Es gibt verschiedene mathematische Möglichkeiten, die Position eines Planeten auf seiner Umlaufbahn um die Sonne zu bestimmen. Der Professor für Wissenschaftsgeschichte Mathieu Ossendrijver von der Humboldt-Universität zu Berlin konnte nun zeigen, dass bereits die Babylonier für die Ortsbestimmung des Jupiters eine abstrakte geometrische Methode benutzten. Dazu trugen sie die beobachtete Geschwindigkeit über die Zeit auf und berechneten die trapezförmige Fläche unter diesem Verlauf – sprich das Integral der Kurve. Beweise dafür entdeckte der Forscher in den Texten auf Tontafeln, die zwischen 2050 und 2350 Jahre alt sind. Bislang hat man geglaubt, dass Astronomen in Europa diese Methode erst ungefähr 1400 Jahre später entwickelten und anwandten. Die astronomischen Fähigkeiten der Babylonier führte man allein auf arithmetische Kenntnisse zurück.

Babylonische Tonplatte / Geometrische Positionsbestimmung
© Foto und Illustration: Trustees of the British Museum/Mathieu Ossendrijver
(Ausschnitt)
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Links: Keilschrifttafel mit Trapez-Berechnungen. Rechts: Die Distanz, die Jupiter in 60 Tagen zurücklegt, 10º45', wird berechnet als die Fläche der Trapez-Figur. Um auf die Zeit zu schließen, innerhalb welcher Jupiter die Hälfte dieser Distanz zurücklegt, kann man die Figur in zwei kleinere Trapeze mit gleicher Fläche teilen.

Im Lauf dieser Forschungsarbeit hat Ossendrijver vier fast komplett erhaltene und beschriebene Tontafeln entziffert. Auf einer entdeckte er etwa eine nahezu vollständige Anweisung, um die Bewegung des Jupiters entlang der Ekliptik zu berechnen. Die Bedeutung wurde indes erst durch die Schilderung der geometrischen Methode auf anderen Tafeln offensichtlich. Dort fand er unter anderem die Beschreibung von zwei Zeitintervallen: 60 und 120 Tage nachdem der Jupiter das erste Mal am Horizont erschienen ist. Zeichnet man diese Punkte in ein Schaubild, kann der Aufenthaltsort des Jupiters über die trapezförmige Fläche unter der Kurve berechnet werden. Anders als die alten Griechen oder Ägypter haben die Babylonier damit die Geometrie in einer abstrakten Form als Hilfsmittel benutzt, um Raum und Zeit zu definieren. Möglicherweise haben die babylonischen Gelehrten diese Technik gar nach Europa exportiert und hiesige Astronomen damit maßgeblich beeinflusst.