Im April 2012 führte Ross Andersen ein Interview mit dem theoretischen Physiker, Kosmologen und Bestsellerautor Lawrence Krauss, das unter dem Titel "Hat die Physik Philosophie und Religion überflüssig gemacht?" in der Zeitschrift "The Atlantic" erschien. Krauss' Antwort auf diese Frage empörte Philosophen, denn er sagte: "Die Philosophie war einmal ein Fachgebiet mit Inhalten" und fügte später hinzu: "Die Philosophie ist ein Fachgebiet, das mich leider an diesen alten Woody-Allen-Witz erinnert: 'Wer nichts kann, der lehrt, und wer nicht lehren kann, unterrichtet Sport.' Und das übelste Teilgebiet der Philosophie ist die Wissenschaftsphilosophie; die einzigen Leute, soweit ich das beurteilen kann, die Aufsätze von Wissenschaftsphilosophen lesen, sind andere Wissenschaftsphilosophen. Sie haben keinerlei Einfluss auf die Physik, und ich bezweifle, dass andere Philosophen sie lesen, denn sie sind ziemlich fachspezifisch. Zu verstehen, was sie rechtfertigt, fällt deshalb wirklich schwer. Und so würde ich sagen, dass diese Spannung auftritt, weil sich Philosophen bedroht fühlen – und sie haben jedes Recht dazu, denn die Wissenschaft macht Fortschritte und die Philosophie nicht."

Wenig später veröffentlichte das Onlinemagazin "The Observer", das zum "Guardian" gehört, ein freundschaftliches Gespräch zwischen Krauss und dem Philosophen Julian Baggini. Zwar zeigt Baggini großen Respekt vor der Naturwissenschaft und stimmt mit Krauss und den meisten anderen Physikern und Kosmologen überein, dass nicht "mehr Dinge im Universum existieren als jene, die man aus den Naturwissenschaften kennt". Doch beanstandete er, dass Krauss "einige der imperialistischen Ambitionen der Wissenschaft" zu teilen scheint. Baggini vertritt dagegen die weit verbreitete Meinung, dass "einige Aspekte des menschlichen Daseins eben nicht wissenschaftlich sind. Ich kann beispielsweise nicht erkennen, wie reine Fakten allein jemals die Frage klären könnten, was moralisch richtig oder falsch ist."

Krauss sieht das etwas anders. Vielmehr unterscheidet er zwischen "Fragen, die sich beantworten lassen, und solchen, die sich nicht beantworten lassen". Und die beantwortbaren Fragen fielen mehrheitlich in den "Bereich des empirischen Wissens, alias Wissenschaft". Was die moralischen Fragen betrifft, nimmt Krauss an, dass sich diese nur durch "sich auf empirische Belege stützende Argumente […]" beantworten ließen. Doch wie ein "auf Fakten basierender Befund jemals die Frage nach Recht und Unrecht klären könnte", kann sich Baggini nicht vorstellen.

Philosophie erlaubt Reflektieren der Fakten

Gleichwohl zeigt Krauss auch Verständnis für den Standpunkt Bagginis, wenn er sagt: "Meines Erachtens kann die philosophische Diskussion die Entscheidungsfindung in vielfacher Weise inspirieren, indem sie ein Reflektieren der Fakten erlaubt. Doch letztlich lassen sich diese Fakten einzig über empirische Forschung gewinnen." Bekannte Philosophen zeigten sich verärgert über das Interview im "Atlantic", unter ihnen Daniel Dennett von der Tufts University, der sich an Krauss wendete. Daraufhin formulierte Krauss die Erläuterung seines Standpunkts etwas vorsichtiger und veröffentlichte diese 2014 unter dem Titel "The Consolation of Philosophy" im "Scientific American". Auch wenn er wenig von seiner ursprünglichen Position abwich, sah er die Bereicherung seines eigenen Denkens durch die Philosophie dennoch wohlwollender: "Als Physiker […] haben ich und die meisten der Kollegen, mit denen ich dieses Anliegen diskutierte, festgestellt, dass philosophische Spekulationen über Physik und den Charakter der Wissenschaft nicht besonders hilfreich sind – und wenig oder keinen Einfluss auf die Fortschritte in meinem Fachgebiet hatten. Sogar in etlichen Bereichen, die sich wohl dem zuordnen lassen, was man zu Recht als Wissenschaftsphilosophie bezeichnen kann, empfand ich die Betrachtungen von Physikern als nützlicher."

