Die Großhirnrinde des Menschen verfügt über eine Vielzahl spezialisierter Gebiete, die zum Beispiel für das Sehen, Hören oder Tasten zuständig sind. Ganz so eindeutig scheint die Aufgabenverteilung in höheren Arealen aber nicht zu sein: Wie ein Team um Amir Amedi von der Hebrew University in Jerusalem herausfand, werden zum Beispiel gleiche Hirnregionen aktiv, wenn blinden und sehenden Menschen Texte lesen – die einen visuell, die anderen per Braille-Schrift.

Amedi und seine Kollegen untersuchten acht von Geburt an blinde Probanden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Während ihre Fingerkuppen Texte und sinnlose Buchstabenreihen in Blindenschrift ertasteten, zeichneten die Forscher ihre Hirnaktivität auf. Die Ergebnisse verglichen sie anschließend mit den Aktivitätsmustern von normale sehenden Lesern.

Überraschenderweise fiel die Hirnaktivität bei beiden Gruppen weit gehend gleich aus! Blinde nutzten zum Entziffern der Braille-Schrift nicht etwa nur Areale, die für den Tastsinn zuständig sind, sondern wie die Sehenden auch das visuelle Wortformareal. Beim Erfassen sinnloser Buchstabenkombinationen war es dagegen nicht aktiv.

Die Ergebnisse lassen die Forscher vermuten, dass sensorische Areale des Gehirns nicht unbedingt nur auf Sinneseindrücke einer Art reagieren. Je nach Aufgabe können etwa beim Lesen unterschiedliche Modalitäten von der gleichen Region verarbeitet werden. (bw)