Klangvolle Namen – zumindest in Sachen Schönheit und Ästhetik – führten Vasily Klucharev und Kollegen da ins Feld: Mailand, Paris, eine Design-Schule, gar ein französisches "Institut de Beauté". Die Attraktivität von Gesichtern sei in den beiden europäischen Style-Metropolen ermittelt worden, per großer Umfrage der genannten Institutionen. So erzählten es die Forscher ihren Probanden. Die begaben sich daraufhin in die Röhre des Hirnscanners und stellten ihr Geschmacksurteil zum Vergleich.

Und saßen dabei einer Lügengeschichte auf. Denn tatsächlich hatte es eine solche Umfrage nie gegeben. Die Story hatten die Forscher eigens erfunden, um die Versuchspersonen mit einer gewichtigen Mehrheitsmeinung zu konfrontieren. Würden sie sich daraufhin am Urteil der Masse orientieren? Und wichtiger noch: Wenn ja, wäre das in ihren Gehirnen ablesbar?

Das Experiment begann: Die Probanden bekamen insgesamt 222 Gesichter zu sehen, deren Attraktivität sie auf einer Skala von 1 bis 8 bewerten sollten. Nach erfolgter Begutachtung eines Fotos erfuhren sie, wie die angebliche "Mehrheit" geurteilt hatte – und wurden von den Forschern ein zweites Mal in die Irre geführt: Das Diktat der Masse stammte in Wirklichkeit aus einem Zufallsgenerator.

Eine Wirkung hatte es trotzdem: Wichen eigene und Mehrheitsmeinung voneinander ab, regte sich während der funktionellen Magnetresonanztomografie ein Hirnareal im Stirnlappen, die so genannte rostrale zinguläre Zone (RCZ). Deren Signal wirkt wie der hässliche "Fehler!"-Brummton in einer Quizshow. Offenbar sagte es den Probanden, dass sie mit ihrer Begutachtung in irgendeiner Form danebengelegen hatten.

Obwohl es eigentlich in Attraktivitätsfragen naturgemäß kein Richtig oder Falsch gibt, war auch das entsprechende "Richtig!"-Glöckchen vertreten, in Form von Aktivität im Nucleus accumbens (NAc). Diese tief liegende Hirnregion ist Teil des neuronalen Belohnungssystems: Wenn die Probanden mit der Mehrheit übereinstimmten, signalisierte der Nucleus accumbens Zufriedenheit.

Dass die beiden Hirnregionen diese Funktion haben, sei keineswegs unbekannt, erklärt Studienleiter Klucharev. Nur kannte man sie bisher vor allem aus allgemeinen Problemlöse-Situationen, so der Wissenschaftler vom Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour in Nijmegen.
RCZ und NAc im Gehirn
© Vasily Klucharev
(Ausschnitt)
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Dann gibt beispielsweise das Brummton-Signal der RCZ den Anstoß, die bisherige Einschätzung zu überdenken, weil sich eine Prognose als falsch herausstellte. Als "Bestärkendes Lernen" bezeichnen Wissenschaftler diese Art der Fehlerkorrektur.

Offenbar wirke die Konfrontation mit einer Mehrheitsmeinung genau gleich. Je stärker die Reaktion in der RCZ und je schwächer das Belohnungssignal, desto eher passten die Probanden im zweiten Bewertungsdurchlauf ihre eigene Meinung an das vorherige Urteil der vermeintlichen Masse an. Die Präferenzen der Probanden waren unbewusst in eine "sozialkonforme" Richtung gedrängt worden.

Aus ihrer eigenen Sicht hatten die Versuchspersonen stets nur ihre eigene Meinung abgegeben, beim Blick ins Hirn offenbart die Beteiligung der beiden Areale jedoch: In gewisser Weise ist damit immer auch ein Rätselraten verbunden. Jeder Proband schien immer auch getippt zu haben, was die "anderen" sagen würden.

Letztendlich werde so verständlich, warum wir uns oft automatisch an den Massengeschmack anpassten, sagt Klucharev. Der eigentlich eher unspezifische Mechanismus des Bestärkenden Lernens sei eben nicht nur wichtig für die allgemeine Fehlerkontrolle. "Er bestärkt auch soziale Konformität, indem das Gehirn den wahrscheinlich schlimmsten sozialen Fehler signalisiert – nämlich sich zu sehr von allen anderen zu unterscheiden."