Es war der 17. Januar 1966, als den Bewohnern von Palomares der Himmel auf den Kopf fiel. In neun Kilometer Höhe über dem kleinen, beschaulichen Küstenort war ein strategischer Langstreckenbomber der US Air Force mit einem Tankflugzeug kollidiert. Brennende Teile der beiden Maschinen regneten herab. Quer über das Gelände der Ortschaft wurden Trümmer gefunden, erstaunlicherweise wurde jedoch keiner der Bewohner ernsthaft verletzt. Einige sprechen später von der schützenden Hand Gottes. Doch dachte wohl niemand daran, dass dieses Unglück noch ein halbes Jahrhundert später die Gemeinde beschäftigen würde.

Der Grund dafür war die Mission des Bombers, der zur Hochzeit des Kalten Krieges mit vier mächtigen Wasserstoffbomben unterwegs war. Im Rahmen der Operation "Chrome Dome" von 1960 bis 1968 waren laufend Bomberstaffeln auf vier verschiedenen Routen rund um die Sowjetunion in der Luft: Mit genügend Abstand zum sowjetischen Luftraum, um für die sowjetischen Frühwarnsysteme keine akute Bedrohung darzustellen – aber nahe genug, um innerhalb weniger Flugstunden tief in die Sowjetunion eindringen und dort ihre tödliche Fracht abliefern zu können.

Allzeit bereit zum Inferno

Die eiskalte Logik des Kalten Krieges: Hätte die Sowjetunion die USA mit einem nuklearen Erstschlag angegriffen und alle wichtigen Flugplätze ausgeschaltet, wären die in der Luft befindlichen Bomber immer noch in der Lage gewesen, einen massiven Vergeltungsschlag auszuführen. Hierzu hatten sie eine Einsatzmappe mit dem Hinweis top secret an Bord, in der sich der Angriffskode zum Scharfmachen der Atomwaffen befand, sowie vier Haupt- und vier Ausweichziele. Stanley Kubricks Meisterwerk "Dr. Strangelove" (auf Deutsch: "Dr. Seltsam – oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben") stellt viele dieser Gegebenheiten und militärischen Gepflogenheiten ironisch überspitzt, aber mit bemerkenswerter Detailtreue dar.

Jeder der amerikanischen Langstreckenbomber trug vier Wasserstoffbomben an Bord, jede von ihnen mit einer Sprengkraft, die rund 100-fach höher lag als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. In einer Staffel flogen je zwei Bomber. Drei der vier Routen von "Chrome Dome" liefen über Grönland und den Nordpol. Die wärmere südliche Route, an Spanien vorbei und über das Mittelmeer, war bei den Bomberstaffeln die beliebteste Strecke. Die Bomber waren auf einem Flug je 24 Stunden in der Luft. Das ist die Einsatzdauer, innerhalb der man einer Crew anspruchsvolle Aufgaben ohne größere Ermüdungserscheinungen zutraute.

Da die voll beladenen B-52-Langstreckenbomber aber nicht über ausreichend Sprit für so lange Flüge verfügen, mussten sie mehrmals in der Luft auftanken. Der Ablauf dieser Prozedur war genau festgelegt und vielfach geprobt, für die Besatzungen ein Routinejob. Allerdings einer, der viel Konzentration und fliegerisches Feingefühl verlangt, wenn der tiefer fliegende Bomber den Rüssel des Tankflugzeugs mit einem Füllstutzen auf seiner Oberseite erwischen will.

Betankung eines B-52-Bombers
© U.S. Air Force photo by Tech. Sgt. Jacob N. Bailey
(Ausschnitt)
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Sowohl das Tankflugzeug KC-135 als auch die B-52 sind bis heute im Einsatz.

Am 17. Januar 1966 ging beim Rendezvous über der saddle rock genannten Auftankstelle im Süden Spaniens etwas schief. Die beiden Bomber mit Rufzeichen Tea-16 und Tea-17 trafen sich mit den beiden fliegenden Tankstellen vom Typ KC-135 A. Zunächst verlief alles nach Plan. Dann allerdings warnte ein Mitglied der Tankerbesatzung: "Tea-16, Tea-16, gebt beim Beilegen acht." Der Bomber käme zu rasch näher. Die Stimmung an Bord war aber noch ruhig, von Panik keine Spur. Der Pilot von Tea-16 drosselte die Geschwindigkeit.

