Ganz am Anfang des bewegten Menschen stand, klar, Afrika – von dort wanderten in grauer Vorzeit zuerst Zweibeiner der Sorte Homo erectus, später Homo sapiens aus und eroberten die Welt in Wellen. Dazwischen wurde ein Mischling zum ältesten Westeuropäer, als seine Familie behagliche Wohnhöhlen auf der Iberischen Halbinsel bezog. Ein fossiler Unterkiefer dieses Wesens ist in diesem Jahr als "ATE9-1" vorgestellt worden. Analysen belegten: Dieser alte Iberer hatte vor knapp 1,2 Millionen Jahren gelebt.

Der Unterkiefer …
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Der Ureuropäer war wohl eine Übergangsmodellreihe, die vorläufig als Homo antecessor angesprochen wird: Er ähnelt etwas dem vor rund 1,8 Millionen Jahren zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer im heutigen Georgien lebenden Menschen, in dem eine Forscher-Glaubensrichtung eine eigenständige Homo-erectus-Variante namens "Homo georgicus" sieht. Dieser dürfte jedenfalls irgendwann aus dem Osten immigriert sein – wobei er sich immer weiter entwickelt hat, am Ende vielleicht sogar zum Neandertaler, der dann über mehrere hunderttausend Jahre Europa beherrschte.

Wohin des Weges?

Verdrängt wurde Homo neanderthalensis bekanntlich erst vor 40 000 Jahren durch neue afrikanische Migranten vom modernen Typ Homo sapiens, die bei ihrem Auszug aus Afrika die Sahara übrigens nicht, wie bislang gedacht, entlang dem Nil durchquerten. Stattdessen erreichten sie die Gestade des Mittelmeers, indem sie heute längst ausgetrockneten Flüssen in der Wüste folgten, die nun mit Luftbildaufnahmen und Isotopenuntersuchungen von Schneckengehäusen wiederentdeckt wurden.

Jenseits von Afrika war für Homo sapiens dann kein Halten mehr – der Mensch eroberte Asien und Europa, Letzteres übrigens wohl ohne sich mit den Neandertalern zu vermischen, wie die abgeschlossenen Genanalysen neandertalischer Mitochondrien-DNA zeigen. Nach Amerika gelangte er bekanntlich über die zu Eiszeiten trockene Beringlandbrücke zwischen Alaska und Sibirien – wann das klappte und wie lange es dauerte, blieb aber auch im Jahr 2008 heftig umstritten. Die neuen Untersuchungen scheinen immerhin zu belegen, dass der Mensch deutlich früher ankam als gedacht: Archäologen in Chile entdeckten vor etwa 14 000 Jahren gefertigte Relikte, nach denen der Süden des Kontinents schon ein Jahrtausend vor der bis dahin als uramerikanisch geltenden Clovis-Kultur im Norden besiedelt war.

Nazca-Keramik
© Purdue News Service photo/David Umberger
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Die ersten Menschen könnten sogar vor vielleicht schon 20 000 Jahren gekommen sein, um pünktlich von Alaska aus nach Chile zu gelangen. Zwischendurch hinterließen sie, nun, Hinterlassenschaften: 14 300 Jahre alte Kotreste, wie Radiokarbondaten bestätigten. Genanalysen deuten außerdem darauf hin, dass die asiatische Gründerpopulation aller Altamerikaner schon vor der Eroberung des Kontinents für Tausende von Jahren isoliert gelebt haben muss – vielleicht im sonst einsamen Norden aufgehalten durch den nur langsam schrumpfenden Eisschild.

Amerika der Amerikaner

Von der späteren Blüte der Amerikaner zeugen in diesem Jahr neu gefundene Belege der jahrhundertelang gepflegten Bergbaukunst von Indianern, die sonst eher für ihre nur aus der Luft erkennbaren Wüstenscharrbilder berühmt sind: den Nazca. Mesoamerikanisten enthüllten zudem unbekannte Details über die Feuerbestattungsriten der Azteken – und enträtselten die auf der Maßeinheit tlalquahuitl beruhenden, von den Konquistadoren kaum verstandenen Metrologie des alten Mexiko.

Die Azteken und Maya, die Inka und einige ihrer Vorläuferkulturen sind vielen bekannt; wie dicht aber auch der Dschungel Amazoniens besiedelt war, übersahen Altertumswissenschaftler bislang aber offenbar: Hier fanden sich die Reste von rund dreißig großen Siedlungen, kilometerlange Verbindungsstraßen und künstliche Hügel mit Befestigungen, Dämme und Gräben.

