Herr Dr. Helbig – Jungen orientieren sich an Männern. In der Schule haben sie es aber meist mit Lehrerinnen zu tun: ein Grund dafür, dass Mädchen im Schnitt bessere Noten mit nach Hause bringen?

Marcel Helbig: Nein. In der aktuell durchgeführten Studie zeigt sich weder, dass Jungen von männlichen Lehrern profitieren, noch Mädchen von Lehrerinnen. Diese Aussage bezieht sich sowohl auf die Kompetenzentwicklung als auch auf die Notengebung oder die Wahrscheinlichkeit, für das Gymnasium empfohlen zu werden. Zudem ist es auch nicht so, dass Jungen männliche Lehrer als Vorbilder nennen, wenn man sie fragt.

Was genau haben Sie untersucht?

Marcel Helbig
© David Ausserhofer
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Marcel Helbig: In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind eine Reihe von Studien erschienen, die analysiert haben, ob das Lehrergeschlecht die Schulleistungen von Mädchen und Jungen beeinflusst. In der nun vorliegenden Studie habe ich alle mir bekannten Arbeiten – 42 Studien mit insgesamt 2,4 Millionen Schülerinnen und Schülern aus 41 Ländern – dahingehend zusammengefasst, ob hier ein Zusammenhang vorliegt.

Das Ergebnis: Keine Studie zeigt, dass Jungen bei männlichen Lehrern bessere Kompetenzen hätten, bessere Noten erhalten würden oder eher für höhere weiterführende Schulen empfohlen würden! Zudem habe ich zusammengefasst, wie sich die Kompetenzen und Notenunterschiede zwischen Mädchen und Jungen in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

Spielt auch das Alter keine Rolle? Grundschülern könnten ja männliche Lehrkräfte weniger fehlen als etwa pubertierenden Halbstarken in der Mittelstufe …

Marcel Helbig: Ich habe nicht untersucht, ob Jungen männliche Lehrer fehlen, sondern nur, ob das Lehrergeschlecht wichtig ist für ihren Schulerfolg. Dies zeigte sich jedoch auch bei Schülern der Sekundarstufe in keiner der insgesamt 16 Studien zu dieser Altersgruppe.

Waren die Jungen früher besser?

Marcel Helbig: Sowohl die Unterschiede der verbalen als auch der mathematischen Kompetenzen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert. Zudem ist festzuhalten, dass Mädchen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bessere Noten erhielten. Was sich jedoch verändert hat, ist, dass Mädchen heute ihre besseren Noten auch in höhere Bildungsabschlüsse umsetzen. Dies hat vor allem mit der geänderten Rolle der Frau in der Gesellschaft zu tun. Es war in den 1950er und 1960er Jahren einfach nicht sinnvoll für eine Frau, das Abitur zu erwerben, wenn dann die drei Ks – Kinder, Küche und Kirche – ihre Rolle beschrieben haben. Seit Frauen am Arbeitsmarkt partizipieren können und nicht mehr auf ihre Mutterrolle festgelegt sind, ist es für sie auch sinnvoll, höhere Bildung anzustreben. Die schulischen Leistungen dafür brachten sie aber schon immer mit.

Ist der Befund, dass Mädchen gemeinhin die besseren Schüler sind, wirklich gut begründet?

Marcel Helbig: Das kommt auf den Blickwinkel an. Mädchen haben höhere verbale Kompetenzen (Lesen und Schreiben) und erhalten bei gleichen Kompetenzen in allen Fächern bessere Noten als Jungen. Und heute erhalten sie infolge ihrer besseren Noten eben auch die höheren Bildungsabschlüsse. Bei den mathematischen Kompetenzen hingegen sind im Allgemeinen die Jungen etwas besser. Ihr Vorsprung hier ist aber deutlich kleiner als ihr Rückstand bei den verbalen Kompetenzen.

Was entscheidet denn über den individuellen Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern – wenn die Frage, ob Lehrerin oder Lehrer, unerheblich ist?

Marcel Helbig: Da gibt es so vieles! In Bezug auf das Thema wäre die Frage wohl eher: Warum bekommen Schülerinnen bessere Noten als Schüler? Im Allgemeinen werden diese durch die kognitiven Kompetenzen und die Leistungsbereitschaft bestimmt. Um zu erklären, warum Schülerinnen bessere Noten bei gleichen kognitiven Kompetenzen erhalten, verweisen viele Studien darauf, dass dies durch die höhere Leistungsbereitschaft und ein besseres Arbeitsverhalten der Mädchen erklärt werden kann. Kontrolliert man also statistisch auf diese nichtkognitiven Kompetenzen, gibt es auch keinen Geschlechterunterschied bei der Notengebung mehr.

Gibt es so etwas wie eine "Lehrerpersönlichkeit" – Persönlichkeitsmerkmale, die Lehrenden dabei nützen, Kinder zum Lernen zu motivieren?

Marcel Helbig: Die gibt es mit Sicherheit. Doch dies habe ich in meiner Metaanalyse nicht untersucht!