Unfall beim Tanken

Doch leider nicht stark genug: Kurze Zeit später krachte der Tankrüssel gegen die Tragflächenaufhängung des Bombers, der linke Flügel riss ab. Funken entzündeten den ausströmenden Treibstoff, Flammen schlugen hinauf zum Tankflugzeug, das sich mit seinen 150 Tonnen Kerosin an Bord blitzschnell in einem glühenden Feuerball verwandelte. Von den vier Besatzungsmitgliedern wurden später nur noch die verkohlten Überreste gefunden.

Dagegen schafften es immerhin fünf der sieben Besatzungsmitglieder von Tea-16, per Schleudersitz auszusteigen – bei einem öffnete sich der Fallschirm jedoch nicht. Von den vier Überlebenden kam einer auf dem Festland runter. Die drei anderen hatten großes Glück, dass spanische Fischer ganz in der Nähe waren und sie schon bald aus dem Wasser zogen.

Die Fischer beobachteten außerdem auch zwei ungewöhnlich große Fallschirme, an denen silbrige, zylinderförmige Container hingen – Wasserstoffbomben. Ein Fallschirm fiel ins Meer, der andere ging in der Nähe von Palomares zu Boden. Letztere Bombe konnte bald geborgen werden, die andere blieb zunächst verschollen.

In all diesem Inferno fiel zunächst kaum auf, dass zwei weitere Silberdosen ungebremst beiderseits der Ortschaft heruntergekommen und dort explodiert waren, wobei sie kleine Krater in den Boden gerissen hatten. Der konventionelle Sprengstoff hatte gezündet – zu unpräzise, um eine Kernreaktion auszulösen, aber stark genug, um Bombenteile teilweise über mehrere hundert Meter in der Umgebung zu verteilen und insgesamt rund drei Kilogramm Plutoniumstaub in die Luft zu blasen.

Wenn das Plutonium in der Bombe korrekt mit Sprengstoff zu einer kritischen Masse verdichtet wird, löst dies eine Kernexplosion aus, wie sie Hiroshima oder Nagasaki zerstört hat. Ihre Funktion in einer Wasserstoffbombe wie beim Typ B28 wäre allerdings nur gewesen, einen Kernfusionsprozess in einer weiteren Stufe zu zünden, die noch hundertfach mächtiger gewesen wäre. Solche Bomben sind geeignet, ganze Landstriche zu verwüsten und etwa Großstädte oder militärische Basen samt ihrer unterirdischen Anlagen von der Landkarte zu radieren.

Sofort nach dem Unglück wurde in der US Air Force das Kodewort "Broken Arrow" ausgegeben, das für den Verlust von Atomwaffen gilt. Ein Fall für das Oberkommando der Strategischen Luftstreitkräfte, denn die Sowjets waren sicherlich ebenfalls sehr neugierig auf diese Waffen. Auf dieser Kommandoebene galt die Devise: Mindestens zwei Leute bei einem Ferngespräch, von denen jeder den Befehl hatte, jeden niederzuschießen, der falsche Befehle oder Informationen weitergab.

Absurdes Theater

Die drei Bomben, die auf dem Festland heruntergekommen waren, wurden schnell gefunden, die vierte sank jedoch auf den Boden des Mittelmeeres und wurde über Wochen und Monate vermisst. Wie üblich im Fall von "Broken Arrow", wurde zunächst eine Nachrichtensperre verhängt, die das Militär möglichst lange aufrecht zu halten versuchte. Da die spanischen Dorfbewohner und die internationale Presse die knapp vier Meter langen und einen halben Meter durchmessenden Silberdosen aber bereits als Atomwaffen identifiziert hatten, kam es damals zu kuriosen Szenen.

Einige Pressekonferenzen hätten jeder Vorstellung des absurden Theaters zur Ehre gereicht, da insbesondere das amerikanische Militär seine Informationspolitik nur scheibchenweise änderte. So antwortete ein Sprecher des US-Verteidungsministeriums einmal: "Ich weiß nichts von einer fehlenden Bombe, aber wir haben das noch nicht endgültig identifiziert, von dem ich denke, dass sie denken, wir suchen danach." Erst 80 Tage und nach mehreren missglückten Anläufen gelang dank der Hinweise eines spanischen Fischers die Bergung der vierten Bombe.

So weit war der Unfall für Palomares zunächst glimpflich ausgegangen. Doch drei Kilogramm Plutoniumstaub waren über weite Areale verteilt und kontaminierten landwirtschaftliche Flächen. Ein Teil war auch ins Mittelmeer geweht worden, wo es sich noch heute etwa in Meerestieren nachweisen lässt. Eine riesige Aufräumaktion mit 1700 amerikanischen Soldaten und Mitgliedern der spanischen Guardia Civil begann.