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Besonders viele Menschen lebten einst im Inkareich entlang der Anden sowie an den großen Flüssen Amazoniens
Offenbar organisierte sich vor Ort eine komplexe präkolumbische, urbane Gesellschaft, von der wir auch heute noch lernen können: Statt auf mühsam gerodeten, mageren Böden Ackerbau zu treiben, haben die Indigenen die Ressourcen des Waldes optimal genutzt, im Wald Gärten und Plantagen gepflanzt und vermutlich künstliche Teiche für die Fischzucht angelegt – ein archäologischer Fund des Jahres 2008, über den gerne auch noch über 2009 hinaus nachgedacht werden darf.

Jahresrekorde

Kurz, schmerzlos und chronologisch sortiert zur archäologischen Variante des alljährlichen Schneller-höher-weiter-Forscherwettstreits: Die Top Five der neuen "ältesten bislang gefundenen Dinge", angefangen mit der Kategorie christliche Sakralbauten: In der "ältesten Kirche", ausgebuddelt im heutigen Jordanien, zelebrierten Urchristen angeblich schon gut drei bis knapp sieben Jahrzehnte nach der Geburt des religiösen Namensgebers Gottesdienste. Die "ältesten kultivierten (und viel verspeisten) Sonnenblumen" gab es damals schon, genauer: seit rund zwei Jahrtausenden in Mexiko. Als noch einmal doppelt so alt, etwa 8000 Jahre, entpuppten sich Spuren der "ältesten Milchprodukte", die Käseproduzenten in Keramikgefäßen zurückgelassen hatten.

Neolithische Tonwaren
© Richard Evershed
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Lange vor altem Käse hatte Fleisch auf dem Speiseplan gestanden – und seit erstaunlichen 61 000 Jahren war dies offenbar auch mit Pfeil und Bogen erjagt worden, wie uralte, aber aerodynamisch brauchbare Pfeilspitzen belegten. Roh blieb Jagdbeute dabei schon bei frühen Menschenformen nicht: Die neuerdings ältesten Spuren von bewusst geschürtem, und offensichtlich unter Kontrolle des Menschen stehendem Kochfeuer sind etwa 0,8 Millionen Jahre alt und wurden in Israel gefunden. Zur ältesten umfassend analysierten DNA eines Homo sapiens wurde dieses Jahr übrigens jene des Gletschermanns Ötzi. Trauriges Ergebnis: Seine ureigene Erbgutmischung ist mittlerweile in Europa ausgestorben. Er blieb trotzdem unvergessen.

Ausbreitung der Phönizier
© Pierre Zalloua, Rahib Hosri
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Die Karte des Mittelmeerraums verdeutlicht Ausbreitung und Fernhandelswege der Phönizier im ersten Jahrtausend vor der Zeitenwende. Gezeigt wird auch die Häufigkeit der heute noch im Genpool zu findenden genetischen Spuren dieses Volks, das seine Erbgutsignatur besonders entlang den frequentierten Routen und Siedlungsplätzen an ihre Nachkommen weitergegeben hat.
Andere hinterließen ihr Erbgut dagegen nicht zu knapp, etwa die Phönizier: Sie hatten als großflächig mediterran operierende Händler offensichtlich in jedem zweiten Hafen eine Liebe; Spuren ihrer typischen genetischen Signatur tragen nicht wenige Menschen noch heute in den Gegenden, in denen das antike Händlervolk besonders präsent gewesen war. Mit ähnlicher genetischer Spurensuche hatten Forscher 2008 im Libanon Erfolg: Hier erkannten sie, dass bestimmte Gensignaturen seit Jahrhunderten eher in den religiösen als in regional verzahnten Gruppen weitergetragen wurden.

Mann und Maus im Tiegel

Traurige Nachricht dagegen für hartgesottene englische Nationalisten: Nach einer gründlichen Durchsicht demografischer und historischer Belege aus dem Frühmittelalter scheinen eingeborene Insulaner ein überhaupt nicht reinrassiges, sondern spannendes, über lange Zeit durch verschiedene Einflüsse angereichertes Gemisch zu sein. Hauptbestandteile sind darin nach der Altsteinzeit übrig gebliebene Urbriten, neolithische Einwandererwellen vom Festland und die heterogenen Nachkommen spätbronzezeitlicher Stämme aus Nordeuropa, die eher schlecht als recht unter der Bezeichnung "Germanen" firmieren. Sie alle bildeten im britischen Schmelztiegel des frühen Mittelalters die Mischgruppe der Angelsachsen, fasst die neue Lehrmeinung zusammen.

