Ein grüner sonnendurchfluteter Wald, durchzogen von kleinen Bachläufen, dazwischen Feigenbäume und Dattelpalmen – die kleine Idylle ist bevorzugter Aufenthaltsort unserer afrikanischen Urahnen Millionen von Jahren vor heute. Begleitet von lautem Vogelgezwitscher bahnt sich eine Gruppe den Weg durch das dichte Unterholz, Männchen wie Weibchen kaum anderthalb Meter groß und vielleicht ein Zentner schwer.

"Ardi" in der Rekonstruktion
© J. H. Matternes
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So affenartig ihr haariges Äußeres wirkt – der Gang hat deutlich menschliche Züge: Auf zwei Beinen kommt Ardipithecus ramidus, der "Boden-Affe", daher, in beiden Händen gesammelte Früchte. Zwar bewegt er sich noch nicht so leichtfüßig wie der berühmte Australopithecus "Lucy" rund eine Million Jahre später, aber sein Körperbau ist bereits deutlich an den aufrechten Gang angepasst.

In insgesamt elf Artikeln der Fachzeitschrift "Science" stellen jetzt Wissenschaftler unseren Urahnen vor. Er ist kein völlig neuer Bekannter, aber einer, den besser kennenzulernen bislang Gelegenheit fehlte. Schon 1992 fanden Forscher in Aramis in der äthiopischen Region Afar einen Zahn, den sie zunächst noch den Australopithecinen zurechneten. Als darauf folgende Kampagnen immer mehr Fossilien zu Tage förderten, gab es plötzlich genügend Hinweise, um von einer eigenen Art zu sprechen. 1995 taufte sie das Team um Studienleiter Tim White von der University of California in Berkeley auf den Namen Ardipithecus ramidus. Die Wörter ardi "Boden" und ramid "Wurzel" entnahmen die Forscher dabei dem Afar, der lokalen Sprache.

Nach weiteren Jahren peinlich genauer Feldforschung präsentierte das Team um White 1997 schließlich ein zu großen Teilen erhaltenes Frauenskelett inklusive Schädel und Beckenknochen – ein ungewöhnlicher, fast schon sensationeller Fund. Es ist das älteste Skelett eines Hominiden, das bislang in dieser Vollständigkeit entdeckt wurde. Von früheren Arten wie Orrorin und Sahelanthropus kennen Wissenschaftler lediglich Einzelteile.

Schädelfragmente
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Skelettreste und Zähne von insgesamt 35 Individuen wurden bis zum Abschluss der Grabungen 2008 geborgen, die mit einem Alter von 4,4 Millionen Jahren allesamt aus derselben Zeit stammten. Hinzu kamen noch einmal 150 000 Fossilien von zig Pflanzen- und Tierarten aus der gleichen Epoche.

Ein "neuer Jahrhundertfund"

Doch die Auswertung zog sich in die Länge. Die schiere Masse an Daten, aber mehr noch der schlechte Zustand der Knochen, wie dem völlig zerscherbten Schädel etwa, der gescannt und mühsam in 3-D zusammengesetzt werden musste, ließen Interpretationen nur unter großem Vorbehalt zu. Erst jetzt, nach Abschluss der wichtigsten Rekonstruktionen, bündelten die beteiligten Forscherteams sämtliche Erkenntnisse und stellten sie der Öffentlichkeit vor. [1] 47 Wissenschaftler aus zehn Ländern leisteten dazu einen Beitrag, beschrieben erstmals detailliert die Anatomie, erschlossen die Beschaffenheit von Ardipithecus' Umwelt und zogen Schlüsse über sein Sozialverhalten. Galt bislang Australopithecus als älteste, gut erforschte Vormenschenart, kann ihm nun der Ardipithecus diesen Rang streitig machen.

Die Forschungsergebnisse setzen sich zu einem Gesamtbild zusammen, das mit einigen überkommenen Ansichten über die Menschwerdung kurzen Prozess machen könnte. "Wir dachten immer, 'Lucy' sei der Fund des Jahrhunderts", sagt beispielsweise Andrew Hill von der Yale University in New Haven, der an den Untersuchungen nicht mitwirkte, gegenüber "Science" [2]. "Aber zurückblickend muss man sagen: Das stimmte nicht."

Möglicher Stammbaum der Menschheit
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Ardipithecus ramidus könnte in direkter Vorfahrenlinie zu dem berühmten Australopithecus afarensis "Lucy" stehen. Ohne weitere Funde kann man jedoch nicht entscheiden, ob A. ramidus nicht zu einem Seitenast der Evolution gehört.
Während die berühmte Lucy schon deutlich den Weg Richtung Homo eingeschlagen hat, steht A. ramidus noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. Er lebte relativ kurze Zeit nach der Aufspaltung von Mensch und Schimpanse, die genetische Untersuchungen vor fünf bis sieben Millionen Jahren ansiedeln. Damit verrät das in vielerlei Hinsicht noch sehr archaische Skelett von "Ardi", wie die Dame genannt wurde, ebenso viel über unsere nächsten Verwandten wie über uns selbst. Völlig unerwartet kommt dabei die Erkenntnis, wie wenig Ähnlichkeit sie mit den heutigen Schimpansen hat. Lediglich das Gehirn der beiden Arten war ähnlich groß.

