Reichlich Staub hat China in den vergangenen Jahren im Weltall aufgewirbelt – zumindest metaphorisch: Praktisch aus dem Nichts ist es der Volksrepublik gelungen, ein bemanntes Raumfahrtprogramm auf die Beine zu stellen, das bislang mühelos jedes selbst gesetzte Ziel erfüllen konnte. Ein eigenes Satellitennavigationssystem namens Beidou weist seit vergangenem Dezember in Asien (und demnächst auch weltweit) den Weg – ein Zustand, von dem Europa mit seinem Galileo-Projekt nur träumen kann. Und auch das chinesische Mondprogramm schreitet zuverlässig voran: so zuverlässig, dass China nun richtig Staub aufwirbeln will.

Läuft alles glatt, dann könnte bereits am Wochenende "Chang'e 3" starten, Chinas dritte Mondsonde. Und die erste, die eine ganz besondere Fracht zum Erdtrabanten bringen soll: einen Rover. Das 140 Kilogramm schwere Gefährt, das äußerlich an den amerikanischen Marsrover "Opportunity" erinnert, soll mindestens 90 Tage lang über die Mondoberfläche fahren, Bodenproben analysieren, Bilder der Erde aufnehmen und Technologien testen, die China für die weitere Eroberung des Weltalls braucht. Vor allem aber soll der kleine Mondrover – der erste seit mehr als 40 Jahren – den Ruhm der Volksrepublik und seiner politischen Führung mehren.

Chinas Mondrover namens Jadehase
© China National Space Administration (CNSA)
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Chinas Moonrover bekommt auf alle Fälle schon eine Anerkennung für den nettesten Namen: Jadehase, chinesisch: Yutu. Das Gefährt soll die Mondoberfläche genauer in Augenschein nehmen und möglichst neue Bilder der Erde knipsen.

"Prestige ist eine wichtige Motivation hinter dem chinesischen Raumfahrtprogramm, aber es ist nicht die einzige und vielleicht nicht einmal die wichtigste", sagt Chen Lan, Herausgeber des Raumfahrtmagazins "Go Taikonauts". "Vielmehr glaubt China, dass es als Weltmacht komplexe Wissenschaft und Technologien beherrschen muss, da diese die Zukunft des Landes darstellen."

Chinesischer Traum

Chinas Staatspräsident Xi Jinping, seit etwa einem Jahr im Amt, hat dafür sogar einen Begriff geprägt: den "chinesischen Traum". Technischer Fortschritt, Modernisierung, aber auch eine Rückbesinnung auf sozialistische Werte sollen ein besseres Leben und eine bessere Gesellschaft ermöglichen. Die Raumfahrt spielt dabei eine wichtige Rolle – technisch, geopolitisch, vor allem aber symbolisch. Wer dieser Tage durch Peking spaziert, entdeckt auf den Plakaten, die allerorten für den "chinesischen Traum" werben, immer wieder Astronauten und Raketen. Auch das U-Bahn-Fernsehen mit seiner Mischung aus Nachrichten und Propaganda schwärmt von den Erfolgen in der Raumfahrt. Und selbst im Bordprogramm der staatlichen Fluglinien, in das regelmäßig Chinawerbefilmchen eingestreut werden, starten Raketen heroisch in den blauen Himmel – zwischen Videos von wehenden Fahnen und marschierenden Soldaten.

"Chang'e 3", benannt nach der gleichnamigen chinesischen Mondgöttin, soll diese Erfolgsgeschichte fortsetzen. Wenn das Raumschiff in den kommenden Tagen von der Weltraumbasis Xichang im Südwesten Chinas abhebt, kann es auf die Erfahrung seiner beiden sehr erfolgreichen Vorgängermissionen zurückgreifen: "Chang'e 1" startete im Oktober 2007 zum Mond, umkreiste den Himmelskörper in 200 Kilometer Höhe und machte dreidimensionale Aufnahmen. Vor allem aber erstellte das Raumfahrzeug die erste komplette Mikrowellenkarte des Mondes, die Aufschluss über die Temperaturverteilung an der Oberfläche gibt. Nach 494 Tagen krachte "Chang'e 1" planmäßig in den Mondstaub.

