Der teuerste Sklave in der griechischen Geschichte arbeitete als Oberaufseher in den Silberminen von Laurion: Ein ganzes Talent hatte der Athener Nikias für den bergbauerfahrenen Sklaven Sosias gezahlt, umgerechnet 6000 Drachmen und damit das 30-Fache des üblichen Preises.

Warum es seinerzeit einen kostspieligen Experten wie Sosias brauchte, hat ein Team von Bergbauarchäologen um Denis Morin von der Université de Lorraine in den vergangenen Monaten am eigenen Leib erfahren. Im griechischen Thorikos am Fuß der Akropolis erkletterten und erforschten sie das bisher komplexeste Netzwerk einer antiken Mine. Dafür mussten die Archäologen nicht nur geübte Alpinkletterer sein, sondern auch die stickige Hitze unter Tage ertragen und ihre Vermessungen und Bergungsarbeiten unter ständiger Kontrolle des Sauerstoffgehalts in der Luft vornehmen. Es sei noch immer schwer, sich heute vorzustellen, unter welchen Extrembedingungen die antiken Sklaven in diesem Labyrinth an unterirdischen Gängen und Galerien schuften mussten, sagt Morin nach der Untersuchung. Die Forscher dürften die ersten Menschen seit gut 5000 Jahren sein, die einen Fuß in manche Bereiche der schwer zugänglichen Minenschächte gesetzt haben.

Kompliziertes Netz aus Schächten
© Universität Gent
(Ausschnitt)
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Für den Abbau des begehrten Silbers mussten sich schon in der Antike Menschen in unzugängliche Bereiche quälen – heute ist das nicht anders.

Die Kampagne ist Teil eines groß angelegten Forschungsprojekts in Thorikos an der Ostküste Attikas unter der Leitung von Roald Docter von der Universität Gent. Thorikos gehörte zu dem antiken Bergbaugebiet Laurion, dessen reiche Erträge in klassischer Zeit maßgeblichen Einfluss auf die Vormachtstellung Athens hatten. Bereits für die Zeit der mykenischen Kultur (späte Bronzezeit, 16. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) konnten Archäologen Silberexporte aus Laurion nachweisen. Viele Hypothesen zur Nutzung der Mine in dieser frühen Zeit stützen sich aber auf Einzelfunde.

Lampe aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.
© Denis Morin
(Ausschnitt)
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Die Forscher um Morin haben nun zahlreiche Keramikfragmente, Lampen und Werkzeuge geborgen, anhand derer sie die Chronologie des Bergbaus in Laurion genauer nachvollziehen können. Die ältesten Spuren stammen womöglich aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. und scheinen damit gar in die späte Phase der Jungsteinzeit zu weisen. Detaillierte Untersuchungen stehen noch aus.

Die Minen von Laurion werden bereits seit vielen Jahrzehnten erforscht. Oft stützen Wissenschaftler ihre Aussagen dabei auch auf Randbemerkungen in antiken Schriftquellen, darunter solche der griechischen Historiker Herodot und Xenophon. Weil die neuen Funde unter Tage gänzlich unberührt sind, gehen Morin und Co. davon aus, dass sie viele der früheren Vermutungen nun durch Fakten überprüfen und so zuverlässige Aussagen zur Chronologie treffen können.