Um das materielle Universum zu verstehen, bedürfe es nichts außer Physik

Mit seiner Geringschätzung der Philosophie steht Krauss unter Physikern nicht allein dar. Im September 2010 veröffentlichten der Physiker Stephen Hawking und Leonard Mlodinow eine Botschaft, die wie eine Bombe einschlug – und das nicht nur in Akademikerkreisen. Auf der ersten Seite ihres Buchs "The Grand Design" (in Deutschland erschienen unter dem Titel "Der große Entwurf") schrieben sie: "Die Philosophie ist tot", denn "Philosophen konnten mit den neueren Entwicklungen in der Wissenschaft nicht Schritt halten, insbesondere in der Physik. Jetzt sind es die Naturwissenschaftler, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach Erkenntnis voranbringen."

Fragen, mit denen die Philosophie nicht mehr umgehen kann (wenn sie es überhaupt jemals konnte), umfassen beispielsweise: Wie funktioniert das Universum? Was ist das Wesen der Realität? Aus was ging alles hervor? Braucht das Universum einen Schöpfer? Laut Hawking und Mlodinow können nur Naturwissenschaftler – und nicht Philosophen – die Antworten liefern.

Der berühmte Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Neil deGrasse Tyson beteiligte sich an der Debatte. In einem Interview, das im Mai 2014 in der Podcast-Sendung "Nerdist" zu hören war, sagte er: "Philosophen meinen, sie würden tiefgründige Fragen über die Natur stellen. Und Naturwissenschaftlern geht dabei nur durch den Kopf: 'Was machst du da? Warum grübelst du über die Bedeutung der Bedeutung?'" Seine Botschaft war klar: Die Naturwissenschaft schreitet voran, während die Philosophie auf der Stelle tritt und somit unnütz und im Grunde tot ist.

Wohl überflüssig zu erwähnen, dass auch Tyson für seine Ansichten scharf kritisiert wurde. Sehr viel deutlicher wird seine Position in diesem Video aus dem Jahr 2010, das ihn zusammen mit dem Biologen Richard Dawkins bei einer öffentlichen Diskussion an der Howard University zeigt. Tysons Argumentation ist geradlinig und gleicht derjenigen von Krauss: Philosophen aus der Zeit von Platon und Aristoteles behaupteten, man könne Erkenntnisse über die Welt allein durch Denken erlangen. Doch solche Erkenntnisse ließen sich nicht gewinnen, wie Tyson erläuterte, wenn man es sich in einem Lehnstuhl gemütlich macht. Sie könnten nur durch Beobachtung und Experiment erworben werden. Richard Feynman hatte einmal eine ähnliche Meinung über derartige "Lehnstuhl-Philosophen" geäußert. Auch Dawkins pflichtete Tyson bei und wies darauf hin, dass zwei Naturforscher – Charles Darwin und Alfred Russel Wallace – die natürliche Selektion entdeckten, indem sie Daten sammelten.

Wir haben es hier keineswegs mit einem neuen Phänomen zu tun. In seinem 1992 erschienenen Buch "Dreams of a Final Theory" (Der Traum von der Einheit des Universums) bringt der Nobelpreisträger Steven Weinberg ein ganzes Kapitel mit dem Titel "Against Philosophy (Wider die Philosophie)". Bezug nehmend auf die berühmten Worte des Nobelpreisträgers und Physikers Eugene Wigner über "die unerklärliche Effektivität der Mathematik" betrachtet Weinberg darin die "unerklärliche Ineffektivität der Philosophie".

