Johanna Wanka (CDU) hatte 2017 genau zwei Trümpfe in der Hand – zwei Großprojekte, um auf der Zielgeraden ihrer Amtszeit nochmal etwas zu hinterlassen, von dem die Leute auch in zehn Jahren sagen: Das war sie, das hat die Wanka geschafft. Nummer eins: der Digitalpakt, fünf Milliarden Euro, um Deutschlands Schulen ins Digitalzeitalter zu katapultieren. Strahlend gestartet machten zuletzt vor allem die Scharmützel Schlagzeilen, die sich die Ministerin mit ihren Länderkollegen lieferte. Blieb Trumpf Nummer zwei: die Max Planck Schools. Und so hatte Wanka, die am Dienstag nach der Bundestagswahl am 24. September offiziell ihren Abschied verkündete, nichts dem Zufall überlassen, seit sie Mitte März die Chefs der deutschen Wissenschaft in einer Telefonkonferenz auf ihr Ziel einschwor. Bis sie Anfang September im Pressesaal ihres Ministeriums saß und die Gründung der ersten drei Schools verkündete.

Doch der Reihe nach. Es war im Sommer 2015 bei der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Martin Stratmann, seit einem Jahr Präsident, packte in seiner Festrede die Superlative aus. Wenn sich "führende Wissenschaftler" der MPG mit "führenden Kollegen der Universitäten" auf "zukunftsträchtigen Wissenschaftsgebieten" zusammentäten, könnten sie gemeinsam mit den "Top-Einrichtungen" der Welt konkurrieren. "Lassen sie sich mich diese Einrichtungen einmal Schools nennen", sagt Stratmann. Die "besten Professorinnen und Professoren als Leistungsträger der universitären Forschung" wären in diesen Schools noch sichtbarer, eine im "weltweiten Vergleich herausragende Graduiertenausbildung" werde möglich und "die besten Studenten und Doktoranden" aus Deutschland und dem Ausland anziehen.

Große Worte, doch die Frage war: Wie viel steckt wirklich in Stratmanns Idee? Die nächsten anderthalb Jahre geisterte sie durch die Chefetagen der Wissenschaftspolitik, und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass zumindest die Ministerialen erstmal angetan waren: Wenn wir schon keine Universitäten mit der Exzellenzdichte von Yale oder Stanford haben, so forschen doch in vielen Disziplinen über ganz Deutschland verstreut so viele Stars, dass sie vereint in einer School die internationale Konkurrenz nicht scheuen müssten. Doch bei den Details wurde es kompliziert: Wenn der eine Professor in Konstanz sitzt, die zweite in Greifswald und der dritte in Hannover, wie soll das denn praktisch klappen mit ihrer Zusammenarbeit? Und so gut die Max-Planck-Gesellschaft ist: Was ist mit den schlauesten Wissenschaftlern bei den anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen Helmholtz, Leibniz oder Fraunhofer? Bleiben die draußen, weil nicht die richtige Wissenschaftsmarke an der Tür steht?

Die große Wissenschaftsoffensive

Irgendwann nach Stratmanns Rede fing es auch in Forschungsministerin Wanka an zu arbeiten, zwischen ihrem Ministerium und der MPG-Generalverwaltung in München gingen die Konzepte hin und her. Gerüchte begannen zu kursieren: Frau Wanka plant etwas.

Im März 2017 ging die Ministerin in die Offensive. Sie holte die Chefs der Hochschulrektorenkonferenz, von Helmholtz, Leibniz und Fraunhofer und der Deutschen Forschungsgemeinschaft ans Telefon und teilte ihnen mit: Wir machen das jetzt. Aber – und das war die Kröte, die Stratmann schlucken musste – offen für alle Forschungseinrichtungen. "Wenn wir die besten Forscher ortsunabhängig vernetzen wollen", sagte Wanka, "dann können wir nicht an den Grenzen der Max-Planck-Gesellschaft Halt machen." Eine klare Ansage gab es allerdings auch an Helmholtz & Co: Auch wenn sie mitmachen, der Name Max Planck Schools ist nicht verhandelbar. "Max Planck hat international die größte Strahlkraft." Denn darum vor allem ging des Wanka: eine internationale Marke für Masterstudenten und Doktoranden zu schaffen, die sie fasziniert und nach Deutschland lockt.

