Ein paar Naturgesetze scheinen unumstößlich. Nehmen wir Sex: Wohl nirgendwo im Tierreich verzichtet man grundlos darauf, zwischen möglichst vielen in Frage kommenden Partnern wählen zu können. Eine große Auswahl freut erstmal sogar solche Spezies, die nach ihrer Entscheidung dann lange monogam dem einmal Auserwählten treu bleiben. Und genau deshalb fand Michael Tobler von der Texas A&M University in College Station ein Grüppchen von Zahnkärpflingen so spannend, die er in einem kleinen Flüsschen in Mexiko beobachten konnte. Denn hier schwimmen zwei Vertreter ein und derselben kleinen Fischart Poecilia mexicana zwar durchaus in gegenseitiger Reichweite und unmittelbarer Nachbarschaft, aber völlig ohne Techtelmechtel ständig aneinander vorbei. Sex zwischen der Gruppe A und B wäre zwar durchaus drin – findet aber seit derart geraumer Zeit nicht statt, dass sich die theoretisch noch paarungsfähigen Grüppchen schon zu ziemlich gut unterscheidbaren Spezialisten entwickelt haben. Ein Grund für den Verzicht: Fehlanzeige.

Im Höhlengewässer: Ans Dunkle angepasste Fische
© M. Tobler
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernIm Höhlengewässer: Ans Dunkle angepasste Fische
Hier entstehen gerade aus einer Art zwei, erkannte Tobler. Und das, obwohl nicht die normalen Mechanismen wirken, die klassischerweise einer Artbildung oder Speziation vorausgehen. Etwa die "geografische Isolation": Unter ihrem Einfluss werden typischerweise aus einer Art zwei, wenn eine Population räumlich durch höhere Umstände – Kontinentalverschiebung, Dauervereisung oder vielleicht ein katastrophaler Vulkanausbruch – in zwei Untergruppen getrennt wird, die sich dann längere Zeit nur untereinander paaren können und daher unabhängig voneinander entwickeln. Treffen diese Populationen dann einmal nach längerer Zeit wieder aufeinander, sind sie schon zu unterschiedlich, um miteinander Nachkommen zu produzieren – zwei neue Arten sind entstanden.

Genau dies findet im mexikanischen Quelllauf von Cueva del Azufre aber nicht statt, das Tobler sich als Untersuchungsgebiet erwählt hatte. Hier schwimmen lebendgebärende P.-mexicana- Zahnkärpflinge einerseits gerne an der hellen Oberfläche des flachen Gewässers, andererseits am Grund und in den Nischen der kleinen dunklen Unterwasserhöhle, aus der sich der Flusslauf speist. Von der Höhle zur Oberfläche schwimmt es sich dabei schnell und leicht – in der Theorie. Denn in der Praxis bleiben sowohl Höhlen- als auch Oberflächenwasserbewohner offenbar seit geraumer Zeit ihrem Stammhabitat sehr treu. Dort entwickelten sie im Laufe der Zeit sogar Spezialanpassungen an ihre Umgebung: Die Dunkelliebhaber haben im Laufe der Evolution die Größe und Leistungsstärke ihrer Augen reduziert und bildeten stattdessen besonders gut funktionierende Druck- und Strömungssensoren aus, mit denen sie sich in ihrer unbeleuchteten Umgebung orientieren.

Zwei Sorten Fisch
© M. Tobler
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernZwei Sorten Fisch
Irgendetwas muss demnach die Population lange genug in dunkel- und helllebende Vertreter getrennt haben, um diese Entwicklung anzustoßen, meinte Tobler – und präsentiert nun Belostoma als Hauptverantwortlichen: blutsaugende Vertreter von großen Wasserwanzen, die sowohl in den Höhleneingängen als auch außerhalb jagen. Die Insekten attackieren dabei allerlei kleine Fische, bohren sie mit ihrem Saugrüssel an und traktieren die Flossenträger durch wiederholte Angriffe auch schon einmal bis zum Tod. Dabei sind sie als wählerische Jäger bekannt, die sich auf bestimmte Fischgrößen, -arten oder sogar -geschlechter spezialisieren können.

Der Wissenschaftler testet nun, ob die Wanzen eher höhlen- oder helligkeitsliebende Zahnkärpflinge besonders gerne anzapfen – und beantwortet die Frage mit einem "sowohl als auch". Tatsächlich ergaben die Arenaexperimente, dass Wasserwanzen in der dunklen Höhle besonders die im Normalfall im Hellen lebenden Fische anstachen, umgekehrt im Hellen aber fast ausschließlich Höhlenbewohner, wenn sie die Wahl hatten. Tobler sieht die Wasserwanzen deshalb als Regulator der fortschreitenden Artbildung: die Insektenräuber töten Fische häufiger, die das ihnen vertraute Habitat verlassen. Die Ursache, so der Forscher, dürfte profan sein: In vertrauter Umgebung sorgen die an diese Umwelt angepassten Sinne der Fische einfach dafür, einer Attacke leichter entkommen zu können.

Feind der Fische: Eine <i>Belostoma</i>-Wasserwanze
© M. Tobler
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernFeind der Fische: Eine Belostoma-Wasserwanze
Fazit von Tobler: Seit vielen Generationen dürfte, wegen der selektiven Wasserwanzenattacken auf aus ihrer vertrauten Umgebung ausgebrochene Fische, seltener eine Paarung der beiden verschieden angepassten Fischmorphen untereinander vorgekommen sein. Wasserwanzen können also soziale Barrieren zwischen unterschiedlich sensorisch ausgestatteten Artgenossen bilden – eine besondere Form der geografischen Isolation auf dem Weg zur Artbildung.

Das allerdings kann bislang nur erklären, warum die beiden Formen heute nur sehr unwillig zueinander finden – nicht aber, wie die gesamte Situation eigentlich einmal entstanden ist. Schließlich bildeten sich Hell- und Dunkelformen ja aus einer Stammvariante, die anfangs in Höhle und Helligkeit gleich häufig von Wanzen erwischt worden sein dürfte. Druck durch Räuber sei eben bestimmt nicht der einzige Grund für die Einnischung und Spezialisierung gewesen, meint der Forscher: Auch die unterschiedliche Verfügbarkeit von Futter und Konkurrenz zwischen Artgenossen und anderen Habitatmitbewohnern hatten sicher eine Rolle gespielt. Das genau zu untersuchen sei die kommende Herausforderung, so Tobler.