Das Problem der Philosophie des Positivismus

Weinberg lehnt die Philosophie nicht generell ab, lediglich die Wissenschaftstheorie. Für die abgehobenen Debatten würden sich nur wenige Wissenschaftler interessieren. Insbesondere weist er auf die Probleme mit der Philosophie des Positivismus hin, wenngleich er zugesteht, dass diese in der frühen Entwicklung sowohl der Relativitätstheorie als auch der Quantenmechanik eine Rolle spielte. Dennoch würde der Positivismus mehr schaden als nützen, meint Weinberg und schreibt: "Der positivistische Blick auf Observablen wie die Position und den Impuls eines Teilchens stand einer 'realistischen' Interpretation der Quantenmechanik, in der die Wellenfunktion die physikalische Realität repräsentiert, im Weg."

"Das ist eine Lüge"
David Tong

Der wohl einflussreichste Positivist war der Philosoph und Physiker Ernst Mach, der das Atommodell ablehnte, weil er Atome nicht sehen konnte. Zwar lassen sich Atome inzwischen mit einem Rastertunnelmikroskop sichtbar machen, doch enthalten unsere Modelle nach wie vor noch unsichtbare Objekte wie etwa Quarks. Philosophen und Physiker halten nichts mehr vom Positivismus, und so hat er keinerlei Einfluss mehr auf die Physik – weder guten noch schlechten. Dennoch würden die meisten Physiker Krauss und Tyson zustimmen, dass Beobachtung die einzige verlässliche Quelle für unser Wissen über die Natur darstellt. Einige von ihnen, aber längst nicht alle, neigen zum Instrumentalismus, in dem Theorien lediglich als konzeptionelle Werkzeuge angesehen werden, um empirische Befunde zu klassifizieren, zu systematisieren und vorherzusagen. Diese konzeptionellen Werkzeuge können auch nicht sichtbare Objekte wie Quarks umfassen.

In nicht allzu ferner Vergangenheit machte man keinen Unterschied zwischen Physik und Naturphilosophie. Thales von Milet (um 624 bis 546 v. Chr.) gilt allgemein als der erste Physiker sowie der erste Philosoph der westlichen Tradition. Er suchte für verschiedene Phänomene natürliche Erklärungen, die nicht auf die Mythologie zurückgriffen. Als Ursache für Erdbeben nahm Thales beispielsweise an, dass die Erde auf Wasser schwimmt und durch Wellen ins Wanken gerät. Er folgerte dies durch Beobachtungen, nicht durch bloßes Nachdenken: Die Landmassen werden von Wasser umgeben, und Boote auf dem Wasser schaukeln offensichtlich hin und her. Obwohl diese Erklärung für Erdbeben nicht korrekt war, bedeutete sie dennoch einen Fortschritt gegenüber der Mythologie, die sie dem Gott Poseidon zuschrieb, der mit seinem Dreizack in den Erdboden stößt.

Berühmt ist Thales vor allem für die Vorhersage einer Sonnenfinsternis, die sich heutigen Berechnungen zufolge am 28. Mai 585 v. Chr. in Kleinasien beobachten ließ. Die meisten Historiker zweifeln jedoch am Wahrheitsgehalt dieser Erzählung. Thales schlug außerdem vor, dass sich alle materiellen Substanzen aus einem einzigen elementaren Bestandteil, nämlich Wasser, zusammensetzen – der bedeutendste Beitrag von ihm. Natürlich lag er falsch damit, dass Wasser elementar ist, doch stellt seine Idee den ersten aufgezeichneten Versuch dar – zumindest im Westen –, die Beschaffenheit der Materie ohne Zuhilfenahme von unsichtbaren Geistern zu erklären.

Thales und auch andere ionische Philosophen vertraten bezüglich der Realität eine Position, die man als materiellen Monismus bezeichnet. Demnach ist alles Materie und sonst nichts. Bis heute ist dies die vorherrschende Sichtweise unter Physikern, die keine Notwendigkeit darin sehen, übernatürliche Elemente in ihre Modelle einzuführen. Denn bislang beschreiben diese alle ihre Beobachtungen erfolgreich.

Eine Kluft seit dem 17. Jahrhundert?

