Eine Hirnstruktur, mit der Gegenstände identifiziert werden, ist anscheinend bei Blinden und bei Sehenden gleich aufgebaut. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam um den Neurowissenschaftler Bradford Mahon von der Università di Trento im italienischen Rovereto. Die Studie stärkt damit Zweifel an der klassischen Sicht, derzufolge Aufbau und Funktionsweise dieser so genannten "ventralen Bahn" maßgeblich durch visuelle Sinnesdaten geprägt ist.

Aus früheren Untersuchungen war bekannt, dass visuell wahrgenommene Objekte in jeweils unterschiedlichen Bereichen Nervenzellen aktivieren, und zwar je nachdem ob es sich beim Gesehenen um ein lebendiges Wesen oder einen unbelebten Gegenstand handelt. Jetzt konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass von Geburt an Blinde zumindest in dieser Hinsicht dieselben Abschnitte der Bahn aktivieren wie Sehende. Das ist insofern überraschend, als man bislang davon ausging, dass deren genaue räumliche Position hauptsächlich aus Eigenschaften der neuronalen Bildverarbeitung resultiere.

Für ihren Versuch hatten die Forscher mittels funktioneller Magnetresonanztomografie die Hirnaktivität ihrer Probanden gemessen, während diesen die Namen von Gegenständen genannt wurden. Der Gruppe sehender Versuchsteilnehmer wurden anschließend außerdem Bilder der Gegenstände gezeigt.

Dass die Frage, welches der Kortexareale vorrangig Aktivierung zeigt, unabhängig von der Art des Sinnesreizes ist, hatte schon die Auswertung der Daten der sehenden Gruppe ergeben: Auch hier machte es keinen Unterschied, ob sie von den Objekten lediglich hörten oder sie auch sahen.

Der ventrale Pfad gehört zu zwei zentralen Bahnen im Kortex, die die Verarbeitung von Sinnesdaten dominieren: Während er, vereinfacht gesagt, Informationen darüber liefert, "was" wahrgenommen wurde, beschäftigt sich der so genannte dorsale Pfad damit, "wo" es sich befindet. Startpunkt beider Bahnen ist nach klassischer Sicht das primäre visuelle Areal (V1). Die dorsale Bahn verläuft in Richtung Scheitel, die ventrale Bahn endet oberhalb der Ohren im Temporal- und Okzipitallappen. Die Erkenntnisse von Mahon und Team legen nun nahe, dass Querverbindungen zwischen den Bahnen selbst sowie zu anderen Kortexarealen stärker berücksichtigt werden müssen. (jd)