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Oroville-Staudamm

Beinahe-Katastrophe durch 'Kultur der Korruption'

Im Februar brach beinahe der höchste Staudamm der USA. Nun wirft eine Kommune der Betreibergesellschaft Betrug und Nachlässigkeit vor - und klagt gegen die Behörde.
Luftaufnahme des beschädigten Hauptüberlaufs des Oroville-Staudamms.

"Sie dachten, sie seien die Mafia und kommen mit allem durch", sagt der kalifornische Anwalt John Cotchett laut Medienberichten über das California Department of Water Resources (DWR), das den im Februar beinahe gebrochenen Oroville-Staudamm betreibt. Der höchste Damm der USA hatte am 13. Februar 2017 kurz vor dem Bruch gestanden, als während eines Starkregenereignisses Wasser aus dem Stausee mehrere Stunden lang über die Kante des Notauslasses schwappte. Cotchett vertritt die Stadt Oroville, die die Behörde nun wegen der Evakuierung von fast 200 000 Menschen während der Krise auf Schadenersatz verklagt hat.

Die Fluten erodierten Teile eines Berghangs unterhalb der Reservoirkante und gefährdeten die Betonkonstruktion – eine Weile lang schien möglich, dass der Auslass kollabiert und die oberen zehn Meter des bis zum Rand gefüllten Reservoirs unkontrolliert auslaufen. Wegen der Gefahr ließ die Stadt bedrohte Gebiete räumen.

Unabhängiger Bericht beklagt Versäumnisse

Wie viel Schadenersatz Oroville verlangt, ist noch unklar. In der mehrhundertseitigen Klageschrift geht es vor allem um die nach Angaben der Stadt skandalösen Umstände beim Betrieb des Damms und weniger um einzelne konkrete Versäumnisse des DWR. Zuvor hatte ein Team der Organisation der bundesstaatlichen Beamten für Dammsicherheit in seinem Anfang Januar 2018 veröffentlichten Bericht über den Vorfall festgestellt, dass schon sehr früh im Betrieb das Damms unvorhergesehene Risse und heraussickerndes Wasser am Hauptauslass "normalisiert" worden seien. Dieser Teil der Konstruktion versagte im Februar 2017 als erster.

Über die 50-jährige Betriebszeit des Damms seien Beton und Stahl des Hauptauslasses immer weiter korrodiert; gleichzeitig sei das Problem bei zahlreichen Inspektionen nicht erkannt worden. Reparaturen an den bekannten und nun als "normal" betrachteten Rissen im Beton seien unzulänglich gewesen und hätten möglicherweise mehr geschadet als genützt, heißt es in dem öffentlich zugänglichen Gutachten.

Laut Klageschrift der Stadt Oroville seien viele der verzeichneten Reparaturen gar nicht durchgeführt worden, sondern stünden nur auf dem Papier. Stattdessen hätten Mitarbeiter das Material gestohlen. Kritische Mitarbeiter seien eingeschüchtert worden, es haben Fälle von Rassismus und sexueller Belästigung gegeben. Es seien diese vom DWR zu verantwortenden Bedingungen, die zu den Fehlern bei der Wartung und dem Betrieb des Damms geführt hätten – und damit letztendlich zu der teuren Evakuierung.

Auch das unabhängige Gutachterteam bemängelt Fehler im Umgang mit der Krise. Nachdem die Betonplatten des Hauptüberlaufs wegen ihres schlechten Zustands weggespült waren, blockierte Geröll den Fluss unterhalb des Damms, und der Rückstau bedrohte das Maschinenhaus. Das Betriebsteam reduzierte daraufhin den Abfluss aus dem Stausee, um die Erosion am Hauptauslass zu begrenzen und gleichzeitig zu verhindern, dass das Maschinenhaus vollläuft.

Gegen Expertenrat gehandelt

Dadurch stieg der Spiegel des Stausees weiter an und erreichte die Kante des Notüberlaufs. Diverse Fachleute hätten davor gewarnt, das Wasser über den instabilen Hang ablaufen zu lassen; entgegen dem Expertenrat ließen die Betreiber den See überlaufen, die Lage wurde kritisch, und fast 200 000 Menschen mussten vorübergehend ihre Häuser verlassen.

Das Expertengremium bescheinigt dem Staudammteam des DWR, seine Entscheidungen in bester Absicht getroffen zu haben; es habe jedoch vor und während der Krise viele Gelegenheiten gegeben, die Situation zu entschärfen. Das Gremium bescheinigt dem DWR, eine in sich isolierte Organisation zu sein, die übermäßig viel Vertrauen in die Stabilität ihrer Infrastruktur habe, so dass Sicherheit zu geringe Priorität hatte.

Die Stadt Oroville und ihr Anwalt Cotchett dagegen sehen die Beinahe-Katastrophe als Resultat von Jahrzehnten Betrug und Missmanagement. Von besten Absichten ist in ihrer Klageschrift nicht die Rede, im Gegenteil. "Sie dachten, sie könnten einfach sagen: Nein, wir machen diese Wartungsarbeiten jetzt nicht."

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