Die Nachfolgesonde ist dagegen noch immer aktiv: "Chang'e 2" zieht mittlerweile in mehr als 60 Millionen Kilometer Entfernung von der Erde ihre Runden. Zuvor hatte sie sich im Oktober 2010 auf direktem Weg dem Mond genähert und dort eine Umlaufbahn gewählt, die sie bis auf 15 Kilometer an die Oberfläche heranbrachte – eine Route, die nun auch "Chang'e 3" einschlagen soll. Chinas zweite Mondsonde machte hochaufgelöste Aufnahmen möglicher Landestellen und untersuchte deren Höhenprofil mit einem Laserstrahl. Nach getaner Arbeit durfte sie sich einem anderen Ziel zuwenden: dem Asteroiden Toutatis, den sie in 3,2 Kilometer Entfernung passierte.

"Chang'e 3" soll noch einmal komplizierter, noch einmal anspruchsvoller werden, dadurch aber auch schwerer: Etwa 3800 Kilogramm bringt die Sonde samt Landegerät und Rover auf die Waage – so viel, dass selbst die derzeit leistungsfähigste chinesische Rakete vom Typ "Langer Marsch 3B" modifiziert werden musste. Verrichtet sie ihre Aufgabe so zuverlässig wie gewohnt, wird "Chang'e 3" nach viertägigem Flug in eine Umlaufbahn um den Erdtrabanten einschwenken und die Flughöhe Stück für Stück reduzieren – bis zu den bereits bekannten 15 Kilometern.

Landung im Neuland

Dann beginnt für die Chinesen Neuland: Eine Landefähre soll sich, wie die Raumfahrtseite "Dragon in Space" berichtet, von "Chang'e 3" lösen, weiter absinken, in 100 Meter Höhe innehalten, schweben, das Terrain erkunden, automatisch Hindernissen ausweichen und schließlich aus vier Meter Höhe in den Mondstaub setzen: Es wäre Chinas erste kontrollierte Landung auf einem anderen Himmelskörper. Und es wäre ein weiterer Schritt heraus aus dem Schatten der großen Raumfahrtmächte USA und Russland. Im Hintergrund spielt aber noch ein anderer Aspekt eine Rolle: "China hat sein Raumfahrtprogramm auch gestartet, um neue Technologien zu entwickeln, Innovationen voranzubringen und so der Wirtschaft des Landes zum Durchbruch zu verhelfen", sagt Chen Lan.

Für die neuen Technologien ist bei der aktuellen Mondmission vor allem "Yutu" zuständig, das Roboterfahrzeug. Der "Jadehase" (oder auch das "Jadekaninchen", der chinesische Begriff ist hier nicht eindeutig) gilt in der asiatischen Mythologie als ständiger Begleiter der Mondgöttin. Bei "Chang'e 3" geht "Yutu" allerdings seine eigenen Wege: Bis zu zehn Kilometer soll der Rover während der 90-tägigen Ausfahrt zurücklegen, maximal 0,2 Kilometer pro Stunde wird dabei die Tachonadel anzeigen. Steigungen bis zu 30 Grad sollen kein Problem darstellen. Die nötige Energie bezieht das 140 Kilogramm schwere Gefährt aus seinen Solarzellen und aus einer Radionuklidbatterie: Darin wird die Wärme, die beim Zerfall eines radioaktiven Isotops entsteht, in Strom verwandelt.

Chang'e 1 – die erste Mondfähre Chinas
© NASA
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 Bild vergrößernChang'e 1
Bisher hat China zwei Mondsonden ins All geschickt: Chang'e 1 und 2. Nun folgt das ambitionierteste Vorhaben: die Landung eines Mondrovers, der direkt auf der Oberfläche arbeiten soll.

