News | 07.01.2013 | Drucken | Teilen

Wrackfund

Antikes Medikamentendöschen enthielt Augenarznei

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Zu den unglücklichen Seefahrern, deren Schiff im 2. Jahrhundert v. Chr. bei Pozzino vor der toskanischen Küste versank, gehörte offenbar auch ein Arzt. Das legt jedenfalls der Fund einer umfangreichen medizinischen Ausrüstung nahe. Nun bestätigen Archäologen, dass eines der typischen Arzneimittelgefäße – eine so genannte "pyxis" aus Zinn – tatsächlich Medizin enthalten zu haben scheint. Form und Zusammensetzung des Inhalts lassen darauf schließen, dass die Tabletten mit Wasser vermischt als Augenspülung angewendet wurden.

Die Analyse des Teams um Gianna Giachi von der toskanischen Antikenverwaltung liefert einen seltenen Einblick in die Zusammensetzung solcher antiker Heilmittel. Laut den Forschern fanden sich in einem der Medikamentendöschen sechs gut erhaltene graue Tabletten von ungefähr vier Zentimetern im Durchmesser und einem Zentimeter Dicke. Proben davon untersuchten die Forscher jetzt mit verschiedenen chemischen Analyseverfahren und Mikroskopen; unter anderem bestimmten sie auch Art und Anzahl der darin enthaltenen Pollen.

"Pyxis" und "Collyrium"
  "pyxis" und "collyrium"
In diesem fest verschlossenen Medikamentenbehälter aus Zinn stießen die Forscher auf gut erhaltene Augenmedizin: Die Tabletten wurden wohl in Wasser aufgeweicht und als Suspension ins Auge gebracht. Zur medizinischen Ausstattung, die im Wrack gefunden wurde, zählen außerdem hölzerne Phiolen, ein Mörser sowie ein Bronzegefäß, das möglicherweise beim Aderlass eingesetzt wurde.

Wie sich zeigte, basierte das Medikament im Wesentlichen auf Zinkverbindungen – genauer gesagt auf den natürlich vorkommenden Mineralen Hydrozinkit und Smithsonit. Daneben enthielt die Tablette stärkehaltige Produkte, tierische und pflanzliche Fette sowie Pinienharz. Die pflanzlichen Fette könnten von "omphacium", dem Öl unreifer Oliven, stammen. Das Harz diente wohl als Konservierungsmittel, das ein Ranzigwerden des Produkts verhinderte, meinen die Forscher. Außerdem identifizierten sie Bienenwachs samt zahlreicher Pollen, Holzkohle und Flachsfasern, deren Verwendung für römische Tabletten bisher nicht bekannt war.

Als Beleg für die Annahme, dass es sich bei dem Präparat um ein augenheilkundliches Arzneimittel gehandelt haben dürfte, führen die Forscher antike Autoren an, die Zinkoxid als probates Mittel gegen Krankheiten der Augen und der Haut anpriesen. Darüber hinaus leitet sich die lateinische Bezeichnung "collyrium" für "Augenspülung" von einem griechischen Wort ab, das ursprünglich "kleiner runder Laib" bedeutete – und damit eine durchaus zutreffende Beschreibung für die im Schiffswrack gefundenen Tabletten war.

Auch das Schiff selbst scheint einen griechischen Ursprung zu haben. Untersuchungen der in den Jahren 1989 und 1990 geborgenen und teils außergewöhnlich gut erhaltenen Überreste ergaben, dass es ursprünglich auf der griechischen Insel Delos ausgerüstet wurde. Irgendwann zwischen den Jahren 140 und 130 v. Chr. versank es vor der Küste der etruskischen Stadt Populonia.

© Spektrum.de
Tabletten für die Augen

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