Nach und nach vertrocknen Blätter, Äste und irgendwann der ganze Baum. Rund eine Million Olivenbäume der Halbinsel Salento, also vom Stiefelabsatz Italiens, sind befallen. Darunter etliche knorrige Exemplare, die Wind und Wetter jahrhundertelang trotzten. Nun erliegen sie Xylella fastidiosa, in Deutschland auch als Feuerbakterium bezeichnet: Der Erreger nistet sich in den Wasserleitbahnen der Bäume ein und dreht ihnen regelrecht den Hahn zu. Ein Heilmittel gegen CoDiRO (Complesso del Disseccamento Rapido dell'Olivo, auf Englisch auch Olive Quick Decline Syndrome genannt) existiert nicht.

"Das Ausmaß des Befalls ist schockierend", sagt Brion Duffy, Pflanzenpathologe an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, der die betroffene Region schon mehrmals besucht hat. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Bakterien ausbreiten, nicht minder: 2013 wurde Xylella als Auslöser des Olivenbaumsterbens nachgewiesen. Damals waren etwa 8000 Hektar in der Provinz Lecce betroffen, dem Epizentrum des Ausbruchs. Im Oktober 2014 waren es bereits 23 000 Hektar. "Ein weiterer Ausbruch in Oria, 30 Kilometer von Lecce entfernt, hat große Besorgnis hervorgerufen", erklärt Donato Boscia, Leiter des Instituts für nachhaltigen Pflanzenschutz in Bari, der maßgeblich an der Erforschung der Xylella-Epidemie beteiligt ist.

Italiens Regierung hat den Notstand ausgerufen. Die Region produziert mehr als 40 Prozent des italienischen Olivenöls. Der Xylella-Ausbruch wird allein dieses Jahr zu Verlusten in Millionenhöhe führen. Frankreich hat bereits im April die Importe von Pflanzen und Landwirtschaftsprodukten aus der süditalienischen Region gestoppt. Auch die EU ist alarmiert. In einem 262 Seiten umfassenden Gutachten beurteilen die Experten der europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) das Risiko, dass sich der Erreger weiter ausbreitet, als "sehr hoch".

Das Bakterium gilt als unausrottbar

Tatsächlich weisen Xylella-Bakterien ein ungemein breites Wirts- und Vektorenspektrum auf. Sie befallen Mandel-, Pfirsich- oder Zitronenbäume, Weinreben, Eichen, Oleander – und nun auch Olivenbäume. Hinzu kommt, dass jedes Pflanzensaft saugende Insekt als Überträger in Frage kommt: Diese fliegen von Baum zu Baum, stechen deren Leitungsbahnen an und verbreiten auf diese Weise die Bakterien. In der Region rund um Lecce gilt die Schaumzikade als Hauptüberträger von Xylella. "Hier sind fast 100 Prozent der Schaumzikaden Träger der Bakterien", rechnet Boscia vor.

"Das macht die Ausrottung des Erregers in einem betroffenen Gebiet praktisch unmöglich", sagt Duffy. Was passiert, wenn der Erreger andere Gegenden in Italien erreicht oder in Griechenland und Spanien heimisch wird, möchte sich niemand ausmalen. Spätestens dann würde es auch der Verbraucher an gestiegenen Olivenölpreisen schmerzhaft zu spüren bekommen. Und was, wenn der Erreger plötzlich auch Weinreben befällt? "Das wäre das Worst-Case-Szenario", fasst Duffy zusammen.

Vertrocknender Hain
© Donato Boscia, Istituto di Virologia Vegetale del CNR, UOS, Bari (IT) – Franco Nigro, Dipartimento di Scienze del Suolo, della Pianta e degli Alimenti, Università degli Studi di Bari (IT) – Antonio Guario, Plant Protection Service, Regione Puglia (IT)
(Ausschnitt)
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Die drastischen Eindämmungsmaßnahmen betreffen praktisch die gesamte Provinz Lecce. Eine Karte der Puffer-, Tilgungs- und Überwachungszonen findet sich unter anderem hier.

Neben einem Verbot des Pflanzenhandels und -transports im Salento hat die EU weitere Notmaßnahmen veranlasst, die am 18. Mai in Kraft getreten sind. Um einerseits den Ausbruch in der betroffenen Region einzudämmen und andererseits die weitere Ausbreitung des Erregers zu verhindern. Dazu wurde eine rund 40 Kilometer breite Sicherheitszone eingerichtet, die die Halbinsel vom italienischen Festland abriegelt: Eine 30 Kilometer breite Überwachungs- und eine zehn Kilometer breite Pufferzone. In der Überwachungszone wurden bislang keine kranken Bäume nachgewiesen, und sie wird von nun an regelmäßig kontrolliert.

Radikales Bäumefällen

In der Pufferzone kommen seit einigen Wochen radikale Methoden zum Einsatz: Mitarbeiter des Forstamtes fällen kranke Bäume und verbrennen sie. Außerdem schneiden sie das Gras, pflügen den Boden um und versprühen Insektengift. Auch gesunde Bäume müssen dran glauben. In einem Umkreis von 100 Metern um einen kranken Baum müssen alle Wirtspflanzen vernichtet werden – eine Maßnahme, die die Olivenbauern auf die Barrikaden gehen lässt. Bewaffnete Polizisten und Carabinieri beaufsichtigen aus diesem Grund das Beseitigen der Bäume.

