Das tödliche Virus landete am 20. Juli im nigerianischen Lagos, der größten Stadt Afrikas. Per Flugzeug traf ein mit Ebola infizierter Mann aus Liberia ein – dem Land, in dem zurzeit wie in Guinea und Sierra Leone der bislang größte Ausbruch von Ebola wütet. Es war das erste Mal, dass sich das Virus mit Hilfe des Luftverkehrs über Ländergrenzen hinweg verbreitet hat. Nur der Anfang einer internationalen Ausbreitung? Diese Gefahr besteht tatsächlich, solange die Krankheit in den westafrikanischen Ländern weiter Menschen infiziert. Eine weltweite Bedrohung stellt Ebola trotzdem nicht dar, wie Declan Butler von "Nature" erläutert.

Das Virus hat die größte Stadt des bevölkerungsreichsten Landes in Afrika erreicht. Wie sehr gibt dies Anlass zur Sorge?

Die Weltgesundheitsorganisation hat inzwischen bestätigt, dass der 40-jährige Mann bei seiner Landung in Lagos an Ebola erkrankt war. Er wurde nach seiner Ankunft am Flughafen sofort unter Quarantäne gestellt und ins Krankenhaus gebracht, wo er am 25. Juli verstarb. Dessen ungeachtet ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich das medizinische Personal oder andere Menschen, die Kontakt mit dem Patienten hatten, angesteckt haben – sofern am Flughafen und im Krankenhaus geeignete Maßnahmen ergriffen worden sind. Das bestätigt auch das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Es stuft das Infektionsrisiko von Menschen, die sich öffentliche Transportmittel mit Infizierten teilen, als "sehr gering" ein.

Einem weitaus höheren Risiko sind hingegen Beschäftigte im Gesundheitswesen ausgesetzt. In den letzten Wochen haben sich bereits mehrere bei ihrer Arbeit infiziert, und einige sind daran gestorben. Durch strenge Sicherheitsvorkehrungen lässt sich laut WHO jedoch auch für diese Personengruppe das Risiko drastisch minimieren.

Wie groß ist das Risiko, dass Flugreisende das Virus in andere Städte verschleppen?

In Anbetracht der insgesamt kleinen Anzahl von Ebola-Fällen schätzt das ECDC die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person in ein Flugzeug gelangt, als sehr gering ein. Überdies sollte es jedem funktionsfähigen Gesundheitssystem möglich sein, die weitere Ausbreitung etwaiger Exportfälle zu unterbinden.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht infolgedessen ausschließlich für die Nachbarstaaten der mit Ebola kämpfenden Länder ein hohes Verbreitungsrisiko, für weiter entfernte Länder der gleichen Region hingegen nur ein mäßiges und für den Rest der Welt nur ein geringes Risiko, dass sich Ebola dort ausbreiten wird. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein exportierter Fall – ob in der 17-Millionen-Stadt Lagos oder anderswo – neue Ausbrüche entfachen wird, da Ebola nicht sonderlich ansteckend ist.

Wie ansteckend ist Ebola in Wirklichkeit?

Nach derzeitigem Wissensstand tötet der Ebola-Stamm des aktuellen Ausbruchs 56 Prozent der Infizierten. Doch um das Virus zu übertragen, müssen die Schleimhäute eines Menschen oder Stellen verletzter Haut in Kontakt mit den Körperflüssigkeiten einer infizierten Person kommen, entweder direkt mit ihrem Blut, Urin, Speichel, Sperma, Stuhlgang oder indirekt über Gegenstände, die mit diesen Flüssigkeiten kontaminiert wurden, wie verschmutzte Kleidung oder Bettwäsche.

Darin unterscheidet sich Ebola von Krankheitserregern der Atemwege, wie sie etwa eine Erkältung oder Grippe auslösen. Sie werden durch Husten oder Niesen in die Luft geschleudert, und man kann sich bereits durch bloßes Einatmen oder das Berühren kontaminierter Oberflächen wie Türknöpfen infizieren. Eine pandemische Grippe kann sich darum binnen Tagen oder Wochen auf der ganzen Welt verbreiten. Ebola hingegen verursacht nur zeitweilig begrenzte Ausbrüche, die für gewöhnlich eingedämmt werden können.

Aber warum dauert der Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia weiter an?

Im Prinzip sollte es ein Leichtes sein, den Ebola-Ausbruch allein durch öffentliche Gesundheitsmaßnahmen unter Kontrolle zu bringen. Alle Infizierten müssten identifiziert und isoliert werden. Und all jene, mit denen sie in Kontakt waren, für die Dauer von 21 Tagen, der maximalen Inkubationszeit, unter Beobachtung gestellt werden. Ergänzend sollten grundlegende Sicherheitsvorkehrungen zur Infektionskontrolle in Kraft treten. Da Menschen, die sich mit Ebola infiziert haben, niemanden anstecken können, bevor sie nicht selbst Symptome zeigen, ist es auch einfacher als bei anderen Krankheiten, ihre Kontakte nachzuverfolgen.

