Normalerweise können wir Gesichter uns bekannter Menschen problemlos wiedererkennen. Betrachten wir ihre Porträts jedoch, wenn diese auf dem Kopf stehen, so gelingt uns das schon wesentlich schlechter. Erstaunlicherweise können wir in dieser Ansicht das eigene Konterfei allerdings an typischen Gesichtsbewegungen spielend identifizieren – aber nur, wenn die zeitliche Abfolge der Mimik nicht verzerrt wird.

Der Psychologe Richard Cook vom University College London und seine Kollegen untersuchten in einem Experiment, wie gut Probanden sich selbst und ihre Freunde anhand mimischer Bewegungen erkennen können. Jede Versuchsperson wurde gefilmt, während sie Witze erzählte. Mit einer speziellen Software übertrugen die Forscher das aufgezeichnete Mienenspiel der Probanden wie Blinzeln, Heben der Augenbrauen und Mundbewegungen auf eine Art Avatar, der durch Mittelung sehr vieler Porträts entstand (siehe Video). So waren Hinweise auf die individuelle Gesichtsform eliminiert, die Bewegungen blieben jedoch erhalten. Später sahen die Versuchspersonen die entstandenen kurzen Filmclips – entweder in normaler Position oder während das Bild auf dem Kopf stand – und mussten jeweils beantworten, ob sie sich selbst, ihren Freund oder niemand Bekanntes zu sehen glaubten. Dabei erkannten die Versuchspersonen sich selbst in beiden, ihre Freunde jedoch nur in normaler Ansicht. Ob wir andere identifizieren können oder nicht, hängt somit maßgeblich von der Ausrichtung des Gesichts ab. Uns selbst zu erkennen, fällt uns deutlich leichter.

Auf der Suche nach den Gründen führten die Forscher vier Monate später ein weiteres Experiment durch: Sie präsentierten den Probanden nun dieselben Sequenzen auf dem Kopf, wobei sie entweder die Bewegungskoordination oder die Geschwindigkeit der Mimik verfälschten. Ansonsten blieb die Aufgabe gleich. Wie sich zeigte, erkannten die Probanden sich selbst sogar dann mühelos, wenn sie ihr Porträt nicht nur auf dem Kopf stehend sahen, sondern auch die Konstellation der Gesichtsmerkmale manipuliert worden war – und das, obwohl wir viel seltener die Gelegenheit haben, unser eigenes Konterfei zu beobachten als das von Freunden. Erst bei zeitlich verzerrten Bewegungen war es um die Selbstidentifikation geschehen.

Da wir unser Mienenspiel selbst initiieren, scheinen wir den zeitlichen Bewegungsablauf derart verinnerlicht zu haben, dass dies die Selbsterkennung erleichtert, vermuten die Wissenschaftler. Freunde hingegen beobachten wir nur von außen, so dass hier die Anordnung der Gesichtsmerkmale für die Identifikation besonders relevant ist. (se)