Die von Tyson angesprochene Kluft entstand, als Physik und Naturphilosophie im 17. Jahrhundert zu eigenständigen Disziplinen wurden – nachdem Galilei und Newton physikalische Gesetze formuliert hatten, mit denen sich die Bewegungen von Körpern beschreiben ließen. Newton konnte die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegung, die zuvor von Kepler entdeckt worden waren, aus grundlegenderen Prinzipien ableiten. Mit den neuen Formeln ließ sich die Rückkehr des Halleyschen Kometen im Jahr 1759 erfolgreich vorhersagen, was das große Potenzial der neuen Wissenschaft vor aller Augen demonstrierte.

Viele Physiker übernahmen den platonischen Realismus unkritisch als ihre persönliche Interpretation der Bedeutung der Physik

Der Erfolg der newtonschen Physik öffnete den Weg für eine philosophische Position, der zufolge das Universum wie ein gewaltiges Uhrwerk funktioniert; man sprach auch von der newtonschen Weltmaschine. In diesem System bestimmen die Gesetze der Mechanik alles, was in der materiellen Welt geschieht. Für einen Gott, der eine aktive Rolle im Universum spielt, gibt es hier keinen Platz. Tatsächlich ließen sich die Planetenbewegungen allein mit den newtonschen Gesetzen beschreiben, wie der französische Mathematiker, Astronom und Physiker Pierre-Simon Laplace zeigte. Dies führte ihn zu einer radikalen Sichtweise, die Newton abgelehnt hatte: Um das materielle Universum zu verstehen, bedürfe es nichts außer Physik.

Während das Uhrwerk-Universum durch die heisenbergsche Unschärferelation der Quantenmechanik widerlegt wurde, lässt sich die Quantenmechanik selbst philosophisch nur äußerst schwer deuten. Anstatt zu sagen, die Physik "verstehe" das Universum, wäre folgende Aussage präziser: Die physikalischen Modelle können die materielle Welt beschreiben, so wie wir diese mit unseren Augen und Instrumenten beobachten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befassten sich fast alle berühmten Physiker dieser Zeit – Albert Einstein, Niels Bohr, Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg, Max Born und andere – mit den philosophischen Konsequenzen ihrer revolutionären Entdeckungen in der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Nach dem Zweiten Weltkrieg empfand die neue Generation von bekannten Persönlichkeiten in der Physik – Richard Feynman, Murray Gell-Mann, Steven Weinberg, Sheldon Glashow und weitere – solche Grübeleien jedoch als unproduktiv, und die meisten Physiker (in beiden Epochen gab es Ausnahmen) folgten dem Beispiel. Doch auch die neue Generation machte weiter und übernahm philosophische Konzepte oder verwendete zumindest philosophische Begriffe, ohne es sich selbst einzugestehen.

Etwa wenn Weinberg eine "realistische" Interpretation der Quantenmechanik unterstützt, in der die Wellenfunktion die physikalische Realität darstellt. Damit impliziert er, dass von Theoretikern in Modellen eingeführte Konstrukte, wie beispielsweise Quantenfelder, den grundlegenden Bestandteilen der Realität entsprechen. Der theoretischer Physiker David Tong ging 2012 in einem Artikel im "Scientific American" noch weiter als Weinberg: Bei den in Experimenten beobachteten Teilchen handle es sich um Illusionen, und jene Physiker, die sie als fundamental ansehen, seien unaufrichtig: "Physiker lehren gewohnheitsmäßig, dass die Bausteine der Natur diskrete Teilchen sind, wie Elektronen oder Quarks. Das ist eine Lüge. Die Bausteine unserer Theorien sind nicht Teilchen, sondern Felder: kontinuierliche, fluidähnliche Objekte, die sich über den Raum verteilen."

Die Daten entschieden, ob ein bestimmtes Modell in irgendeiner Weise der Realität entspricht

Diese Aussage ist eindeutig philosophisch, und sie unkritisch hinzunehmen, wäre ein schlechter philosophischer Stil. Weinberg und Tong bekunden tatsächlich eine platonische Sicht auf die Realität – weit verbreitet unter vielen theoretischen Physikern und Mathematikern. Ihre Gleichungen und Modelle, so nehmen sie an, hätten einen eineindeutigen Bezug zur grundlegenden Beschaffenheit der Realität. In einem renommierten Onlinelexikon, der Stanford Encyclopedia of Philosophy, definiert Mark Balaguer den Platonismus wie folgt: "Dem Platonismus zufolge gibt es [in der grundlegenden Realität] abstrakte Objekte – wobei ein abstraktes Objekt ein Objekt ist, das weder in Raum noch Zeit und daher auch unabhängig von unserem Denken und der physischen Welt existiert. In diesem Sinne handelt es sich beim Platonismus um eine zeitgemäße Betrachtungsweise. In wesentlichen Punkten deckt er sich mit den Ansichten Platons, doch ist nicht ganz klar, ob Platon die Position auch genau so vertrat, wie sie hier definiert wurde."

