Wie, Sie haben noch nie von "Fomo" gehört? Dann sind Sie offenbar nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Sollte Ihnen das nun Sorge bereiten, sind Sie vielleicht schon selbst betroffen von der "Fear of Missing Out", also der Angst, etwas zu verpassen.

Die schneidige Abkürzung mag relativ neu sein, das Phänomen selbst ist es keineswegs. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen, sagt ein Sprichwort. Indem wir uns für die eine Möglichkeit entscheiden, müssen wir auf die zweite meist verzichten. Doch was, wenn gerade die andere Feierlichkeit die spannendere gewesen wäre? Wenn Freunde am nächsten Morgen von der Party des Jahres schwärmen?

Besonders junge Menschen plagt häufig die Sorge, die wirklich guten Ereignisse könnten woanders ohne sie stattfinden. Etwa 40 Prozent aller Teenager geben an, dieses Phänomen oft oder gelegentlich zu erleben, ergab eine Umfrage der Agentur JWT im englischsprachigen Raum. Unter den Befragten jenseits der 50 waren es hingegen gerade mal elf Prozent.

Forscher erklären sich diesen Unterschied mit dem hohen Stellenwert sozialer Netzwerke in jüngeren Generationen. Gerade Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter würden die Angst vor dem Zurückbleiben besonders fördern. Dabei sollen diese Dienste ja im Gegenteil dabei helfen, den Kontakt zu Mitmenschen zu erleichtern, einander auf dem Laufenden zu halten und am Leben der anderen teilzuhaben – auch über größere Distanzen hinweg. Doch in den Feeds der sozialen Netzwerke wird meist eine kaum zu bewältigende Fülle an Bildern, Statusmeldungen und Hinweisen auf bevorstehende Ereignisse angezeigt. Technische Spielereien wie das "endlose Scrollen" tragen dazu bei, dass immer neue Inhalte aufpoppen. Das macht die Informationsfülle sozialer Netzwerke zu einem zweischneidigen Schwert. Denn die Lebenszeit ist begrenzt; zwangsläufig werden wir immer wieder tolle Ereignisse verpassen. Im Vergleich zu den zahlreichen Statusmeldungen der anderen erscheint dann das eigene Leben schnell fad und trist.

Der britische Psychologe Andrew Przybylski von der University of Essex war einer der ersten Forscher, die das Phänomen empirisch eingrenzten. Seine Untersuchungen ergaben, dass vor allem junge Männer von derlei Sorgen berichten, besonders diejenigen, die mit ihrem Leben nicht sonderlich zufrieden sind. Laut Przybylski bildet Fomo eine Art Scharnier zwischen Unzufriedenheit und der Nutzung sozialer Netzwerke: Wer das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Verbundenheit nicht erfüllen könne, sorge sich eher, wichtige Dinge zu verpassen, und verbringe zunehmend seine Zeit online.

Bislang ist aber noch nicht klar, in welche Richtung die Kausalketten verlaufen. Nutzen Menschen tatsächlich häufiger soziale Netzwerke, weil sie zu Fomo neigen? Oder ist es genau umgekehrt? Steigern soziale Netzwerke die Angst, etwas zu verpassen? Möglich ist auch ein Wechselspiel, bei dem beide Faktoren einander verstärken. In jedem Fall scheinen sie eng verzahnt. Je mehr Przybylskis Probanden von Fomo geplagt waren, desto häufiger nutzten sie Facebook und ähnliche Dienste sofort nach dem Aufstehen oder kurz vor dem Zubettgehen – und während des Autofahrens! Ein gefährliches Manöver: Wer beim Fahren auf seinem Smartphone tippt, steigert das Unfallrisiko um das 23-fache, ergab etwa eine Simulationsstudie mit Lkw-Fahrern.

Das Smartphone als "erweitertes Selbst"?

Menschen mit ausgeprägter Angst vor dem Verpassen nutzen übrigens nicht unbedingt häufiger ihr Smartphone als andere, so eine Forschungsarbeit des klinischen Psychologen Jon Elhai aus dem Jahr 2016. Trotzdem scheint ihnen ihr Handy insgesamt mehr Probleme zu bereiten. Sie ecken offenbar häufiger an, wenn sie beispielsweise virtuellen Kontakten auf ihrem Display mehr Aufmerksamkeit schenken als ihrem realen Gegenüber. Außerdem klagen sie über Schwierigkeiten, wenn sie mal ohne ihr Gerät auskommen müssen und somit für einen Moment nicht erreichbar sind.

Laut einem Experiment des US-Medienforschers Russel Clayton werden regelmäßige Smartphone-Nutzer ohne ihr Gerät sichtlich nervös – selbst wenn es sich nur um ein paar Minuten handelt. Clayton und seine Mitarbeiter lockten Probanden unter einem Vorwand ins Versuchslabor, vermeintlich um ein neues Blutdruckmessgerät zu testen. Ausgestattet mit einem elektronischen Messgurt sollten die Teilnehmer dann eine komplizierte Wortsuchaufgabe lösen. Der Clou: Für die Hälfte der Zeit nahmen die Versuchsleiter den Probanden ihr Smartphone ab; angeblich würde es die empfindliche Messelektronik stören. Es lag dann einen Meter entfernt gut sichtbar in einem Regalfach. Doch während die Teilnehmer über ihren Wortpuzzles brüteten, riefen die Versuchsleiter mehrmals heimlich bei ihnen an. Abnehmen durften diese jedoch nicht.

