Entfernte Verwandte
© Peter Schouten
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Die Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens in Asien ist wohl weitaus komplexer als bislang angenommen. Das legen zwischen 11 500 und 14 300 Jahre alte Schädelfragmente aus Südchina nahe, die Gesichtsmerkmale von modernen wie auch archaischen Formen des Homo sapiens aufweisen. Womöglich lebte dort ein bisher unbekannter Vertreter unserer Spezies in Nachbarschaft mit dem bekannten modernen Menschen.

Der Schädel aus Longlin
© Darren Curnoe/University of New South Wales
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Bei den Knochen handelt es sich um Fragmente der Gesichtspartie, Teile von Unterkiefern sowie eine Schädelkalotte, die bereits 1979 und 1989 in zwei etwa 300 Kilometer voneinander entfernten Höhlen im Süden Chinas entdeckt wurden. Ein Team um den Anthropologen Darren Curnoe von der australischen University of New South Wales konnte nun die Funde genauer unter die Lupe nehmen – und anhand der Knochen die ungewöhnliche Schädelform rekonstruieren. So würden zwar viele Merkmale den frühen modernen Menschen entsprechen, doch sei das Gesicht flacher und wesentlich breiter geformt. Ebenso sei beispielsweise das Nasenbein an seiner schmalsten Stelle nur halb so dick wie bei Menschen aus Asien, Europa, Afrika oder Australien. Zusammengenommen ergebe sich, so die Forscher, eine Mischung aus modernen und archaischen Schädelmerkmalen, die so bislang bei keiner anderen steinzeitlichen Population von Homo sapiens nachgewiesen wurde.

Schädelkalotte
© Darren Curnoe/University of New South Wales
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Das Alter der Knochen grenzten die Wissenschaftler mit Hilfe einer Radiokarbondatierung etwa zwischen 14 300 und 11 500 Jahre ein. Ausgehend hiervon entwarfen die Anthropologen zwei Szenarien für den Ursprung dieser Menschenart: Entweder hatten archaische Vertreter des Homo sapiens als frühe Auswanderer lange im heutigen Südchina überlebt, oder aber die eigenartigen Äußerlichkeiten deuten darauf hin, dass Ostasien während der Altsteinzeit in mehreren Wellen von Afrika aus bevölkert wurde. Würde die zweite These zutreffen, hätten sich ursprünglich unterschiedliche Menschenpopulationen in Afrika entwickelt. Die Theorien ließen sich überprüfen, wenn es gelänge, den Überresten genetisches Material zu entnehmen. Doch daran scheiterten die Wissenschaftler bisher noch, so Curnoe. Von einer eigenen Homo-Art wollen sie ohnehin bei den von ihnen als "Rotwildhöhlen-Menschen" (sie wurden neben zahlreichen Rotwildknochen in der Höhle gefunden) bezeichneten Funden definitiv nicht sprechen.

Erst vor Kurzem hatten andere Forscher anhand eines 13 000 Jahre alten afrikanischen Schädelfragments festgestellt, dass auch in Afrika offensichtlich bis vor wenigen Jahrtausenden noch archaische Formen des Homo sapiens überlebt hatten. Die Knochen weisen eine Form auf, die an frühe Linien des modernen Menschen erinnert.