Es muss für Max-Planck-Chef Stratmann eine zwiespältige Ehre gewesen sein, wie die Ministerin seine Idee adopierte und als ihren Trumpf Nummer zwei zur Chefsache machte. Doch er machte tapfer gute Miene, genau wie seine Kollegen von den anderen außeruniversitären Einrichtungen. Immerhin reservierte Wankas Ministerium der Max-Planck-Gesellschaft drei von neun Stimmen im Auswahlgremium für die Schools, während die anderen Vereinigungen mit jeweils nur einer Stimme vorliebnehmen mussten. Drei der neun Stimmen blieben am Ende den Universitäten. Entsprechend schlecht gelaunt reagierten viele Rektoren.

Kritik der Unis

Sie hätten schon mit dem Namen ein Problem, schrieben die Rektoren der in der German U15 organisierten großen Universitäten Mitte Mai an Wanka. Die Verleihung von Doktortiteln sei Angelegenheit der Universitäten, "und der Name einer Struktur, in der die Forschungsuniversitäten und die AUF (außeruniversitären Forschungseinrichtungen) junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam zur Promotion führen, muss diese zentrale Stellung der Universitäten klar zum Ausdruck bringen".

Da war sie wieder, die Debatte um das Promotionsrecht: Es ist die heilige Kuh des deutschen Wissenschaftsbetriebs, bis vor Kurzem lag es allein bei den Universitäten. Es war das Privileg, an dem sie sich wärmten in Zeiten der Unterfinanzierung, während "die Außeruniversitären" über den "Pakt für Forschung und Innovation" jedes Jahr bis zu fünf Prozent Budgetzuschlag erhielten, zu einem guten Teil aus dem Hause Wanka. Schon dass Hessen als erstes Bundesland einigen Fachbereichen an Fachhochschulen das Recht erteilt hat, den Doktortitel zu verleihen, verursachte Empörung in vielen Uni-Präsidien. Und jetzt also auch die Max-Planck-Gesellschaft?

In seiner aktuellen Form biete das Konzept der Schools die Gefahr, dass das Promotionsrecht der Universitäten und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Promotion schleichend ausgehöhlt werden, schrieben die U15-Rektoren. Stratmann und seine Leute versicherten derweil gebetsmühlenartig, es gehe ihnen gar nicht um die universitären Privilegien, aber das Misstrauen blieb, verstärkt durch die Ankündigung, dass die Max Planck Schools schon die besten Bachelor-Absolventen aus den Universitäten aufnehmen sollten. Auch ärgerten sich die Rektoren über den von BMBF und der Max-Planck-Gesellschaft aufgebauten Zeitdruck: Gerade einmal bis Mitte Mai 2017 sollten sich interessierte Netzwerke von Wissenschaftlern um die Förderung als School bewerben, eine echte Ausschreibung sieht anders aus, am Ende wurden nur acht Anträge eingereicht.

Bei der Max-Planck-Gesellschaft wurden sie derweil immer ungeduldiger. "Es kommt der Tag, da will die Säge sägen", mahnte MPG-Vizepräsident Ferdi Schüth, der im Auftrag Stratmanns die Details ausarbeitete. Man habe das Konzept auf Wunsch der Universitäten längst in zahlreichen Punkten angepasst, so Schüth. "Natürlich werden nie alle zu 100 Prozent zufrieden sein. Aber lasst uns doch erst einmal loslegen!", sagte Schüth und war dann doch in Absprache mit Wanka bereit, die Frist um sechs Wochen zu verschieben. Wobei klar war: Mehr geht nicht, die drei Gewinneranträge müssen noch vor der Bundestagswahl verkündet werden.

Gut Ding …

Doch die Verhandlungen um die Schools zogen und zogen sich, und sogar als sich am 20. Juli 2017 die neunköpfige Auswahlkommission traf, signalisierten die Hochschulrektoren: Erst müsse die Max-Planck-Gesellschaft ein offizielles Protokoll unterschreiben, in dem es dem eigenen Promotionsrecht abschwöre. Nochmal?, fragten sie bei der MPG – und taten es dann doch. Eine für die Akzeptanz in den Hochschulen wichtige Symbolhandlung, die den Weg frei machte für die Kür der Schools.

So war es nicht weniger symbolisch zu verstehen, dass bei der Verkündung der erfolgreichen Anträge Anfang September im Pressesaal neben Wanka nicht nur MPG-Präsident Stratmann saß, sondern auch Horst Hippler, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), aus Bonn zugeschaltet war – der dann auch noch die Schools besonders überschwänglich lobte: Er sei glücklich und zufrieden mit dem Konzept der Schools wie auch mit der konkreten Auswahl. Und Wanka bekam doch noch ihre 30 strahlenden Minuten drei Wochen vor der Bundestagswahl.

