Seit gut zehn Jahren versucht die deutsche Regierung inzwischen dem Mythos ein Ende zu bereiten, dass alle Universitäten des Landes gleich sind. Im Jahr 2006 startete das auf elf Jahre ausgelegte und 4,6 Milliarden Euro schwere Programm, das den besten deutschen Universitäten mehr Wettbewerbsfähigkeit mit Oxford, Cambridge, Harvard und Co. verschaffen sollte. Dank der bundesweiten "Exzellenzinitiative" dürfen sich inzwischen 14 universitäre Einrichtungen mit dem – freilich inoffiziellen – Gütesiegel "Elite" schmücken.

Am 3. September hat nun die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die die Initiative gemeinsam mit dem deutschen Wissenschaftsrat durchführt, einen Bericht vorgelegt, laut dem sich die Ausgaben bezahlt gemacht haben. Trotzdem scheint ein deutsches Pendant zu den "Ivy-League"-Universitäten der US-amerikanischen Ostküste noch in weiter Ferne zu liegen. Und wie eine Analyse des Nachrichtenteams von "Nature" nun offenbart, verbesserten sich einige Universitäten, an denen der Geldsegen der Exzellenzinitiative weit gehend vorbeiging, genauso stark wie die Eliteunis, zumindest was die Produktion häufig zitierter Forschungsergebnisse angeht. "Es braucht nicht das 'Elitesiegel', um in Deutschland gute Forschung zu machen", sagt Alfred Forchel, Präsident der Universität Würzburg, die auch ohne die umfangreichen Finanzspritzen Schritt gehalten hat.

Die DFG sieht das Positive an dieser Entwicklung: "Die Exzellenzinitiative hat die Erwartungen erfüllt", sagt DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, "und dabei nicht die Universitäten geschwächt, die nicht direkt davon profitierten."

Einigen Kritikern zufolge profitierten von dem Programm eher die Verwaltungsabteilungen als die Wissenschaftler selbst. Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass in den vergangenen zehn Jahren die Forschungsförderung deutschlandweit generell massiv angestiegen ist. So lässt sich nur schwer herausrechnen, welchen Anteil die Exzellenzinitiative an den Leistungssteigerungen des Landes tatsächlich hat.

Im Rahmen ihres "Förderatlas" analysiert die DFG alle drei Jahre die Situation der Forschungsförderung in Deutschland. In diesem Jahr ging es erstmalig auch um eine Auseinandersetzung mit messbaren Erfolgen der Exzellenzinitiative. Allein 2011 bis 2013 erhielten 45 Universitäten in Deutschland eine Gesamtsumme von über einer Milliarde Euro für den Unterhalt ihrer Graduiertenschulen und die Einrichtungen besonderer Exzellenzcluster. Ein Teil davon bekam zudem jeweils 10 bis 14 Millionen Euro pro Jahr für so genannte "Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung", dem prestigeträchtigsten Bereich der Ausschreibung.

"Ein heilsamer Schock für die deutsche Hochschullandschaft" (Jakob Edler)

Zur Elitegruppe gehören einige der größten und am besten ausgestatteten Universitäten der Republik, wie etwa die Ludwig-Maximilians-Universität München und die RWTH Aachen. Wie der Förderbericht zeigt, dominieren diese Hochschulen beim Einwerben von DFG-Fördergeldern das Feld. Gemeinsam sicherten sie sich über 40 Prozent der Gesamtfördermittel der DFG aus den Jahren 2011 bis 2013. Allerdings erhielten diese 14 Einrichtungen fast genau den gleichen Anteil auch in den Jahren 2002 bis 2004 – also noch vor dem Start der Initiative.

Deutschland im Aufwind
© Nature 525, S. 168, 2015, nach: SCOPUS / SCIVAL; deutsche Bearbeitung: spektrum.de
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Der Anteil der Fachartikel aus deutschen Forschungseinrichtungen und Universitäten, die besonders häufig zitiert werden, wächst derzeit rasant an. Einige der finanziell weniger begünstigten Universitäten stehen dabei den Eliteunis aber in nichts nach.

