Ab Mitte September strömen die Touristen in Scharen in die Wälder Neuenglands, um ein ganz besonderes Spektakel zu genießen: den Indian Summer. Über Tausende von Quadratkilometern überziehen schrill gelb, orange und rot gefärbte Ahorn-, Eichen-, Hickory- und andere Laubbäume die sanften Hügel und Täler des US-amerikanischen Nordostens – meist überdeckt von einem strahlend blauen Himmel, der sich während der stabilen frühherbstlichen Hochdruckphasen hier gerne einstellt.

Eichen in Gelb
© Richard Zinken
(Ausschnitt)
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Warum sich die Bäume im Herbst verfärben, stellt die Botaniker allerdings immer noch vor Rätsel. Eindeutig scheint der Fall jedenfalls nur bei den gelben Blättern zu sein: Das grüne Laub färbt sich um, weil das wertvolle und energetisch aufwändig zu synthetisierende Chlorophyll abgebaut und die Inhaltsstoffe für die nächste Wachstumsperiode eingelagert werden. Übrig bleiben im Blattgewebe die Karotinoide, die noch ein wenig spätsaisonale Energiegewinnung für ihren Produzenten leisten können und sich als reine Kohlenwasserstoffe weniger kostspielig erstellen lassen. Gelb steht somit für das sanfte Hinübergleiten in die Winterpause – ohne dass es eine tiefere ökologische Bedeutung haben müsste.

Teures Rot

Aber was ist mit Rot? Die Bäume bilden diese Farbe extra neu kurz bevor das Laub fällt und mischen dazu so genannte Anthocyane zusammen, denen auch Blaubeeren, Himbeeren oder Pflaumen ihre kräftige Tönung verdanken. Ihre Rolle im Herbstakt sollte deshalb allein schon wegen der dafür nötigen pflanzlichen Energieinvestition komplizierter sein. Eine These schreibt ihnen einen Lichtschutzfaktor zu, der die Pflanzenzellen vor der UV-Strahlung schützt, nachdem das Chlorophyll zerlegt wurde, doch selbst Pflanzenphysiologen zweifeln dies als alleinige Erklärung an. Eine neuerer Ansatz wiederum geht von einem Warnsignal aus: Halt!, soll es Insekten vermitteln, dieser Baum wehrt sich vehement gegen Schädlinge und hat nichts Nahrhaftes zu bieten.

Besser fliegen
© Don Reynolds
(Ausschnitt)
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Diese Begründung hat allerdings einen Schönheitsfehler meinen Thomas Döring vom Londoner Imperial College und seine Kollegen [1]: Viele Kerbtiere wie die Blattläuse besitzen überhaupt keinen Fotorezeptor für rote Töne in ihrem Facettenauge – und sollten daher Rot nicht von Grün unterscheiden können. Oder etwa doch? Schließlich besitzen viele Tierarten ein breiteres oder zumindest anderes Spektrum in der Farbwahrnehmung – etwa im UV-Bereich – als Menschen.

Auf Gelb fliegen

Dörings Team stellte deshalb im letzten Herbst 70 Wasserfallen im Freiland auf, die sie in unterschiedlichen Tönen von Blau bis Rot eingefärbt hatten. Sie wollten feststellen, auf welche Farben Blattläuse fliegen, verglichen die jeweilige Spektralbereiche mit jenen von Laub und bastelten daraus ein Farbwahlmodell, das ihnen die bevorzugten Kolorierungen ausspucken sollte. Insgesamt verfingen sich mehr als 2100 der saugenden Kerfe in den Behältern, wovon die Mehrheit zu vier Arten gehörte, die saisonale Wanderungen zu ihren bevorzugten Wirtsbäumen unternehmen, um dort die Eier für die nächste Frühjahrsgeneration abzulegen.

Tatsächlich mieden die Insekten, wenn es ging, die roten Behälter und steuerten lieber die grünen Töpfchen an. Die Anthocyane scheinen also weniger attraktiv zu sein als das Chlorophyll, deren Färbung die Tiere wohl tatsächlich trotz des fehlenden Rotrezeptors unterscheiden können. Entscheidend ist wohl das Verhältnis der aufgenommenen Photonen auf dem grünen Fotorezeptor zu jenen auf dem blauen: Es ist bei rotem Laubwerk kleiner als bei grünem, und das weist den Schmarotzern den Weg. Allerdings zeigt das entwickelte Farbmodell, dass Rot nicht aktiv abschreckend wirkt, denn dort landeten nicht weniger Individuen als auf rotschwarz gemischten Flächen, die im roten Wellenlängenbereich weniger stark reflektieren und damit anziehender sein sollten.

Glühende Tarnung

Es könnte sich vielmehr um einen passiven Schutz handeln, der die Blätter und ihren Inhalt effektiv tarnt. Dafür spricht auch noch ein weiteres Ergebnis der Biologen, denn die Läuse würden auch sattgrünes Blattwerk eher links liegen lassen, wenn sich ihnen noch eine dritte Option bietet: Am beliebtesten waren gelbe Flächen, wie wohl jeder Liegewiesenbesucher aus eigener Erfahrung bestätigen kann, der nach dem Sonnenbad unzählige der Insekten von seinem gelben Sonnenhut pusten kann. Die Blätter könnten also die Anthocyane extra produzieren, um ihre verräterischen Karotinoide zu überpinseln und damit die Zahl der Schädlinge klein zu halten.

Und das ist auch dringend nötig, denn erste Forschungen bestätigen, dass die Zahl der im Herbst an den Bäumen abgelegten Eier die Intensität der frühjährlichen Fraßschäden gut voraussagt. Untersuchungen von Andy und Don Reynolds deuten zudem an, dass die kleinen Kerfe offensichtlich deutlich bessere Flieger sind, als man ihnen bislang zutraute [2]: Die Läuse lassen sich demnach nicht nur einfach ziel- und willenlos vom Wind durch die Lüfte treiben wie Pflanzenpollen oder kleine Spinnen mit ihrem im Wind baumelnden Seidenfaden. Vielmehr steuern sie aktiv, ob sie in den Luftströmungen auftreiben oder absinken, so dass sie stets im optimalen Zug bleiben – bis zu 30 Kilometer können sie dadurch innerhalb einer Stunde und bei stabilen Wetterlagen zurücklegen.

Meist beschränken sich die Tiere jedoch auf Ausflüge, die nicht länger als eineinhalb Minuten dauern. Stellen sie dann ihren Flügelschlag ein, purzeln sie aus der Luft zurück zum festen Boden oder Blattwerk und bevorzugt auf saftiges grünes oder besser noch gelbes Laub. Ganz ohne Gefahr sind diese Reisen jedoch nicht: Turbulenzen können die Läuse jederzeit vom ersehnten Ziel fortreißen und in die dicht an dicht hängenden Spinnennetze des deutschen Altweibersommers blasen. Auch ein herbstliches Spektakel – allerdings kein massentourismustaugliches.