News | 14.02.2013 | Drucken | Teilen

Umweltbelastung

Angstmedikament im Abwasser macht Barsche mutig

Julia Heymann
Flussbarsch <em>(Perca fluviatilis)</em>

Medikamente, die im Körper nicht vollständig abgebaut werden, landen im Abwasser und danach oft in Gewässern, weil sie von Kläranlagen nicht herausgefiltert werden. In vielen Fällen bleiben sie biochemisch aktiv. Die ökologischen Konsequenzen dieser Belastung wurden jedoch bisher wenig untersucht. Jetzt zeigen Tomas Brodin und Jonatan Klaminder von der Universität Umeå in Schweden, dass schon Spuren von Psychopharmaka im Flusswasser das Verhalten von Fischen verändern.

Sie untersuchten den Effekt des angstlösenden Wirkstoffs Oxazepam auf einheimische Flussbarsche (Perca fluviatilis). Dafür bestimmten die Forscher zunächst die Oxazepamkonzentration in einer Kläranlage und einem angrenzenden Fluss in Uppsala sowie im Muskelgewebe dort gefangener Barsche. Flüssigkeitschromatografie und Massenspektrometrie ergaben, dass der Wirkstoff sich in den Tieren anreicherte: Die Konzentration in den Muskeln war sechsmal höher als im Flusswasser.

utiger Flussbarsch
  Mutiger Flussbarsch
Medikamente im Abwasser verändern das Verhalten dieses Fisches.

Das Forscherteam analysierte im Anschluss die Auswirkungen solcher Arzneimengen auf lebende Flussbarsche. Sie beobachteten deren Verhalten vor und nach Zugabe von Oxazepam zum Wasser und stellten fest, dass die Fische durch das Präparat aktiver wurden, schneller fraßen und bereitwilliger neue Beckenbereiche erforschten. Die Barsche verbrachten außerdem weniger Zeit in der Gruppe. "Normalerweise sind Barsche scheu und jagen in Schwärmen. Das ist eine bewährte Überlebensstrategie. Doch diejenigen, die in Oxazepam schwimmen, sind wesentlich mutiger", so Brodin. Die Wissenschaftler befürchten, dass die Verhaltensänderung der Barsche über die Nahrungsnetze schließlich sogar die Zusammensetzung des Ökosystems beeinflussen könnte.

Mediziner verschreiben Oxazepam gegen Angst, Unruhe und Schlafstörungen. Der Wirkstoff gehört zur Klasse der Benzodiazepine, die im Gehirn die beruhigende Wirkung des Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) verstärken, indem sie ebenfalls an dessen Rezeptor binden. Außer dem Menschen besitzen auch viele Tiere GABA-Rezeptoren und sind damit ebenso empfänglich für das Angstmedikament. Bezodiazepine sind die am häufigsten verschriebenen Beruhigungsmittel weltweit. Allein in Deutschland nimmt ungefähr jeder Siebte im Verlauf eines Jahres ein Benzodiazepinpräparat ein. Bei unkontrollierter Einnahme können die Medikamente schnell abhängig machen.

Die Autoren hoffen, dass ihre Studie einen Beitrag zur Verbesserung des Gewässerschutzes leistet: "Die Lösung des Problems ist nicht, kranke Leute nicht mehr zu behandeln, sondern Kläranlagen zu bauen, die in der Lage sind, umweltschädliche Medikamente abzufangen."

© Spektrum.de
Flussbarsch <em>(Perca fluviatilis)</em>

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