"Mehr als 80 Prozent der Technologie, die bei dieser Mission zum Einsatz kommt, ist neu", sagt Li Benzheng, stellvertretender Leiter des chinesischen Mondprogramms. Unter die Novitäten fallen auch die meisten wissenschaftlichen Instrumente, die "Yutu" mit sich herumschleppen wird. Unter anderem soll ein Bodenradar tief ins Innere der Regenbogenbucht blicken, die sich die chinesischen Missionsplaner als Landestelle ausgesucht haben. Hier, am nordwestlichen Rand des riesigen Mare Imbrium, überlappen sich zwei Einschlagkrater. Material aus den Tiefen des Mondes wurde herausgeschleudert und liegt nun auf dem Kraterboden bereit zur Analyse.

Dafür wird "Yutus" Roboterarm zuständig sein, dessen Spektrometer die Zusammensetzung der Felsbrocken untersuchen kann. Ergänzt werden die wissenschaftlichen Instrumente von einem optischen Teleskop, mit dem sich Sterne und Galaxien ohne störende Atmosphäre beobachten lassen. Angeblich ist auch eine Ultraviolettkamera für neue Ansichten der Erde an Bord.

"All das macht 'Chang'e 3' zu einer ziemlich fortschrittlichen Mission – ganz besonders für eine erste Landung", sagt Morris Jones, ein langjähriger Kenner der chinesischen Raumfahrtszene. "Aber der Flug soll schließlich auch ein Test für höhere Aufgaben sein." Insbesondere der vierbeinigen Landefähre könnte eine große Zukunft bevorstehen: Sie ist ähnlich konstruiert wie ein Pick-up-Truck, auf dessen Ladefläche alle möglichen Dinge transportiert werden können. Bei "Chang'e 3" (und wahrscheinlich auch bei "Chang'e 4") ist das ein Rover. Bei der fünften und sechsten Mission könnte es – so die bisherigen Pläne – eine Raketenstufe sein, die Bodenproben vom Mond zur Erde bringen soll. Angepeilter Starttermin: spätestens Ende des Jahrzehnts.

Fernziel: eine bemannte Mondmission?

Außerdem ist es offenbar kein Zufall, dass die Landefähre von "Chang'e 3" dem "Eagle" ähnelt, mit dem einst die Crew von "Apollo 11" auf dem Mond gelandet ist: "Wenn man das aktuelle Raumfahrzeug vergrößert, wird daraus eine Fähre für Astronauten", sagt Chen Lan. Ob China wirklich eine bemannte Mondlandung anstrebt, ist indes unklar; offizielle Dokumente sprechen bislang lediglich von "Studien", die in diese Richtung gehen sollen.

Schließlich ist da noch ein anderes unerreichtes Ziel: Der Mars ist nach wie vor ein weißer Fleck auf der Karte mit Chinas Raumfahrterfolgen. Der erste Versuch, huckepack mit der russischen Marssonde "Phobos-Grunt", endete vor zwei Jahren in einer niedrigen Umlaufbahn um die Erde. Dort blieb das Mutterschiff auf Grund eines technischen Problems hängen. Für die chinesischen Machthaber war das ein Rückschlag, der zum Glück auf die russischen Partner abgeschoben werden konnte. Inzwischen schmerzt er allerdings noch mehr: Anfang November gelang es dem Erzrivalen Indien, mit dem sich China einen Kampf um die All-Macht in Asien liefert, seine erste Marssonde in Richtung des Roten Planeten zu schicken. Umgehend warben Chinas Staatsmedien für verstärkte Investitionen ins eigene Raumfahrtprogramm – und nicht in Bildung oder soziale Sicherheit.

Für Morris Jones war es dennoch eine eher symbolische Niederlage. "Zwischen den beiden Staaten gibt es sicherlich eine Art Wettlauf ins All, doch derzeit liegt China weit vorne – mindestens ein Jahrzehnt", sagt der Raumfahrtexperte. "Chang'e 3" werde diesen Abstand nur noch vergrößern. Sofern die Sonde in einigen Tagen tatsächlich Staub aufwirbelt.