Der Traum ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst: Was wäre, wenn der Tod seine schreckliche Endgültigkeit verlöre, der Prozess des Sterbens umgekehrt und ein Toter wieder ins Leben zurückgeholt werden könnte? Bei uns Menschen klappt das (noch) nicht. Doch bereits heute lassen sich einige Reiche für sehr viel Geld nach dem Tod einfrieren. In der übrigen Tierwelt wähnt sich die Wissenschaft schon weiter – vielleicht, weil bei Tieren die Hürden und Skrupel für Erbgutspielereien niedriger sind. Vielleicht auch, weil es für manche ein tröstlicher Gedanke ist, wenn eine ausgerottete Art nicht für immer verloren sein muss, dass es so etwas wie eine zweite Chance geben kann: Das Mammut beispielsweise soll mit extrahierter Mammut-DNA und der Hilfe von Asiatischen Elefanten in den folgenden Jahrzehnten von den Toten auferstehen. Die Wandertaube oder der Dodo sind weitere Kandidaten.

Auf den ersten Blick passt auch das Programm der niederländischen Stiftung Taurus in diese Aufzählung: In Zusammenarbeit mit der Universität Wageningen und der Naturschutzorganisation Rewilding Europe will sie in 15 Jahren mehrere hundert "Tauros-Rinder" in die Wildnis entlassen. Das Besondere dabei: Die Tiere werden ziemlich genau wie die mythischen Auerochsen aussehen.

Ein Tauros-Rind auf der Weide
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 Bild vergrößernEin Rind auf dem Weg zum Auerochsen
Das Genom der Auerochsen ist mittlerweile entziffert. Rückzüchtungen können daher auf maximale Ähnlichkeit abzielen. Gewünscht sind beispielsweise eine dunkle Nase und gekrümmte Hörner.

Die mächtigen Rinder haben ihren Platz in der europäischen Kultur: Zeus soll sich in einen Auerochsen verwandelt haben, um Europa zu entführen, Siegfried jagte im Nibelungenlied den wilden Rindern hinterher, die schon unsere Vorvorfahren in den Höhlen von Lascaux und Altamira auf die Wände bannten. Es wäre ein Leichtes, die Sehnsucht nach diesem mythischen Tier auszuschlachten und vollmundig seine Wiedergeburt anzukündigen. Aber Ronald Goderie, der Leiter des Programms, macht genau das Gegenteil: "Nein, wir züchten keine Auerochsen", sagt er mit Nachdruck. Deshalb auch der andere Name Tauros-Rind, der an den griechischen Namen "tauros" für Stier angelehnt ist. "Aber wir wollen ursprüngliche Rinderrassen so miteinander kreuzen, dass ein Tier dabei herauskommt, das dem Auerochsen in allen Aspekten so weit wie möglich entspricht."

So spitzfindig diese Unterscheidung auch klingt, sie ist von Bedeutung. Goderie und seine Mitstreiter sind keine Nostalgiker, die ein ausgestorbenes Tier nur um seiner selbst willen wieder zum Leben erwecken wollen. Sie sind vielmehr Natur- und Artenschützer, die von weiten, offenen Wildnisgebieten in Europa träumen, in denen große Pflanzenfresser so ungestört umherziehen können wie das letzte Mal wahrscheinlich irgendwann während der Eiszeiten und kurz danach.