Die wissenschaftliche Produktivität boomt an den 45 von der Exzellenzinitiative begünstigten Hochschulen, das zeigt der DFG-Förderatlas. Ihr Output in Chemie und Physik schnellte seit 2002 um 43 Prozent in die Höhe – die gesamte deutsche Hochschullandschaft verzeichnete dagegen im gleichen Zeitraum einen Zuwachs um 34 Prozent. Allein die 14 Eliteunis generieren rund 35 Prozent der Fachartikel aus Deutschland, im Jahr 2002 lag der Anteil noch bei 29 Prozent, ergab die Recherche von "Nature".

Was der Exzellenzinitiative jedoch anscheinend nicht gelingt, ist, den Eliteunis einen Vorsprung in der Qualität ihrer Fachartikel zu verschaffen. Wie die Analyse des "Nature"-Teams zeigt, rangiert nahezu ein Viertel aller Fachartikel von deutschen Eliteunis unter den obersten zehn Prozent, was Zitierungen anbelangt – vor zwölf Jahren war es gerade einmal ein Sechstel. Gleichzeitig verrät die Auswertung aber: Ganz ähnliche Zuwächse verzeichneten auch eine Reihe weiterer Hochschulen, die erheblich weniger Geld oder gar keine Aufstockung der Mittel erhalten haben. "Aufschlussreich" findet das der Präsident der Universität Ulm, Karl Eberling, dessen Hochschule zwar wenig Erfolg im Rahmen der Exzellenzinitiative hatte, aber bei internationalen Rankings teils besser abschneidet als beispielsweise die Eliteunis Bremen und Konstanz.

"Für jeden Wissenschaftler, der dank der Exzellenzinitiative eingestellt wurde, sind vier Verwaltungspositionen geschaffen worden" (Björn Brembs)

Dass die Exzellenzinitiative keine deutlicheren Erfolge bei der Herausbildung von Eliten verzeichnen konnte, liegt nach Ansicht von Björn Brembs daran, dass die Gelder nicht sonderlich klug ausgegeben wurden. Der Neurobiologe von der Universität Regensburg hat universitäre Arbeitsplatzstatistiken durchforstet und dabei Belege für eine offenbar blühende akademische Bürokratie gefunden. "Für jeden Wissenschaftler, der dank der Exzellenzinitiative eingestellt wurde, sind vier Verwaltungspositionen geschaffen worden", sagt er. "Es überrascht nicht, dass die Eliteeinrichtungen bei der Forschung keinen Vorteil gegenüber manchen anderen Unis haben, wenn die Gruppe, die am meisten von der Exzellenzinitiative profitiert, nichts mit Wissenschaft zu tun hat."

Die DFG erklärt, nicht eigens untersucht zu haben, ob die Initiative die Hochschulverwaltungen außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt hat. Das Programm habe "4000 talentierte ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die deutschen Universitäten gelockt und deren wissenschaftliche Produktivität deutlich erhöht", sagt Generalsekretärin Dzwonnek. "Aus unserer Sicht ist das ein voller Erfolg."

Mit dieser Meinung steht sie nicht allein da. In Forscherkreisen ist es eine verbreitete Ansicht, dass der Wettbewerb um die Fördergelder der deutschen Wissenschaft gute Dienste erwiesen habe. Das Programm habe der strukturkonservativen deutschen Hochschullandschaft einen heilsamen Schock versetzt, sagt etwa Jakob Edler, geschäftsführender Direktor des Manchester Institute for Innovation Research, einem Zentrum zur Analyse und Erforschung von Wissenschaftspolitik und -management.

Im Januar 2016 wird ein internationales Expertengremium die Ergebnisse seiner umfassenden Auswertung der Exzellenzinitiative vorlegen. Schon jetzt haben Bund und Länder die Fortführung des Programms in Aussicht gestellt, die endgültige Entscheidung steht aber erst nach Erscheinen der Evaluation an. "Die Exzellenzinitiative fördert frische Ideen und neue Kollaborationen", sagt der Würzburger Präsident Forchel. "Ich hoffe, sie geht auch nach 2017 weiter."

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Germany claims success for elite universities drive" in "Nature".