Die Idee zu seiner neuen Forschungsarbeit kam dem norwegischen Polarforscher Jørgen Berge von der Arctic University eher zufällig – auf einem kleinen Boot in einem Fjord Spitzbergens: "Über uns erstreckte sich die sternenklare Winternacht, und unter uns leuchteten zahllose blau-grüne 'Sterne' in der Tiefe auf. Diese Schönheit war bezaubernd – und die Tatsache, dass so viele Organismen Licht erzeugten ein deutlicher Hinweis, dass die Natur sich nicht im Ruhezustand befindet." Deshalb initiierte der Wissenschaftler mit seiner Forschungsgruppe eine dreijährige Beobachtungsreihe auf der arktischen Insel, die während der winterlichen Polarnacht jegliches Leben in der Dunkelheit erfassen sollte. In der Region herrscht drei Monate lang fast völlige Nacht. Das Ergebnis hat Berge und Co erstaunt – denn entgegen der bisherigen Annahmen läuft das Leben auch ohne Tageslicht auf Hochtouren über die komplette Nahrungskette weiter.

Mangels Licht war das Phytoplankton kaum aktiv, stattdessen dominierten jedoch kleine Ruderfußkrebse und andere Tierchen, die das noch vorhandene Plankton fraßen. Stark vertreten waren auch Arten, die sich auf Aas oder abgestorbenes Pflanzenmaterial spezialisiert haben wie Wellhornschnecken, Flohkrebse und Krabben. Bei manchen Organismengruppen lag die Vielfalt und Aktivität höher als während der Sommermonate, und viele Arten pflanzten sich sogar fort. Am meisten überraschten aber die Seevögel, so Berge: "Sie waren nicht nur da, sondern fanden auch ihre Nahrung problemlos in der Dunkelheit." Wie ihnen das gelingt, ist momentan noch unklar; zumal bislang unbekannt war, dass Arten wie Krabbentaucher, Gryllteisten oder Eismöwen während der Polarnacht in diesen hohen Breiten bleiben. Wahrscheinlich orientieren sie sich bei der Jagd an dem Licht, das manche Tiere wie der örtlich vorhandene Krill produzieren.