Obwohl der gesamte Test nur fünf Minuten in Anspruch nahm, wurden die Probanden unruhig. In der kurzen Zeit der Trennung stiegen sowohl Blutdruck als auch Puls merklich an, außerdem nahm ihre Leistungsfähigkeit ab. In einem anschließenden Fragebogen berichteten die Versuchspersonen auch verstärkt von Angstgefühlen.

Leider hatte die Studie einige methodische Schwächen. Einerseits war die Teilnehmerzahl mit 40 Personen eher bescheiden, andererseits ist das Fazit alles andere als eindeutig: Es muss nicht zwingend das entbehrte Smartphone sein, das die Probanden aus dem Konzept gebracht hatte. Schon die lauten Klingelgeräusche an sich könnten die Teilnehmer nervös gemacht haben. Clayton schließt aus den Ergebnissen seiner Studie, dass sich das Smartphone zu einer Erweiterung unseres eigenen Ichs entwickelt – zu einer Art "iSelf", wie er es nennt. Wirklich schlagkräftige Belege für diese These stehen aber noch aus.

Auch wenn das Gerät nur ein Hilfsmittel ist, um den Anschluss zu halten: Nicht nur Smartphone-Werbung arbeitet mit diesem Motiv. "Nichts verpassen", lautet beispielsweise der Slogan des "Schweizer Tagesanzeigers". Büchertitel bauen Druck auf, etwa "1000 places to see before you die" oder "1000 Filme, die man gesehen haben muss" – Vorgaben, an denen man fast zwangsläufig scheitert. Auch Gesundheitskampagnen machen sich Fomo zu Nutze. Ein Onlinevideo von Heineken zeigt Bilder einer schönen Frau auf einer Party, die ein junger Gast bei einem alkoholbedingten Absturz wohl verpasst hätte. Der Spot endet mit der Botschaft: "Der Sonnenaufgang gehört den moderaten Trinkern."

Doch was, wenn die Angst vor dem Verpassen überhandnimmt? Kann man es bekämpfen oder sich dagegen wappnen? Laut der US-Soziologin Martha Beck, die Fomo aus eigener Erfahrung kennt, beruht das Phänomen größtenteils auf Selbsttäuschung. Man müsse sich zunächst bewusst machen, schreibt Beck in einem Artikel für die "Huffington Post", "dass das fabelhafte Leben, dass Sie scheinbar verpassen, so überhaupt nicht existiert".

Das so genannte Freundschaftsparadox lässt uns im Vergleich zu unseren Mitmenschen weniger beliebt erscheinen. Denn ein durchschnittlicher Facebook-Nutzer ist mit 190 anderen Nutzern befreundet, doch diese haben im Schnitt 635 Freunde – mehr als dreimal so viele!

Zum Teil sind diese Wahrnehmungsverzerrungen der Architektur sozialer Netzwerke geschuldet. Das so genannte Freundschaftsparadox lässt uns beispielsweise im Vergleich zu unseren Mitmenschen weniger beliebt erscheinen. Ein durchschnittlicher Facebook-Nutzer ist mit 190 anderen Nutzern befreundet, ergab eine Schätzung aus dem Jahr 2011. Doch ein Freund eines beliebigen Users hat im Schnitt 635 Freunde – mehr als dreimal so viele also! Dieser Unterschied wirkt zunächst wenig einleuchtend. Verständlich wird er, wenn man sich vor Augen führt, dass gut vernetzte Nutzer schon allein auf Grund ihrer hohen Freundeszahl eine höhere Chance haben, auch mit einem selbst befreundet zu sein. Salopp ausgedrückt: Irgendwo müssen die vielen Freunde ja herkommen. Wenn Sie also das Gefühl haben, dass Ihre Onlinefreunde im Schnitt beliebter sind als Sie selbst. Es liegt gewissermaßen in der Natur der Sache.

Warum Ihre Freunde aktiver erscheinen als Sie selbst

Analog dazu postulierte Nathan O. Hodas von der University of Southern California das "Aktivitätsparadox". Es besagt, dass die eigenen "Kontakte" in sozialen Netzwerken meist auch umtriebiger sind als man selbst. Zusammen mit Kollegen analysierte der Datenwissenschaftler die Aktivitäten von mehr als 3,4 Millionen Nutzern der Kurznachrichtenplattform Twitter über einen Zeitraum von zwei Monaten. Die Analyse ergab, dass etwa 88 Prozent aller User im Schnitt weniger aktiv waren als ein durchschnittlicher Nutzer, dessen Kanal sie abonniert hatten. Das dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass besonders aktive Nutzer auf Twitter meist auch mehr Follower haben als andere.

Doch es ist nicht nur die schiere Anzahl, sondern auch die Art der Postings, die das Leben der anderen zuweilen aufregender erscheinen lässt als das eigene. In sozialen Netzwerken teilen Nutzer schließlich vor allem glanzvolle Augenblicke – etwa von Urlaubsreisen, Partys, beruflichen Erfolgen. "Die Erfahrungen anderer Menschen anhand dieser ausgewählten Bilder zu beurteilen, ist so, als würde man sich mit Hilfe einer Brille orientieren, die nur Berggipfel zeigt", meint Martha Beck. So vergesse man leicht, dass der Alltag vieler Menschen längst nicht so spannend verläuft, wie ihre Onlinedarstellung vermuten lässt. "Die meisten von uns verbringen große Teile des Tages damit, ihre Autoschlüssel zu suchen", scherzt Beck. Derart profane Momente würde natürlich kaum jemand über soziale Plattformen teilen. Ihr Rat: "Halten Sie die Bilder auf dem Bildschirm nicht für ein fabelhaftes echtes Leben, das vermeintlich an Ihnen vorüberzieht!"