Noch in den 1990er Jahren lebte der Rotkehlanolis, eine grüne Echsenart mit markantem, rotem Kehlsack, allein im Süden der USA, seit einiger Zeit dringt jedoch eine verwandte Echse, der Bahamaanolis, in dessen angestammtes Revier. Diese Situation nutzen 1995 Forscher der University of Texas in Austin für ein Evolutionsexperiment: Sie siedelten den Neuankömmling gezielt auf drei kleinen Inseln an, die zuvor allein der Rotkehlanolis bewohnte. Seitdem beobachten sie, wie sich die Konkurrenz der beiden Echsenarten auf die Tiere auswirkt – ein Experiment, das ihnen die Erforschung von Evolutionsvorgängen unter kontrollierten Bedingungen und in Echtzeit ermöglichen soll.

Die beiden Echsenarten gehören zur selben Gattung und gleichen sich in ihren Ansprüchen. Sie stehen deshalb in Konkurrenz um Futter und Lebensraum zueinander. Schon wenige Monate nach dem Ansiedeln der neuen Echsenart Anolis sagrei stellten die Forscher um Yoel Stuart fest, dass sich die heimischen Anolis carolinensis vermehrt in den höheren Baumregionen aufhielten. Zuvor hatten die Reptilien auf allen Teilen des Baumes gelebt. Und nun zeigte sich sogar: Die Füße der einheimischen Anolis haben sich an die höheren Kletteranforderungen angepasst. Die Haftsohlen an ihren Füßen wurden größer und erleichtern ihnen so vermutlich den Halt an dünnen Ästen in Baumwipfeln. Damit haben die Tiere innerhalb von nur zehn Jahren, also in 20 Echsengenerationen, merklich auf die veränderte Situation reagiert.

Fuß eines Rotkehlanolis
© Yoel Stuart, University of Texas at Austin
(Ausschnitt)
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Jene Inseln, die die Bahamaanolis auch nach 15 Jahren nicht erreicht hatten, dienten den Forschern als Kontrollgruppe. Der Vergleich zeigte, dass sich nur die Füße derjenigen Echsen verändert hatten, die mit der Konkurrenz durch die neue Echsenart konfrontiert waren. Es scheint also keinen zufälligen umweltbedingten Trend zu größeren Füßen zu geben.

Daher dürfte es sich nach Meinung der Forscher mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen typischen evolutionären Selektionsprozess handeln: Tiere mit Erbanlagen für größere Füße haben in der Konkurrenzsituation eine höhere Überlebenschance und setzen sich infolgedessen in der Population durch, so dass mit der Zeit die Größe des Körperteils immer weiter zunimmt.

Dass es sich tatsächlich um eine solche dauerhafte genetische Veränderung handelte, belegte die Gegenprobe: Die Forscher ließen Anolisnachwuchs von Inseln mit und ohne Konkurrenz in einem neutralen Umfeld schlüpfen und aufwachsen. Auch hier offenbarten nur diejenigen Tiere die charakteristischen, größeren Haftpolster an ihren Füßen, deren Vorfahren sich den Lebensraum mit dem Konkurrenten hatten teilen müssen – und von denen sie die Anlagen für den großen Fuß erbten. Welche genetischen Veränderungen für das Fußwachstum ausschlaggebend sind, haben die Wissenschaftler allerdings noch nicht ermittelt.