projekt hat staatliche Gelder in Höhe von 233 000 Euro vom Bundesforschungsministerium erhalten und ist auf drei Jahre angelegt. Bis eine marktreife Frucht allerdings in den Supermärkten liegt, könnten vermutlich noch rund 15 bis 20 Jahre vergehen.