Will eine Zelle ihre Proteine vervielfachen, erzeugt sie Kopien der betreffenden Gene in Form von Boten- oder mRNAs (nach englisch messenger, Bote) und schleust sie aus dem Kern ins Zytoplasma. Zur Stabilisierung und als Startpunkt für die Übersetzung der Erbinformation in den zugehörigen Eiweißstoff, die an den Ribosomen stattfindet, trägt die mRNA an einem Ende eine Art Kappe, die so genannte Cap-Struktur.

Wenn Viren in eine Wirtszelle eindringen, machen sie sich deren Vervielfältigungsmaschinerie zu Nutze, um Kopien ihrer selbst und damit auch ihrer Proteine herzustellen. Doch der Virus-RNA fehlt die Cap-Strukur, ohne die kein Ribosom mit dem Ablesen beginnt. Deshalb stehlen die Eindringlinge die Kappen von den mRNAs der Wirtszelle – ein Vorgang, der als Cap-snatching (nach englisch snatch, entreißen) bezeichnet wird.

Untereinheit der viralen Polymerase
© Stephen Cusack, EMBL
(Ausschnitt)
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Gleich zwei Forschergruppen um Stephen Cusack vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Grenoble und um Zihe Rao von der Chinese Academy of Sciences in Peking haben diesen Diebstahl nun beim Influenza-Virus im Detail untersucht. Eine entscheidende Rolle spielt demnach eine Untereinheit der viralen Polymerase, die das Erbgut des Erregers vervielfältigt. Sie enthält einen Abschnitt mit der Fähigkeit, RNA-Stränge durchzuschneiden. Dessen aktives Zentrum stimmt dabei in den Einzelbestandteilen – der Aminosäure Histidin und einem Verbund aus drei Säuregruppen – bei allen Grippeviren überein.

Diese Struktur zu blockieren und damit das Cap-snatching zu verhindern, wäre ein viel versprechender Ansatzpunkt für neue Medikamente. Wie Cusack und seine Kollegen zeigten, gibt es mit der 2,4-Dioxo-4-Phenylbuttersäure sogar schon einen Stoff, der das leistet.

Sandra Czaja