Einst war der Baumhummer (Dryococelus australis) auf der australischen Insel Lord Howe so häufig, dass ihn die Siedler als Köder für den Fischfang auslegten. Doch 1918 sank der Frachter "Makambo" vor der Küste des pazifischen Eilands, und Ratten retteten sich ans Ufer. Mangels natürlicher Fressfeinde vermehrten sie sich so erfolgreich, dass sie Lord Howe bald fast völlig überrannten: Fünf Vogel- und mindestens 13 Insektenarten starben dadurch aus. Unter den vermeintlichen Opfern befand sich auch der Baumhummer, der zu den schwersten flugunfähigen Insekten der Erde gehört. Zumindest dachte man das lange, bis Kletterer 40 Jahre später Überreste auf einem Felsen im Meer entdeckten, die auf diese Gespenstschrecken hätten passen können. Doch wieder geschah über Jahrzehnte nichts. Erst 2001 machte sich erneut eine Suchexpedition erneut zu Ball's Pyramid auf. Tatsächlich hatten dort einige Baumhummer auf einer winzigen Gesteinsterrasse mit Hilfe ein paar weniger Büsche überlebt.

Danach folgte eines der erfolgreichsten Artenschutzprojekte der Welt: Hunderte Baumhummer wurden im Zoo von Melbourne und in anderen Einrichtungen nachgezüchtet; das rettete das Insekt. Die Schrecken vermehren sich sogar so gut, dass es Pläne gibt, sie auf Lord Howe wieder anzusiedeln – sobald die Ratten dort ausgerottet wurden (worüber die Insulaner allerdings heftig streiten). Doch handelt es sich bei dem Baumhummer von Ball's Pyramid tatsächlich um die gleiche Art, die vor einem Jahrhundert auf Lord Howe ausstarb? Auch in diesem Fall gibt es große Diskussionen, denn die Museumsexemplare von Lord Howe unterscheiden sich deutlich von lebenden Exemplaren, wie Alexander Mikheyev vom Okinawa Institute of Science and Technology und sein Team in "Current Biology" ausführen: Die Kerfe sind eher braun statt schwarz, massiger, haben kräftigere Beine und weisen an ihrem Hinterleib eine abweichende Anatomie auf.

Vergleich von Museumsexemplaren und Baumhummern von Ball's Pyramid
© You Ning Su, CSIRO
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVergleich von Museumsexemplaren und Tieren von Ball's Pyramid
Optisch unterschieden sich die Tiere aus dem Museum und von Ball's Pyramid deutlich. Doch eine Genanalyse belegt: Bei den Exemplaren handelt es sich um Angehörige der gleichen Art.

Während sich die Farbdifferenzen noch leicht erklären lassen – die Museumsexemplare hatten wahrscheinlich an Farbstoff verloren –, fallen die körperlichen Abweichungen schwerer ins Gewicht. Waren sie nur Anpassungen an den eng begrenzten Lebensraum auf Ball's Pyramid – oder doch Anzeichen einer eigenständigen Spezies? Mikheyev und Co untersuchten deshalb das Genom und die Mitochondrien-DNA von Tieren aus den Sammlungen und der Nachzuchten. Das Ergebnis war eindeutig: Die genetischen Unterschiede betrugen weniger als ein Prozent und lagen damit absolut im Rahmen, den man innerhalb einer Art erwarten kann. Bei den Tieren von Ball's Pyramid handelt es sich eindeutig um den verschollenen Baumhummer von Lord Howe, der es irgendwie über das Meer geschafft hatte.

Die Studie brachte zudem noch eine große Überraschung, denn das Erbgut der Insekten ist gewaltig: Es umfasst 4,2 Gigabasenpaare und damit mehr als unser Genom, das 3,3 Gigabasenpaare aufweist. Es scheint, als habe es sich mehr als einmal dupliziert, so dass es mittlerweile sechs Kopien von jedem Chromosom besitzt, so die Wissenschaftler. Das trägt dazu bei, dass sie evolutionär einzigartig sind. Vor ein paar Jahren hatten Entomologen bereits gezeigt, dass die Baumhummer überhaupt nichts mit ähnlich aussehenden Schrecken auf Neuguinea zu tun haben. Andere lebende Verwandte sind gegenwärtig nicht bekannt.

Dank der Nachzuchten sehen die Baumhummer einer besseren Zukunft entgegen. Und 2017 konnten sich auch die Bewohner von Lord Howe endgültig einigen, dass ihre Heimat von Ratten (und Mäusen) befreit wird. Ab 2018 sollen die eingeschleppten Nager bekämpft werden. Danach steht einer glorreichen Rückkehr der "Zigarren auf sechs Beinen" nichts mehr im Weg.