Naturräume sind bereits vorhanden

Große Wildnisgebiete sind bereits vorhanden. Oft karge und abgelegene Regionen, die stark unter Landflucht leiden. Einige von ihnen wie das Donaudelta in Rumänien, Velebit in Kroatien oder Faia Brava an der portugiesisch-spanischen Grenze werden bereits von Rewilding Europe betreut und zu ursprünglichen Landschaften zurückentwickelt. Aber die Suche nach geeigneten Tieren, die diese Gebiete bevölkern könnten, gestaltet sich schwierig: Wildpferde sind in Europa seit Jahrhunderten ausgestorben. Wisente wurden bis auf eine Hand voll Tiere ausgerottet und gerade noch gerettet, zudem sind sie wie der Rothirsch eher im aufgelockerten Wald zu Hause. Und so genannte Heckrinder – die ebenfalls den Auerochsen ähneln sollen - oder andere robuste Rinderrassen wie Highlander oder Galloways, die heute in großen Naturschutzgebieten zur Landschaftspflege eingesetzt werden, sind nach Goderies Überzeugung ungeeignet. "Wir brauchen Tiere, die sich auch gegen Wölfe und Bären behaupten, eisige Winter überstehen und mit karger Kost überleben können. Das schafft kein Hausrind."

Für so etwas bräuchte es schon eher ein Tier wie den Auerochsen, auch Ur genannt. Allerdings starb das letzte Exemplar 1627 in Polen. Aber als Urahn aller heutigen Hausrinder lebt er in Abermillionen Kühen fort. Sie sind domestizierte Auerochsen, gehören zur gleichen Art. Der Mensch hat den meisten von ihnen pralle Euter, fleischige Rippen und ein pflegeleichtes Gemüt angezüchtet. Eigenschaften, die sie für ein Leben in der Wildnis disqualifizieren. Doch gibt es eben noch ein paar Rassen, die nur gerade so eben domestiziert und dann weitgehend sich selbst überlassen wurden. Sie gelten als besonders "primitiv", also noch dicht am Auerochsen dran. Wenn man genügend solche Tiere findet und miteinander kreuzt, wird wahrscheinlich ein Rind dabei herauskommen, das dem Auerochsen immer ähnlicher wird: der Ansatz des Tauros-Programms.

Einen ersten Versuch in diese Richtung unternahmen die Brüder Lutz und Heinz Heck bereits in den 1920er und 1930er Jahren. Sie kreuzten verschiedene Rassen miteinander, bei denen sie – nicht selten zu Unrecht – Ähnlichkeiten zum Ur entdeckt zu haben glaubten. Die Tiere, die sie schließlich stolz der Öffentlichkeit präsentierten, wurden wegen zu geringer Übereinstimmungen jedoch nicht als neue Auerochsen akzeptiert. Stattdessen bürgerte sich der Name Heckrind ein.

Höhlenzeichnung eines Auerochsen
© Staffan Widstrand / Rewilding Europe
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 Bild vergrößernHöhlenzeichnung eines Auerochsen
Auerochsen haben einen hohen Stellenwert in der europäischen Kultur: Das beginnt mit steinzeitlichen Höhlenzeichnungen wie hier in Portugal, geht über die Antike und Zeus bis hin zum Nibelungenlied.

Rangliste der Urwüchsigkeit

Im Vergleich zu den Versuchen der Heck-Brüder wurde das Tauros-Zuchtprogramm wesentlich akribischer und transparenter vorbereitet. An seinem Anfang stehen grundlegende wissenschaftliche Untersuchungen mit wichtigen Erkenntnissen, von denen die Hecks nichts wissen konnten: 2012 gelang es David MacHugh vom University College Dublin und seinem Team, das Genom eines 6750 Jahre alten englischen Auerochsen zu entziffern. MacHugh teilte seine zu der Zeit noch unveröffentlichten Ergebnisse mit Genetikern der Universität Wageningen, die am Tauros-Programm beteiligt sind. Und die Wissenschaftler verglichen das Erbgut des Auerochsen daraufhin mit dem von 35 "primitiven" Rinderrassen aus Europa und erstellten eine Rangliste, die die genetische Ähnlichkeit der Rinderrassen mit dem Auerochsen abbildet. Die Tauros-Zucht kann sich also auf die tatsächliche genetische Ähnlichkeit zum Wildrind stützen.