Dass Ebola in diesen Ländern trotzdem außer Kontrolle geraten ist, liegt zum einen am schieren Ausmaß des Ausbruchs, der die Notfallteams überfordert, und zum anderen an soziokulturellen Faktoren, die eine effiziente Bekämpfung verhindern.

Welche soziokulturellen Faktoren behindern die Arbeit der Mediziner?

Einheimische Gesundheitsbehörden und internationale Organisationen wie die WHO und Ärzte ohne Grenzen tun sich schwer damit, die Verbreitung unter Kontrolle zu bringen, weil es schlicht an Vertrauen und Kooperation unter den betroffenen Einwohnern mangelt. Mitunter wurde den Medizinern der Zutritt zu den Dörfern verwehrt, weil die Einwohner Angst davor hatten, dass die Sanitäter die Krankheit einschleppen. Laut der WHO wollen oder bekommen viele Betroffene keine Behandlung und stecken dadurch Familienmitglieder und ihnen Nahestehende mit dem Virus an. Für viele Neuinfektionen verantwortlich sind zudem die traditionellen Beerdigungsrituale, bei denen die Trauernden direkten Kontakt mit den Leichen haben – und dadurch leider allzu oft auch mit Ebola.

Ist das Ausmaß des Ausbruchs untypisch?

Der aktuelle Ausbruch ist der größte, der je verzeichnet wurde. Die WHO meldet für den Stand vom 27. Juli insgesamt 909 Infektionen, die im Labor bestätigt wurden, darunter 485 Tote. Zählt man "wahrscheinliche" und "vermutete" Fälle mit hinzu, steigt die Zahl auf 1323 Infektionen, darunter 729 Tote – wobei einige auch anderen Krankheiten zum Opfer gefallen sein könnten. Von den wenigen Dutzend bislang verzeichneten Ausbrüchen hatten nur sieben mehr als 100 Fälle. Als bislang schwerster Ausbruch gilt der aus den Jahren 2000 und 2001 in Uganda, bei dem 425 Menschen infiziert wurden und 224 starben.

Seit dem erstmaligen Auftreten der Krankheit im Jahr 1976 gab es nur 19 Ebola-Ausbrüche mit mehr als 10 Opfern. Insgesamt starben rund 2000 Menschen an der Krankheit. Zum Vergleich: Malaria tötet etwa 3200 Menschen pro Tag und Durchfallerkrankungen um die 4000. Schlangen und andere giftige Tiere fordern jährlich rund 55 000 Menschenleben – das sind 27-mal mehr, als insgesamt in allen 38 Jahren durch Ebola gestorben sind.

Gibt es Medikamente oder Impfstoffe gegen Ebola?

Es gibt noch keine genehmigten Medikamente oder Impfstoffe gegen Ebola, allerdings sind entsprechende Kandidaten in Entwicklung. Neue Behandlungen könnten helfen, die hohe Sterblichkeitsrate der Krankheit zu senken – bei vergangenen Ausbrüchen reichte diese von 25 Prozent bis 89 Prozent, im Durchschnitt beläuft sie sich auf rund 62 Prozent.

Jeremy Farrar, der Leiter des Wellcome Trust in London, hat sich dafür ausgesprochen, experimentelle, noch nicht genehmigte Arzneimittel für den aktuellen Ausbruch einzusetzen. Andere Wissenschaftler fürchten, dass sich dies als kontraproduktiv erweisen könnte: Das Misstrauen in der Bevölkerung macht es dem medizinischen Personal bereits jetzt schon schwer genug, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Die Verwendung nicht zugelassener Medikamente könnte das Vertrauen zusätzlich schwächen.

Was muss unternommen werden, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen?

Entscheidend wird es sein, die Öffentlichkeitsarbeit weiter auszubauen und dabei auch lokale Führungspersönlichkeiten miteinzubeziehen, damit die Menschen den medizinischen Hilfskräften Vertrauen schenken und dem Rat der Gesundheitsbehörden folgen. Die Behörden müssen das öffentliche Vertrauen für sich gewinnen und die Bevölkerung von einer ungefährlichen Beerdigungspraxis überzeugen. Und natürlich gilt es, weiterhin sämtliche Bemühungen zu intensivieren, um Infizierte und die Menschen, mit denen sie Kontakt hatten, aufzuspüren.

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel "Largest ever Ebola outbreak is not a global threat" bei "Nature News".