Nachstehend werden wir den modernen Platonismusbegriff für den Standpunkt verwenden, dass die Objekte in den Modellen der theoretischen Physik die Elemente der Realität darstellen. Diese Modelle gründen jedoch nicht auf reinem Denken – was für den historischen Platonismus zuträfe –, sondern wurden entwickelt, um Beobachtungen zu beschreiben und vorherzusagen. Viele Physiker übernahmen den platonischen Realismus unkritisch als ihre persönliche Interpretation der Bedeutung der Physik. Das ist nicht unwesentlich, denn er verknüpft eine Realität, die jenseits der Wahrnehmungen liegt, mit den kognitiven Werkzeugen, mittels derer Menschen ihre Beobachtungen beschreiben.

Die Daten entscheiden

Um ihre Modelle zu testen, nehmen alle Physiker an, dass die Elemente in diesen Modellen in irgendeiner Weise der Realität entsprechen. Doch gleichen sie diese Modelle mit Daten ab, die von Teilchendetektoren in Beschleunigeranlagen oder in Teleskopen stammen (auch Photonen sind Teilchen). Damit entscheiden Daten – und nicht die Theorie –, ob ein bestimmtes Modell in irgendeiner Weise der Realität entspricht. Stimmt das Modell nicht mit den Daten überein, dann hat es sicher nichts mit der Realität zu tun. Beschreibt es die Daten dagegen korrekt, dann hängt es wahrscheinlich irgendwie damit zusammen. Doch wie genau sieht dieser Zusammenhang aus? Modelle sind letztlich nicht mehr als eine Reihe von Zeichen auf den Whiteboards von theoretischen Physikern. Diese Zeichen lassen sich einfach ausradieren; die Daten nicht.

Das macht auch sie zu Philosophen

In seinem Artikel im "Scientific American" offenbart Krauss auch Spuren eines platonischen Denkens in seiner persönlichen Philosophie der Physik, indem er schreibt: "Es gibt eine Klasse von Philosophen – einige theologisch geprägt –, die schon die Tatsache ablehnen, dass Naturwissenschaftler es sich anmaßen könnten, sich mit irgendeiner beliebigen Variante dieses fundamentalen ontologischen Problems zu beschäftigen. Vor Kurzem rezensierte genau so ein Philosoph mein Buch 'Ein Universum aus dem Nichts' […]. Dieser Autor behauptet mit scheinbar fester Überzeugung (überraschend, denn der Autor verfügt offenbar über Physikkenntnisse) etwas, das schlichtweg falsch ist: Die Gesetze der Physik können niemals dynamisch bestimmen, welche Teilchen und Felder existieren und ob es den Raum selbst gibt oder, allgemeiner, was das Wesen der Existenz sein könnte. Doch genau das ist im Rahmen der modernen Quantenfeldtheorie in einer gekrümmten Raumzeit möglich."

Die direkte, platonische, Entsprechung von physikalischen Theorien und der Beschaffenheit der Realität – wie Weinberg, Tong und wohl auch Krauss sie annehmen – führt zu Problemen: Erstens sind Theorien bekanntermaßen nur vorläufig. Wir können also nie wissen, ob die Quantenfeldtheorie vielleicht eines Tages durch eine andere leistungsfähigere Theorie ersetzt wird, in der keine Felder (oder vielleicht auch Teilchen) vorkommen. Zweitens handelt es sich bei der Quantenfeldtheorie – wie bei allen physikalischen Theorien – um ein Modell, eine menschliche Erfindung. Wir testen unsere Modelle, um herauszufinden, ob sie funktionieren; aber wir können nie sicher sein, selbst nicht bei Modellen mit einer hohen Vorhersagekraft wie etwa der Quantenelektrodynamik, in welchem Maß sie der "Realität" entsprechen. Zu behaupten, sie würden mit ihr übereinstimmen, wäre Metaphysik. Wäre eine empirische Methode in der Lage, die grundlegende Realität zu erfassen, dann wäre es Physik und nicht Metaphysik; aber eine solche Methode scheint es nicht zu geben.