Vor allem Spekulationen über ihren Gang bieten Diskussionsstoff. Sowohl im Aufbau des Fußes, als auch – mit Einschränkungen – in der Konstruktion des Beckens wollen die Forscher Anzeichen für eine zeitweilig zweifüßige Lebensweise entdeckt haben. Einen noch deutlicheren Hinweis liefert die Schädelbasis. Ardi balancierte wie wir den Kopf auf ihrer Wirbelsäule, bei Affen endet das Rückgrat hingegen höher am Hinterkopf. Dass A. ramidus gewohnheitsmäßig auf zwei Beinen unterwegs war, hatte man von Anfang an gemunkelt, aus Mangel an einer sorgfältigen Auswertung der Befunde hatten sich die meisten Forscher bislang noch zurückgehalten.

Bloßes Krabbeln im Geäst

In der nun vorgestellten Interpretation war A. ramidus ein Bodenbewohner, der sich bei Bedarf immer wieder auf die Bäume zurückzog. In ihnen kletterte er allerdings nicht wie die heutigen Menschenaffen, indem er sich von Ast zu Ast schwang, stattdessen "krabbelte" der Ardipithecus auf ihnen mit allen Vieren. Dafür spricht beispielsweise, dass ihm immer noch ein großer Zeh zum Zupacken geblieben war, der beim späteren Australopithecus bereits verschwunden ist. Außerdem hatte er ein extrem flexibles Handgelenk und im Vergleich zu den "Schwingern" Schimpanse und Gorilla relativ kurze Arme. Dass Ardi keine besonders grazile Läuferin war, ist so weit wenig überraschend, dass sie aber auch wenig Talent zum Klettern hatte, wirft einige Fragen auf.

Für die beteiligten Forscher ergibt sich aus der Gesamtschau ein völlig anderes Szenario, als bislang angenommen. Demnach verlor nicht A. ramidus die Fähigkeit zum behänden Klettern, sondern es sind im Gegenteil die Schimpansen, die sich diese Spezialisierung seitdem erworben haben. Ihre Arme wurden deutlich länger, ihre Handgelenke versteiften sich für bessere Kontrolle – und sie entwickelten den typischen Knöchelgang. Insbesondere für diese Art der Fortbewegung gibt es bei den bislang bekannten Urahnen des Menschen keine Hinweise. Der Vierfüßergang auf den Handflächen wäre demnach die ursprünglichere Fortbewegungsweise und die Urahnen der Menschenaffen nicht die ausgemachten Baumbewohner, für die man sie hielt.

Auch in anderer Hinsicht unterscheidet sich A. ramidus von Schimpansen: Das von Aggression gekennzeichnete Sozialverhalten der Schimpansen bescherte ihnen regelrechte Hauer als Eckzähne. Drohen, zubeißen, kämpfen – all das hatten Ardis männliche Artgenossen offenbar nicht in dem Ausmaß nötig, wie unsere nächsten heute noch lebenden Verwandten. Andernfalls wäre die Statur von Männchen und Weibchen nicht so ähnlich und sie hätten wohl auch nicht dieselben abgerundeten Eckzähne, die für spätere Arten der Homo-Linie typisch sind. Statt über Haremsbildung organisierte der Ardipithecus sein Zusammenleben möglicherweise über längerfristige Zweierbeziehungen, spekulieren die Forscher.

Todesstoß für Savannentheorie

Skelettrekonstruktion
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Die Rekonstruktion von A. ramidus bevorzugter Umgebung rüttelt darüber hinaus an der oft zitierten Savannentheorie, derzufolge das Verlassen des Waldes spätestens bei Australopithecus zum aufrechten Gang geführt hätte. Vor allem in der offenen Fläche, nahm man an, würde der Gang auf zwei Beinen seine Vorteile ausspielen können – sei es, weil er einen besseren Überblick bot, sei es, dass er die Körpertemperatur besser regulieren half. Dass sich nun der mutmaßliche Zweifüßer A. ramidus inmitten der schönsten Wälder tummelte, könnte dieser Hypothese den Todesstoß versetzen.

Für die letzte große Überraschung sorgte der Vergleich mit den bekannten Vorgängern. Insbesondere zum sechs bis sieben Millionen Jahre alten Sahelanthropus tchadensis, von dem ein Schädelknochen bekannt ist, konnten die Wissenschaftler erstaunliche Parallelen ziehen, aber auch zu Orrorin tugenensis und dem ebenfalls den Ardipithecinen zugerechneten A. kadabba, einem mutmaßlichen Vorfahren Ardis. Alle unterschieden sich offenbar doch nicht in dem Maße von ihrem jüngeren Verwandten, wie bislang geglaubt. Weitere Funde könnten hier an dem bis vor kurzem einigermaßen etablierten Gerüst des Stammbaums rütteln. Vielleicht wird man wohl oder übel bald alle drei Arten zu einer einzigen zusammenwerfen müssen, heißt es.

Für Anthropologen ist das kein ganz neues Problem: Es gibt nur spärliche Fundstücke und auch wenn sie – wie im Falle Ardis – außergewöhnlich vollständig erhalten sind, ist jede Interpretation mit einem großen Unsicherheitsfaktor behaftet. Die Meinungen, die in den jetzt veröffentlichten Arbeiten zum Ausdruck gebracht werden, sind keineswegs das letzte Wort. "Science" gegenüber drückt es der Paläoanthropologe David Pilbeam von der Harvard University so aus: "Die Autoren […] haben die Grundlage für eine Debatte gelegt, die jetzt unausweichlich folgen wird."