Schwach kontaminiertes Erdreich wurde einfach umgepflügt, viele Pflanzen einfach verbrannt. Letzteres stellte sich im Nachhinein als großer Fehler heraus, da dadurch die Radioaktivität noch weiter in der Gegend verbreitet wurde. Allerdings besaß 1966 noch keine Nation ein fortschrittliches Strahlenschutzprogramm. Stärker kontaminierte Erde und Pflanzen wurden in Fässer gepackt. Rund 1400 Tonnen Erde in knapp 5000 Fässern transportierte ein Spezialschiff der Navy in ein Atommülllager in den USA.

Geborgene Wasserstoffbombe von Palomares
© U.S. Navy, Courtesy of the Natural Resources Defense Council
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernGeborgene Wasserstoffbombe von Palomares
Eine der zwei unbeschädigten Wasserstoffbomben lag mehrere hundert Meter unter Wasser und wurde erst nach etlichen Wochen geborgen.

Seitdem unterhalten spanische und amerikanische Stellen ein Strahlenmessprogramm, um die Strahlenexposition der Bevölkerung zu untersuchen. Kritiker halten es für unzureichend und fordern unabhängige Studien. Amtlichen Angaben zufolge liegt die Krebsrate in Palomares und Umgebung nicht höher als im spanischen Mittel. Nach dem nationalen spanischen Forschungszentrum CIEMAT liegt die Strahlenbelastung in und um Palomares im Rahmen der Grenzwerte. Plutonium ist zwar hochgefährlich, doch ist es über eine große Fläche verteilt.

Ein halbes Kilo Plutonium ist noch im Boden

"In Form von Aeorosolen ist es sogar besonders gefährlich für die Gesundheit wie im Fall von Palomares", sagt Xanthe Hall, Expertin für Atomwaffen bei der Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e. V.). "Wissenschaftler von Princeton errechneten 2001, dass pro inhaliertem Milligramm Plutonium etwa 2,85 Todesfälle zu erwarten sind. Das US-amerikanische BEIR-Komitee schätzt die Zahl sogar noch höher ein: sechs bis zwölf Krebstote pro Milligramm."

Wie neue Messungen zeigen, ist die Radioaktivität an einigen Stellen jedoch deutlich höher als erwartet. Rund ein halbes Kilogramm Plutonium befindet sich wohl noch im Erdreich, vor allem konzentriert auf ein Gebiet von einigen dutzend Hektar. Waffenplutonium hat eine lange Halbwertszeit von über 24 000 Jahren. Ein Teil des Plutoniums ist mittlerweile auch in andere radioaktive Substanzen zerfallen, die noch stärkere Strahlung aussenden. Die spanische Regierung hat vor einigen Jahren gefährdetes Gelände aufgekauft, um es dem Bauboom an der spanischen Mittelmeerküste zu entziehen.

Nach langem Hin und Her konnten sich die spanische und die US-Regierung nun im Oktober 2015 darauf einigen, auch dieses Erdreich mit einem Volumen von 50 000 Kubikmetern zu dekontaminieren. Einer früheren Einigung könnte die Absicht der USA entgegengestanden haben, einen Präzedenzfall zu schaffen. Oppositionelle mutmaßen, diese Aktion sei Teil eines Geschäfts, bei dem die amerikanische Beteiligung am Militärflugplatz Morón von 850 auf 2200 Mann steigt, während die seit Franco-Zeiten ebenfalls gemeinsam betriebene Marinebasis Rota in der Nähe von Cádiz zur wichtigsten im ganzen Mittelmeerraum aufsteigt.

"Chrome Dome" lief nach dem Unfall bei Palomares nur noch zwei Jahre weiter. Nach einem ähnlichen Unglück mit einem B-52-Bomber bei der Thule Air Base in Grönland im Jahr 1968 beendete die US Air Force die Operation. Dort war die Strahlenbelastung noch deutlich stärker – vor allem für die Dekontaminierungskräfte. Allerdings war keine zivile Ortschaft betroffen. Die Einstellung von "Chrome Dome" erfolgte aber nicht aus humanitären Gründen: Land- und U-Boot-gestützte Interkontinentalraketen hatten es dank ihrer Zweitschlagkapazität möglich gemacht, auf die teuren, unfallträchtigen und in der Öffentlichkeit immer kritischer gesehenen Dauerpatrouillen mit nuklear bestückten Langstreckenbombern zu verzichten.