Schon 2018 sollen sie also kommen, die Max Planck Schools of Cognition, of Photonics und of Physics, Chemistry and Construction of Life – und alle Bedenken haben sich damit in Luft aufgelöst? Bleibt nun nur noch das, was Ministerin Wanka in der Pressekonferenz erneut als "bestechend einfache Idee" bezeichnete, als gelungenen Versuch, die für Deutschland typische "verteilte Exzellenz" (Stratmann) auf besondere Weise zu bündeln?

Fest steht: Die Idee der Schools ist das stimmige Ergebnis einer Entwicklung, die vor einem guten Jahrzehnt mit dem Ziel begann, über die Exzellenzinitiative ein deutsches Harvard zu schaffen. Bald wurde klar, dass angesichts der zur Verfügung stehenden Budgets (zuletzt rund 500 Millionen Euro jährlich für das ganze Programm, während Harvard allein einen Jahresetat von 4,5 Milliarden Dollar hat) und der auf Breite angelegten deutschen Hochschullandschaft realistischere Ziele her mussten, und zwar: die forschungsstarken Universitäten weiter stärken, wo es geht, und da, wo die Stärke sich wirklich mal zur internationalen Spitze auswächst, die Zusammenarbeit mit anderen Top-Wissenschaftlern fördern. Traditionell über regionale Forschungsverbünde, mit den Schools erstmals überregional. Und das fast spektakulär günstig: Für die ersten drei Schools will das BMBF gerade mal neun Millionen Euro pro Jahr spendieren, etwa nochmal so viel müssen die außeruniversitären Forschungsorganisationen dazugeben.

Wenn es gut läuft, könnten die neuen Netzwerke nicht nur die Förderung der talentiertesten Doktoranden neu erfinden, sie könnten auch die Universitäten insgesamt kräftig durcheinanderwirbeln. Wobei für letzteres die Voraussetzung ist, dass die Universitäten sich auch durcheinanderwirbeln lassen wollen. Wenn man das bedenkt, ist man fast froh, dass die Debatte um die Schools so zäh geführt wurde – das dürfte ihre Akzeptanz am Ende erhöhen.

An die Arbeit

Die Zahl der beteiligten Wissenschaftler in den Schools, der so genannten Fellows, schwankt derzeit zwischen 30 und 40 pro Netzwerk, insgesamt stehen hinter den drei jetzt bewilligten Schools Wissenschaftler von 21 Universitäten und 31 außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die alle zusammen pro Jahr etwa 180 Studenten aufnehmen sollen, ausgesucht in einem mehrstufigen Verfahren inklusive Bewerbungsgesprächen.

Doch wie genau werden die Schools arbeiten? HRK-Chef Hippler sagte wolkig, kein Format werde dem anderen gleichen, Wissenschaft müsse in der Form immer der Funktion folgen. Martin Stratmann betonte kaum konkreter, die Schools würden nicht rein virtuell sein, es werde Knotenpunkte an den Universitäten geben.

Am plakativsten hat mal MPG-Vize Ferdi Schüth ausgemalt, wie er sich die Schulen vorstellt. Die Masterstudenten würden möglicherweise die ersten drei Monate gemeinsam verbringen. "Und dann ziehen sie weiter von Station zu Station, lernen unterschiedliche Einrichtungen und Fellows kennen und finden so die Betreuerin oder den Betreuer für ihre Doktorarbeit." Als Doktoranden treffen sich dann immer mal wieder für ein paar Tage "in einem Seminarhotel, Gästehaus oder an einem Universitätsstandort, wo mehrere Fellows angesiedelt sind".

Ein unstetes Leben zwischen den Wissenschaftsmetropolen, garniert mit viel Onlinelehre – ein Leben, könnte man denken, das am Ende mehr Leute abschreckt als anzieht? Im Gegenteil, sagt Schüth: "Man kriegt einen Typ Mensch, von dem ich glaube, dass er offen, interessiert und engagiert für die Wissenschaft ist." Eine Max Planck School werde kein Ort sein, "sondern eine Gemeinschaft der Köpfe, der Lehrenden, die sich in ihr zusammenschließen, und für diese Gemeinschaft entscheiden sich die Studierenden".

Ein schönes Bild, eine bestechende Idee. Jetzt muss sie nur noch funktionieren. In einigen Jahren wollen Politik und Wissenschaft Bilanz ziehen und entscheiden, ob auf die Pilotphase der Regelbetrieb folgt. Es müsse eine ergebnisoffene Evaluation geben ohne jeden Automatismus der Verlängerung, haben die Hochschulen gefordert. Wanka hatte natürlich nichts dagegen. Ihren vorerst letzten Trumpf hatte sie da ja schon erfolgreich ausgespielt.