Mittels Drohnen ist es heute möglich, aus sicherer Entfernung Krieg zu führen. Der Abstand zu den Opfern ist offenbar auch für das Gewissen angenehmer, wie erstmals ein Experiment demonstriert. US-Forscher von der California State University in Northridge zeigen in der Fachzeitschrift "Journal of Experimental Social Psychology": Aus der Distanz fällt das Töten leichter.

Das Team um den Psychologen Abraham Rutchick gaukelte mehr als 300 Studierenden vor, sie sollten einen Apparat auf Benutzerfreundlichkeit testen. Die Coverstory erschien glaubwürdig, da die Universität auf dem Gebiet der Ergonomie forscht. Die Maschine solle Insekten zerkleinern, unter anderem, um Farbstoff für die Industrie zu erzeugen, erfuhren die freiwilligen Teilnehmer nach ihrem Erscheinen. Ihre Opfer: Marienkäfer.

In den USA zählen die Käfer wie auch hier zu Lande zu den Sympathieträgern unter den Insekten. Die Forscher erhofften sich daher, dass die Teilnehmer Hemmungen haben würden, die niedlichen Tierchen mit einer Maschine zu zermalmen. Doch lediglich vier Versuchspersonen weigerten sich vorab. Die übrigen erfüllten das erforderliche Minimum, indem sie zwei Marienkäfer durch den Schredder jagten – natürlich nur dem Anschein nach. Was am Ende des (von passenden Geräuschen begleiteten) Vorgangs aus dem Apparat herauskam, war ein Fake. Die Tierchen blieben wohlbehalten in der Maschine.

Allerdings erhielten die Probanden noch acht weitere Marienkäfer mit der Bitte, das Gerät gründlicher zu testen. Befand sich die Maschine im gleichen Raum, opferten die Studierenden im Schnitt weitere 3,5 Versuchstiere. Und noch ein Käfer mehr (4,6) kam dazu, wenn der Apparat angeblich in einem anderen Raum des Gebäudes oder in einem Labor in einem anderen Bundesstaat stand. Das Prozedere wurde glaubhaft per Computer und Kopfhörer übertragen; auf Nachfrage zweifelten nur 21 Studierende an, dass dabei tatsächlich Marienkäfer zu Tode kamen.

Die Wissenschaftler wunderten sich, dass eine größere Entfernung das Töten nicht noch stärker erleichterte: Ob Nachbarraum oder anderer Bundesstaat, spielte anscheinend keine besondere Rolle. "Nicht die geografische, sondern die psychologische Distanz war entscheidend", erläutern die Autoren ihre Beobachtungen.

Die bekannten Milgram-Experimente belegten schon in den Sechzigerjahren, dass die räumliche Nähe die Bereitschaft beeinflusst, anderen Menschen im Rahmen eines Experiments Leid zuzufügen. Und ebenso, dass sich etwaige moralische Bedenken allzu leicht vertreiben lassen. Das Experiment von Rutchik und Kollegen bestätigte, wie schnell die Hemmungen verschwinden: Nur rund jeder Fünfte opferte lediglich die erforderlichen zwei Versuchstiere. Die übrigen Teilnehmer schredderten mindestens einen weiteren, rund jeder dritte sogar alle acht Marienkäfer. War die moralische Grenze erst einmal überschritten, hielten nur noch wenige inne, wie die Autoren schildern: "Töten setzt einen kognitiven und motivationalen Prozess in Gang, der das Schuldempfinden mindert und die Wahrscheinlichkeit, weiterzutöten, steigert."

Da es sich bei den Probanden allein um Studierende handelte, warnen die Forscher davor, ihre Befunde auf andere Personen zu übertragen. Außerdem würden sich die psychologischen Mechanismen, die beim Töten von Marienkäfern einerseits und von Menschen andererseits ablaufen, gewiss unterscheiden. Das bleibt zu hoffen, zumal nicht einmal jeder zehnte Verdacht schöpfte, dass der Apparat ein Fake sein könnte.