Aus der Sicht eines Instrumentalisten haben wir keine Möglichkeit, die Elemente der grundlegenden Realität jemals zu erkennen. Demnach schränkt die Realität lediglich ein, was wir beobachten; sie muss nicht eins zu eins den mathematischen Modellen entsprechen, die Theoretiker erdacht haben, um diese Beobachtungen zu beschreiben. Außerdem spielt es keine Rolle. Denn diese Modelle müssen allein Beobachtungen beschreiben, und dafür brauchen sie keine Metaphysik. Die Interpretation unserer Modelle mag zwar zentral für die Wissenschaftsromantik sein, aber sie spielt eine untergeordnete Rolle bei seiner beschreibenden und seiner Vorhersagefähigkeit. Die Quantenmechanik ist ein Paradebeispiel dafür – sie hat zweifelsfrei einen großen Nutzen, obwohl keine einvernehmliche philosophische Interpretation vorliegt.

Die Metaphysik im Lehnstuhl ist wirklich tot

Die Vertreter einer platonischen Sicht der Realität sind folglich unaufrichtig, wenn sie die Philosophie herabwürdigen. Schließlich übernehmen sie die Lehre eines der einflussreichsten Philosophen aller Zeiten. Das macht auch sie zu Philosophen. Nun sind nicht alle Physiker, die Philosophen kritisieren, auch überzeugte Platoniker. Dennoch stehen viele von ihnen dieser Position nahe, wenn sie über die mathematischen Elemente ihrer Modelle und den von ihnen entdeckten Gesetzmäßigkeiten sprechen, als wären diese in die Struktur des Universums eingebaut. Tatsächlich sollten Weinberg, Hawking, Mlodinow, Krauss und Tyson ihre Einwände eher an die Metaphysik richten. Zudem zeigen sie aus unserer Sicht zu wenig Wertschätzung für die wesentlichen Beiträge zum menschlichen Denken in Bereichen wie Ethik, Ästhetik, Politik und, vielleicht am wichtigsten, der Erkenntnistheorie. Krauss widmet diesen bedeutenden Themen zwar einige Lippenbekenntnisse, wirkt dabei aber nicht sonderlich begeistert.

Eine fundierte Philosophie der Physik

Hawking und Mlodinow schreiben ihre Texte meist vor dem Hintergrund kosmologischer Fragestellungen – und wenn sie nach der Metaphysik greifen, um sich mit der Frage nach dem Ursprung von allem auseinandersetzen, verhalten sie sich absolut richtig. Denn die Metaphysik und ihre protokosmologischen Spekulationen, aufgefasst als Philosophie, wurden im Mittelalter als die Handlangerin der Theologie angesehen. Laut Hawking und Mlodinow seien Metaphysiker, die sich mit kosmologischen Fragen befassen wollen, wissenschaftlich nicht versiert genug, um einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Was die Kosmologie angeht, ist die Metaphysik im Lehnstuhl wirklich tot und wurde durch eine fundierte Philosophie der Physik ersetzt. Außer Theologen würden dieser Aussage wohl nur wenige widersprechen.

Krauss richtet seine scharfe Kritik an die Wissenschaftsphilosophie. Unserer Ansicht nach wäre sie konstruktiver gewesen, wenn er auf bestimmte Aspekte der Metaphysik abgezielt hätte. Im Interview für "The Atlantic" fragte Andersen ihn, ob die Physik Philosophie und Religion überflüssig gemacht hätte. Und auch wenn dies für die Philosophie nicht zutrifft, so doch für die kosmologische Metaphysik (und die sich darauf stützenden religiösen Ansprüche – wie etwa der kosmologische Kalam-Gottesbeweis). Sicherlich griff Krauss zumindest teilweise auf metaphysische Ansätze zurück, um über das Universum zu spekulieren, schließlich ging es in dem Interview um sein Buch über Kosmologie.

