Die Tiefsee bietet ein Kabinett bizarrer Kreaturen: Der Fangzahnfisch etwa besitzt ein überdimensioniertes Maul mit ebenso großen Zähnen. Nähert sich ihm ein unvorsichtiger Fisch oder Krebs, so reißt er diesen Schlund auf, saugt das Opfer regelrecht ein und packt es mit seinem messerscharfen Gebiss, aus dem es kein Entrinnen gibt. Anglerfische locken ihre Beute an, indem sie selbst ein helles Licht an Körperfortsätzen erzeugen, das viele Opfer magisch anzieht und sie ins Verderben schwimmen lässt. Bisweilen werden diese Leuchttürme allerdings auch selbst zur Nahrung, weil Feinde den erhellenden Botschaften folgen – zum Beispiel Melanostigma pammelas. Um zu vermeiden, dass deren Verglimmen nun wiederum den eigenen Tod provoziert, kleidet er seinen Magen mit schwarzen Pigmenten aus, um das Licht der verspeisten Beute abzuschirmen.

Tiefseefischlarve
© Masanori Nakamachi: Sea Fishes of Japan
(Ausschnitt)
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Die Kuriositäten enden aber noch lange nicht beim Kreislauf von fressen und gefressen werden – auch die Sexualität bringt in den Weiten des Meeres unterhalb von 1000 Metern absonderliche Spielarten hervor. Bei den Tiefseeanglerfischen zum Beispiel verschmilzt das Männchen, sobald sie aufeinandertreffen, mit dem Weibchen und gibt sein eigenständiges Leben auf. Es existiert nur noch als parasitäres Anhängsel am Körper der Partnerin und wird von deren Blutkreislauf versorgt. Am Ende verbleibt von ihm nur noch der Hodensack, der nach Bedarf seine Trägerin befruchtet: die vollendete Selbstaufgabe für den Nachwuchs. Wer solo bleibt, stirbt wohl recht schnell – bislang hat noch kein Forscher ein geschlechtsreifes Männchen frei schwimmend entdeckt.

All diese Absonderlichkeiten könnten nun jedoch von Forschern um David Johnson vom National Museum of Natural History in Washington in den Schatten gestellt werden: Sie entdeckten den wohl extremsten Fall körperlicher Wandlungsfähigkeit und geschlechtlicher Unterschiede bei Wirbeltieren – und lösten damit ein Rätsel, das Biologen schon lange Kopfzerbrechen bereitet hatte.

So kannten Ichthyologen bislang nur weibliche Tiere aus der Familie der Walköpfe (Cetomimidae), aber keine Männchen oder Larven. Die Wunderflosser (Mirapinnidae) dagegen landeten ausschließlich als noch nicht geschlechtsreife Exemplare in den Netzen der Forschungsfische. Und die Großnasenfische (Megalomycteridae) schließlich blieben frauenlos auf den Seziertischen und in den zoologischen Sammlungen zurück. Wo waren aber die jeweiligen Partner und Jungtiere? Entgingen sie nur zufällig den Biologen, oder lebten sie schlicht an Orten, die sich den Nachstellungen entzogen hatten?

Männchen
© Bruce Robison/MBARI
(Ausschnitt)
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Ihr Äußeres und ihre Lebensweise unterscheiden sich jedenfalls beträchtlich: Die Walköpfe stammten zumeist aus Tiefen jenseits der 1000-Meter-Marke, und sie besitzen walförmige Körper mit kleinen Augen, aber riesigen horizontalen Mäulern. Ganz anders die Wunderflosser: Bis auf vier Exemplare wurden sie in den obersten 200 Metern der Meere gefangen. Ihr ebenfalls veritabler Mund verläuft vertikal, Kopf, Körper und Flossen sind bei einer Art von haarartigen Strukturen übersät, bei anderen Vertretern übertrifft die Schwanzflosse die Körperlänge um das Neunfache. Bei den Großnasenfischen ist der Name Programm und ihr Riechorgan überdimensioniert, der Mund dagegen verkümmert. Rein optisch sprach nichts dagegen, sie unterschiedlichen Arten und Familien zuzuweisen.

Doch der Schein leitete offensichtlich in die Irre, wie Johnsons Team nun anhand neu gefangener Exemplare aus dem Golf von Mexiko herausfanden. Endlich hielten sie ein Übergangsstadium eines der Fische in den Händen, das sowohl Merkmale seiner Larvenzeit als auch schon des Erwachsenenalters besaß – und äußerlich zwischen den Wunderflossern und den Großnasenfischen rangierte. Mit diesem Wissen durchforsteten die Forscher anschließend ihre Sammlungen und entdeckten dabei ein weiteres Exemplar, das sich in einer noch früheren Transformationsphase befand: Die Entwicklungskette war damit nahezu geschlossen – und die Wunderflosser als Jugendstadium der Großnasenfische identifiziert. Damit aber noch nicht genug, denn auf einer weiteren Expedition ging ihnen ein sich gerade umwandelndes Exemplar eines Walköpfe in den Fangkorb, das ebenfalls Ähnlichkeiten mit einem Wunderflosser aufwies.

Weibchen
© Bruce Robison/MBARI
(Ausschnitt)
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Genabgleiche bestätigten schließlich, dass die Tiere tatsächlich eng miteinander verwandt waren. Statt drei sich markant unterscheidender Familien blieb letztlich eine einzige übrig, deren Mitglieder extrem wandlungsfähig sind: Die aus den Jungtieren hervorgehenden Weibchen wachsen weiter, bekommen riesige Mäuler und gehen auf die Jagd, während die Männchen klein bleiben. Ihre Münder schrumpfen und verwachsen knöchern, zudem fehlen ihnen Speiseröhre und Magen – sie zehren im Erwachsenenalter ausschließlich von ihrer übergroßen Leber, die sie sich während der Jugend mit Hilfe einer Ruderfußkrebsdiät anfressen. Mehr braucht das schwache Geschlecht der Männchen nicht: Einmal ausgewachsen, werden sie zu reinen Sexmaschinen degradiert.