Von der Liste mit den 35 Rinderrassen haben es neun ins Zuchtprogramm geschafft: vier aus den "Top Ten", zwei weitere aus den Top 15, die übrigen drei von den hinteren Plätzen. "Bei der Auswahl hat neben der genetischen auch die phänotypische Ähnlichkeit zum Auerochsen eine Rolle gespielt", sagt Ronald Goderie. Gezüchtet wird unter anderem mit den Rassen Pajuna (Platz 1), Sayaguesa (Platz 4), Limia (Platz 7) und Maremmana (Platz 10).

Mehr als 400 Tiere sind aktuell an der Zucht beteiligt, jeweils etwa zur Hälfte aus Spanien und Portugal und zur anderen Hälfte aus Italien und der Balkanregion. Durch die Vereinigung dieser beiden ursprünglichsten Hausrinder-Linien soll möglichst viel von der genetischen Variabilität des Auerochsen erhalten bleiben. Die größten Populationen gibt es momentan in den Niederlanden, Kroatien, Spanien und Portugal. Zwei Drittel der Tiere gehören bereits zur zweiten oder dritten Generation. "Die Ergebnisse, die wir seit dem Start der Zucht 2009 erzielt haben, sind sehr viel versprechend", sagt Goderie. Die ersten Tauros-Rinder kommen ihrem wilden Urahn bei Größe, Athletik, Fellfarbe und Hornkrümmung schon jetzt ziemlich nahe. Der Ökologe rechnet damit, dass es noch 15 Jahre – oder fünf bis sechs weitere Generationen – dauert, bis eine Tauros-Population entsteht, die dem Auerochsen gleicht und in ihren Merkmalen stabil ist.

"Als Nächstes geht es darum, das Potenzial eines Tieres so früh wie möglich beurteilen zu können", sagt Goderie. Das geht nur mit großem bürokratischem Aufwand und dem Sammeln möglichst vieler Daten: Es muss klar definiert sein, wie das ideale Tauros-Rind überhaupt aussehen soll. Deshalb gibt es einen immer detaillierter werdenden Katalog mit gewünschten Eigenschaften, etwa Schulterhöhe der Bullen zwischen 1,60 und 1,85 Meter, und unerwünschten Eigenschaften wie rosa Nase oder zu stark ausgeprägter Schulterbuckel wie bei einem Zebu.

Zum Abgleich sollen die Tiere künftig von Spezialkameras fotografiert und vermessen werden. Bei einem Kalb ist es schließlich schwer, vorauszusagen, wie es als erwachsenes Tier aussieht. Wenn mit Hilfe von Datensätzen die Entwicklung aber genau dokumentiert wird, lassen sich daraus wichtige Erkenntnisse für kommende Zuchtgenerationen gewinnen. Auch die Verwandtschaftsverhältnisse werden bereits jetzt genau geklärt: Bei jedem neu geborenen Kalb wird geprüft, welcher der Bullen in der Herde tatsächlich der Vater ist.

Außerdem werden von allen Tieren Hautproben genommen. Wenn das nötige Geld dafür da ist, sollen alle diese Proben genetisch untersucht werden. Dann ließen sich die besten Zuchttiere noch leichter bestimmen. Und man könnte tatsächlich überprüfen, ob die Tauros-Rinder auch genetisch dem Auerochsen immer ähnlicher werden. Wobei das am Ende fast keine Rolle mehr spielt. Denn einige der Zuchtgruppen leben bereits in Gattern inmitten der Wildnisgebiete, in die die Tiere später entlassen werden sollen. Wenn alles läuft wie geplant, werden dort in 15 Jahren also einheitliche Herden großer, athletischer Rinder auf sich allein gestellt durch eine Landschaft ohne Zäune ziehen. Falls es den Koordinatoren des Programms tatsächlich gelingt, die wilden Rinder von der EU als echte Wildtiere anerkennen zu lassen, bekommt die Natur Europas etwas zurück, was jahrhundertelang gefehlt hat – gleich, ob das nun Auerochsen oder "nur" Tauros-Rinder sind.