Olivenbäume sind im Salento das Symbol einer eigenen Lebensart, sie prägen nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen. Seit Generationen produzieren sie hier Olivenöl – Xylella bedroht ihre Existenz und die Kultur. "Sie müssen Bäume fällen lassen, die schon Großeltern und Eltern pflegten", sagt Boscia.

Angeheizt wird der Protest durch verschiedene Theorien, die im Internet kursieren: Peacelink, eine italienische NGO, behauptete im März in einem Schreiben an die EU, es sei nicht bewiesen, dass Xylella die Ursache sei. Vielmehr werde das Olivenbaumsterben durch einen Pilz verursacht, und den könne man behandeln. Im April veröffentlichte die EFSA eine Kurzmeldung, nach der es keine wissenschaftlichen Hinweise zur Stützung dieser Annahme gibt.

Verschwörungstheorien heizen die Stimmung an

Auch Boscia und seine Kollegen stehen in der Kritik: Sie haben 2010 an einem Workshop teilgenommen, bei dem mit Xylella-Bakterien gearbeitet wurde. Nun machen Gerüchte die Runde, denen zufolge die Wissenschaftler die Bakterien absichtlich oder aber durch Nachlässigkeit freigesetzt hätten und so überhaupt erst deren Ausbreitung ermöglichten. Von Agromafia ist die Rede und von Interessen der Solarindustrie an frei werdenden Flächen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wie die Fachzeitschrift "Nature" im Juni berichtete, handelt es sich allerdings bei dem Bakterium, das im Workshop untersucht wurde, und bei dem, das nun sein Unwesen treibt, um verschiedene Unterarten. Der Vorwurf an die Wissenschaftler sei demnach unhaltbar. Auch die American Phytopathological Society, mit 5000 Mitglieder starker Zusammenschluss von Pflanzenpathologen, unterstützte die italienischen Kollegen in einem offenen Brief anlässlich einer Xylella-Konferenz in Rom Anfang Juli.

"Sie müssen Bäume fällen lassen, die schon Großeltern und Eltern pflegten" (Donato Boscia)

Amerika kämpft schon lange gegen die Feuerbakterien. Seit der Entdeckung im Jahr 1892 hat sich der Erreger unaufhaltsam ausgebreitet. In Südamerika richtet er immer wieder verheerende Schäden bei Zitrusfrüchten an, in Nordamerika vernichtet er Weinreben. Europa blieb bislang verschont. Seit den 1980er Jahren gilt Xylella in Europa als so genannter Quarantäne-Schadorganismus: Der Umgang mit den Bakterien oder ihre Einfuhr ist meldepflichtig und unterliegt Einschränkungen.

Wie die illegalen Einwanderer nach Italien gelangt sind, ist unklar. Wissenschaftler vermuten, dass sie über infizierte Zierpflanzen aus Costa Rica eingeschleppt wurden: Die in Italien grassierende CoDiRo-Unterart stimmt genetisch mit den costa-ricanischen Bakterien überein. Ein solcher Übertragungsweg wäre gut möglich, denn im Anfangsstadium der Krankheit zeigen die meisten Pflanzen keine Symptome – sie sehen gesund aus, tragen die Bakterien aber bereits in sich. Das erschwert den Kampf gegen den Erreger beträchtlich und erklärt die 40 Kilometer breite Sicherheitszone.

Ungewisser Schutz

Ob die Vorkehrungen allerdings ausreichen, um die Bakterien in Schach zu halten, ist ungewiss: Schaumzikaden oder andere befallene Insekten könnten von Menschen oder an Fahrzeugen unbemerkt aus der Quarantänezone exportiert werden und den Erreger so weiter verbreiten. Theoretisch müsste auch der Handel mit allen Wirtspflanzen untersagt werden, was allein daran scheitert, dass nicht alle Wirtspflanzen bekannt sind. "Wir wissen viel zu wenig über den Erreger und seine Überträger", sagt Duffy, "wir wissen nicht einmal, wie weit die in Italien und auch im restlichen Europa weit verbreiteten Schaumzikaden fliegen können."

Auch der Nachweis der Bakterien ist nicht einfach: Mit Hilfe gentechnischer Methoden lassen sie sich zwar im Labor nachweisen, aber der Test nimmt zwei Tage in Anspruch. Ein Schnelltest, der direkt vor Ort durchgeführt werden könnte, würde vieles erleichtern. Das Züchten resistenter Olivenbäume – manche Bäume zeigen nur milde Symptome – wäre keine Lösung, zumindest keine kurzfristige. Dazu wachsen die Olivenbäume einfach viel zu langsam.

"Wir müssen dringend in die Forschung investieren – und Hand in Hand mit den Bauern arbeiten", sagt Duffy, "denn leider sind die Forschungsergebnisse aus anderen betroffenen Länder nicht eins zu eins auf Europa übertragbar." Die italienische Regierung und auch die EU haben Geld für die weitere Forschung rund um Xylella zugesagt. Boscia setzt dabei auch auf eine Art Open-Air-Labor: "In einem großen Teil der Provinz Lecce können wir auf das Vernichten der Olivenbäume verzichten, da die EU anerkannt hat, dass sich Xylella hier etabliert hat und damit nicht auszurotten ist. Das gibt uns die Möglichkeit, eine ganze Serie von Experimenten durchzuführen, um herauszufinden, wie man mit Xylella leben kann."