Die Hausmaus in Großbritannien
© Jeremy Searle
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Den Kanal zu überqueren ist demnach noch nie ein echtes Problem gewesen. Und immer mit dabei: ein kleiner, grauer Gast – Mus musculus, die Hausmaus. Genetische Stammbaumanalysen der verschiedenen lokalen Nager-Varianten decken sich denn auch mit der Menschen-Besiedlungshypothese: Die ersten Hausmäuse – auch sie aus germanischen Landstrichen – fanden bereits in der Bronze- und Eisenzeit den Weg nach Südengland und brachten die Insel dann mit der römischen Eroberung fest in ihre Hand. Nur auf entlegenen Inseln wie den Orkneys dominiert heute eine norwegische Variante – den Drachenbooten der Wikinger sei dank.

Außereuropäische Nagerknochen belegten schließlich, dass die Menschen sich mit dem letzten großen Hopser des pazifischen Inselspringens, der Besiedelung von Neuseeland, überraschend viel Zeit gelassen haben. Nach Radiokarbonanalysen waren 17 Knochen der wohl ersten, vom Menschen auf die Pazifikinsel eingeschleppten Ratten nicht viel älter als gut 700 Jahre. Demnach siedelte Homo sapiens erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts nach der Zeitenwende auf den Inseln – wesentlich später als zuvor vermutet. Noch später wurde die Insel dann von verschiedenen Einwanderwellen bemannt und bemaust: Britische Kolonisten, Einwanderer aus Mitteleuropa und chinesische Bergarbeiter hatten jeweils eine eigene Unterart der Hausmaus im Schiffsgepäck.

Handwerkliche Heldentaten

Nach all den Odysseen noch zu der Odyssee – im Frühling des Jahres 1178 vor der Zeitenwende, berechnen Forscher, dürfte der Troja bezwingende Kriegsheld Odysseus endlich heimgekehrt sein zu Frau und deren frechen Freiern. Und zwar am 16. April, wie die penible astronomische Analyse jener Himmelsereignisse nahelegt, die in Homers Originaltext angedeutet sind.

Computeranimation der Vorderansicht
© Antikythera Mechanism Research Project
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 Bild vergrößernComputeranimation der Vorderansicht
Mit Mond- und Sonnenfinsternissen hatten es die alten Griechen ohnehin. Noch im vorvergangenen Jahr meldeten Forscher daher, dass die antiken Alteuropäer zumindest ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. himmlische Verdunkelungen mit Geräten wie dem kniffligen Antikythera-Mechanismus, einer Art antikem Computer, sogar vorherberechnen konnten. Im diesem Jahr der Olympischen Spiele wurde dies nun präzisiert: Die raffinierte Maschine, die wohl knapp 70 Jahre vor der Zeitenwende auf den Ägäisgrund sank und im Jahr 1900 wiederentdeckt wurde, war offenbar zudem ein antiker Sportkalender aus dem Westen Griechenlands. Mit seinen vermutlich 37 Zahnrädern ließen sich die Zeiten zwischen den heiligen panhellenistischen Festspielen bestimmen.

Harter Start

Zum Schluss noch einmal zum Anfang von Leben und Menschheit. Auch bei ihrer Entwicklung ist im Laufe der Jahrmillionen Fortschritt immer auch mit ein paar Nachteilen erkauft worden.
© M. Ponce de León und C. Zollikofer, Universität Zürich
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Das gilt schon für die Erfindung des schnellen, langstreckentauglichen Gangs auf zwei Beinen, durch den zwei Hände frei wurden, um Feuer zu machen, mit Pfeil und Bogen zu schießen oder Antikythera-Geräte zu bauen. Die vorteilhafte Zweibeinigkeit verlangte nach einem stabilen, auf die statischen Anforderungen ausgelegten, schmalen weiblichen Becken. Trotzdem muss dort noch ein Kind bei der Geburt hindurchpassen – weshalb dessen sehr junger Kopf nicht zu groß sein darf. Anders gesagt: Ein Neugeborenes ist deshalb unterentwickelt, langzeitpflegebedürftig und hilflos.

Mit diesem Dilemma musste besonders der Homo erectus fertig werden, hatten Forscher lange gedacht – dem "aufrechten Menschen" war bei den lückenhaften Fossilfunden stets ein besonders schmaler Körperbau attestiert worden. Ein afrikanischer Überraschungsfund widerlegte die These in diesem Jahr: Homo-erectus-Mütter hatten sogar breitere Geburtskanäle als heutige Frauen, weshalb das Hirnvolumen ihrer Kinder das bislang angenommene um mehr als 30 Prozent überschreiten konnte. Die Kleinen könnten einst also schon weiter entwickelt auf die Welt gekommen sein. Nicht zu weit, allerdings, wie eine Computeranalyse der Geburten bei den Neandertalern nahelegt: Dem Gehirn neugeborener Zweibeiner hat ein anatomiebedingtes Geburtslimit immer schon Grenzen gesetzt. Was soll's: Wachsen kann es später immer noch.