Amerika vor etwa 10 000 Jahren: Die Eiszeit liegt in den letzten Zügen, die mächtigen Gletscher, die einst weite Teile Alaskas, Kanadas und der nördlichen Vereinigten Staaten bedeckt haben, ziehen sich rasch zurück und lösen sich in Schmelzwasser auf, die Temperaturen steigen wieder. Ganz allgemein verbessern sich die Lebensbedingungen. Da in Nordamerika – anders als in Europa – die wichtigen Gebirge wie die Rocky Mountains oder die Sierra Nevada vornehmlich in Nord-Süd-Richtung verlaufen, stellen sich auf der Flucht wie beim Rückweg Flora und Fauna keine überwindlichen Hindernisse in den Weg. Vor den Eiszungen nach Süden ausgewichene Tiere und Pflanzen breiten sich wieder aus und erobern rasch ihren angestammten Lebensräume zurück.

Junko
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Unter ihnen befindet sich auch ein kleiner, eher unscheinbarer Singvogel – der Junko (Junco hyemalis) –, der zum Forschungsgegenstand von Wissenschaftlern um Borja Milá von der Universität von Kalifornien in Los Angeles aufstieg. Der Junko besiedelt das gesamte westliche und nördliche Nordamerika mit fünf deutlich zu unterscheidenden Unterarten, die lange von Ornithologen als eigenständige, aber eng verwandte Spezies geführt wurden. Eine heute strittige Ansicht, da sich die Tiere durchaus noch untereinander verpaaren können, was gegen einen jeweils eigenen Artstatus spricht.

Ihre markanten Gefiederdifferenzen deuten jedoch an, dass die einzelnen Gruppen zumindest auf dem Weg zur Unabhängigkeit sind – ein Prozess, der womöglich bereits während der letzten Eiszeit in Gang gekommen war. Dafür sprechen auch ihre Verbreitungsgebiete, die räumlich bis auf kleinere Überlappungen sauber getrennt sind. Womöglich, so die gängige These, haben sie in diesen Refugien den Kälteeinbruch überlebt, sich unabhängig fortentwickelt und erst anschließend wieder Kontakt zu ihren Artverwandten bekommen. Die Zeit in Isolation war für die Junkos einfach noch nicht lange genug, um die anschließenden fruchtbaren Techtelmechtel in den Überschneidungsarealen unmöglich zu machen.

Ein guter Teil der globalen Artenvielfalt soll allerdings auf diese trennenden Phasen durch Eiszeiten zurückzuführen sein – sei es in einzelnen Macchieninseln in mediterranen Eichen-Kiefernwäldern oder in Regenwaldarealen inmitten von Grasländern in Amazonien. Meist waren dazu mehrere Kaltzeiten nötig, da es normalerweiswe zwischen 100 000 und 2 Millionen Jahren dauert, bis sich zwei Populationen einer Ausgangsspezies unüberbrückbar auseinandergelebt haben.

Nicht so der Junko, wie nun Milá und seine Kollegen entdeckt haben, als sie die genetischen und naturhistorischen Merkmale des Vogels und seiner nächsten Verwandten, des Rotrücken- (Junco phaeonotus) und des Streifenjunkos (Junco vulcani), betrachteten. Letzterer ist ein eher ungewöhnlicher Vertreter der Junko-Gattung, der nur entfernt mit seinen beiden Stammesbrüdern verwandt ist und deshalb nach den Erkenntnissen der Biologen für die Geschichte des Junkos nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Und noch ein Junko
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Ganz anders verhält es sich mit dem Rotrückenjunko, dessen Verbreitungsschwerpunkt heute den Süden Mexikos und die Hochländer Zentralamerika umfasst. Nach dem Ende der letzten Eiszeit schickte er sich an, von dort aus den Norden Mexikos sowie große Teile der USA und Kanadas zu besiedeln. Mexiko ist bis heute fest in der Hand von Junco phaeonotus, wenngleich die Tests der mitochodrialen DNA zeigen, dass die südlichen Populationen genetisch deutlich vielfältiger sind als ihre nördlichen Vettern. Dennoch gelang diesen relativ verarmten Tieren der Sprung über die heutige Grenze und eine anschließende weite Auffächerung über ein riesiges Gebiet – allerdings mit einer gravierenden Änderung.

Denn aus den Rotrückenjunkos wurden nun die Junkos, die zwar noch eng verwandt sind mit ihren mexikanischen Vettern, sich aber nicht mehr mit diesen erfolgreich paaren können. Auf ihrem weiteren Weg nach Norden spalteten sich dann die einzelnen Unterarten ab, von denen heute beispielsweise eine an der amerikanischen Westküste lebt, eine andere in den nördlichen Rocky Mountains und eine dritte in Alaska und Kanada. Manche davon tragen Gefiedermerkmale, die sie farblich genau zwischen die beiden Arten stellen und den Übergang zur neuen Spezies auch optisch sukzessive nachvollziehen lassen. Diese Vögel haben also nicht in kleinen Nischen überlebt und sich fortentwickelt, ihre Evolution ist ganz im Gegenteil das Ergebnis einer massiven Expansion, die erst später in Teilpopulationen zerfallen ist.

Rotrückenjunko
© Borja Milá
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Was die Forscher dabei neben dem umgekehrten Weg noch mehr erstaunt, ist die relativ rasende Geschwindigkeit, in der sich diese Artbildung vollzog. Ausgehend von den analysierten Genunterschieden und den gängigen Mutationsraten im Vogelreich berechneten sie eine Entstehungszeit von maximal knapp 12 000 Jahren – ein Rekordwert unter den Wirbeltieren, denn bislang ist nur der Fall mehrerer ostafrikanischer Buntbarsche bekannt, die sich innerhalb von nur rund viertausend Jahren aufgespalten haben.

Und die Junkos sind offensichtlich noch lange nicht am Ende ihres Weges angekommen: Denn manche der Unterarten vermischen sich bereits nicht mehr, die meisten Kontaktzonen sind sehr schmal und seit mindestens hundert Jahren statisch. Aufgrund des in der Vergangenheit gezeigten Tempos, könnten die Junkos also bald Zuwachs haben – zumindest zwei der Unterarten sollen aufgrund ausreichender Eigenständigkeit sogar bald schon zu vollwertigen Spezies aufsteigen.