Alfred Russel Wallace hat nicht nur Charles Darwin wichtige Daten und Ideen zur Theorie über die Evolution geliefert. Der Naturforscher entwickelte außerdem die erste umfassende Karte, wie Arten auf der Erde verbreitet sind – er definierte die zoogeografischen Regionen, wie sie bis heute in ihren wesentlichen Zügen noch gelten. Ein internationales Forscherteam hat sich nun daran gemacht, diese Karte auf den methodisch neuesten Stand zu bringen.

Tiergeografische Regionen nach Wallace
© Fritz Geller-Grimm / public domain
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Wallace hatte sich auf Arbeiten von Philip Sclater gestützt, der anhand der Verbreitung von Vögeln sechs Reiche ausgewiesen hatte, und diese durch Daten von Säugetieren, Reptilien und Insekten ergänzt. So entstand seine 1876 veröffentlichte klassische Einteilung in eine paläarktische, eine äthiopische, eine orientalische, eine nearktische, eine neotropische und eine australische Region. In den folgenden Jahrzehnten gab es mehrere Überarbeitungen dieses Konzept, wobei unter anderem die Übergangsgebiete zwischen verschiedenen Reichen auf Eigenständigkeit überprüft wurden – wie beispielsweise ein "Wallacea" genanntes Gebiet zwischen dem australischen und dem orientalischen Reich – oder ein eigenes Reich für Madagaskar und die umliegenden Inseln ausgewiesen wurde. Immer wieder diskutiert wird auch die Grenzziehung in Kalifornien und Mittelamerika oder, ob die beiden Reiche der Nordhalbkugel nicht eigentlich zusammengefasst werden sollten.

Vordergründig beruhen diese Grenzen auf der heutigen Verbreitung der Tierarten. Dies haben Forscher um Jean-Philippe Lessard nun dank moderner statistischer Methoden um einen weiteren Aspekt erweitert: Sie nutzten nicht nur geografische Nachweisdaten von über 21 000 Wirbeltierarten (Amphibien, Vögel, Landsäugetiere), sondern auch deren Abstammungsverhältnisse. Heraus kommt eine Karte, die weiterhin Wallaces Linien trägt – aber auch einige Neuerungen bietet.

Zoogeografische Regionen nach Holt, Lessard, et al.
© University of Copenhagen
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Auf der Basis von über 21 000 Tierarten entwickelte ein internationales Forscherteam eine überarbeitete Karte der Tierreiche. Statt sechs sind es nun elf, da insbesondere einige Übergangsgebiete als eigenständig anerkannt werden. Außerdem verschiebt sich die Grenze zwischen paläarktischer und nearktischer Region.

So definieren die Forscher nun 20 zoogeografische Regionen, die in elf größere Reiche zusammengefasst werden. Die Trennlinie zwischen paläarktischem und nearktischem Reich verlagern sie in den nordamerikanischen Kontinent, weil die Beziehung vieler arktischer Arten in Nordamerika sehr eng zu denen in Zentral- und Ostsibirien ist. Die Übergangsregion zwischen Nord- und Südamerika definieren sie als eigenes "panamaisches" Reich, ebenso wie ein "sino-japanisches" und ein "ozeanisches" Reich, das sie damit aus dem "australischen" von Wallace ausgliedern. Ähnliches hatte unter anderem bereits Miklos Udvardy in den 1970er Jahren vorgeschlagen.

Schlitzrüssler
© Jose Nunez-Mino / www.thelastsurvivors.org
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Anhand der Abstammungsgeschichte der Tiergruppen in den ausgewiesenen Reichen ermittelten die Forscher, wie eigenständig sich die Fauna dort entwickelte und wie eng die Beziehungen zu den Nachbargebieten ist. Wenig überraschend zeigt sich, dass Madagaskar, Australien und Südamerika hier am ausgeprägtesten ihren eigenen Weg gegangen sind – die lange Isolation im Vergleich zu den Nordkontinenten spiegelt sich darin wider. Ein weiterer Aspekt sei die größere klimatische Stabilität, die auch evolutionsbiologisch alten Gruppen das Überleben ermöglichte, während auf der Nordhalbkugel stärker schwankende Bedingungen wie die Eiszeiten ihre Opfer forderten.

Wenn weitere Daten zur Verbreitung anderer Tier- oder auch Pflanzengruppen integriert werden, könnten sich natürlich die Grenzen oder auch die Beziehungen der Gebiete untereinander noch verschieben, erklären die Wissenschaftler. Die neue Karte sei aber eine wichtige Grundlage für die ökologische, evolutionsbiologische und biogeografische Forschung und die Anwendung im Bereich von Arten- und Naturschutz.