Welche Zweige der Philosophie nun auch immer die Wertschätzung von Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit verdienen mögen, die Metaphysik gehört nicht dazu. Das Problem ist offensichtlich. Die Metaphysik behauptet, einen direkten Bezug zur Realität zu haben – also die Realität berechtigterweise zu beschreiben –, doch es gibt keine Möglichkeit, dies zu überprüfen. Die bekannten Physiker, die wir hier erwähnt haben, sowie auch alle anderen aus diesem Lager sind zwar berechtigt, herablassend über die kosmologische Metaphysik zu sprechen. Doch wenn sie glauben, sie hätten sich komplett von der Philosophie losgelöst, irren sie unserer Meinung nach gründlich. Erstens versuchen sich diejenigen, die mathematische Objekte in ihren Modellen als real ansehen, in platonischer Metaphysik – bewusst oder unbewusst. Zweitens lassen diejenigen, die sich noch nicht vollends mit dem Platonismus identifizieren, dennoch erkenntnistheoretische Überlegungen in ihre Erklärungen einfließen. Denn sie pochen darauf, dass Beobachtung unsere einzige Erkenntnisquelle darstellt.

Hawking und Mlodinow lehnen den Platonismus klar ab, wenn sie sagen: "Es gibt keinen von Bildern oder Theorien unabhängigen Realitätsbegriff." Stattdessen befürworten die beiden eine philosophische Lehre, die sie als modellabhängigen Realismus bezeichnen. Darunter verstehen sie "die Ansicht, dass eine physikalische Theorie oder ein Weltbild aus einem Modell (meist mathematischer Natur) und einer Reihe von Gesetzmäßigkeiten besteht, die Elemente des Modells mit Beobachtungen verknüpfen". Dabei geben sie eindeutig zu verstehen, dass "es ist sinnlos ist, zu fragen, ob ein Modell real ist, sondern nur, ob es mit den Beobachtungen übereinstimmt".

Uns ist unklar, wie sich der modellabhängige Realismus vom Instrumentalismus unterscheidet. In beiden Fällen befassen sich Physiker nur mit Beobachtungen und – obgleich sie nicht abstreiten, dass sie aus einer grundlegenden Realität hervorgehen – beharren nicht darauf, dass die Modelle, die diese Beobachtungen beschreiben, dieser Realität auch exakt entsprechen müssen. So oder so agieren Hawking und Mlodinow als Philosophen – oder mindestens als Erkenntnistheoretiker –, wenn sie erörtern, was wir über die grundlegende Realität wissen können, auch wenn ihre Antwort letztlich "nichts" lautet.

Alle prominenten Kritiker der Philosophie, deren Ansichten wir hier diskutiert haben, denken eingehend über die Quelle der menschlichen Erkenntnis nach. Sie sind also alle Erkenntnistheoretiker. Sie könnten bestenfalls von sich behaupten, dass sie mehr von Naturwissenschaft verstehen als die (meisten) Fachphilosophen und sich auf Beobachtung und Experiment stützen anstatt auf reines Denken – aber nicht, dass sie nicht philosophieren. Damit ist die Philosophie gewiss nicht tot. Diese Aussage trifft eher auf Formen des reinen Denkens zu, etwa auf jene, die kosmologische Metaphysik umfassen.

Anmerkung der Redaktion: Im August letztes Jahr verstarb der bekannte Physiker und Intellektuelle Victor Stenger im Alter von 79 Jahren. Kurz vor seinem Tod arbeitete er mit zwei Koautoren an einem Artikel für den "Scientific American". Darin setzen sich Stenger und seine Kollegen mit den neuesten Entwicklungen einer anhaltenden historischen Kontroverse auseinander – einem Disput zwischen Physikern und Philosophen über den Charakter ihrer Disziplinen und die Grenzen der Wissenschaft. Dieser Artikel ist der letzte, den Stenger verfasste.