Genetiker wissen über Sex zwischen Neandertalern und modernen Menschen heute viel mehr als noch vor wenigen Jahren: Sie verfügen über ein ständig wachsendes Archiv ganzer entzifferter Gensequenzen einzelner Menschen aus aller Welt und können daher immer besser vergleichen, wie das Erbgut sich in der Geschichte der Menschheit geformt, gemischt und verändert hat. Gleich zwei neue Vorveröffentlichungen konnten so nun einige Details über die Vermischung von Homo sapiens sapiens und H. neanderthalensis nachvollziehen; eine Vermischung, die überall dort vorkam, wo die aus Afrika vordringende moderne Art auf ihre alteingesessenen Verwandten traf. Bestätigt wird nun zum Beispiel, dass in den Genen der Ostasiaten und auch im männlichen Geschlechtschromosom insgesamt mehr an Neandertalererbe steckt – und auch, wieso die Gene der ausgestorbenen Menschen-Unterart in unserem heutigen Erbgut nach und nach verschwinden.

Natürlich verringern sich typische alte Gene im modernen Genom schon deswegen, weil sie nach dem Aussterben der Neandertaler nicht mehr häufig nachgeliefert werden – seit vielen Jahrtausenden paaren sich auch die Nachkommen der Mischlinge eben nur noch mit Homo sapiens sapiens. Die Analysen von Graham Coop von der University of California in Davis bestätigen nun aber zudem, was andere zuvor schon auf einer dünneren Datenbasis mutmaßten: Die Neandertalergene scheinen einem negativen Selektionsdruck zu unterliegen – sprich, sie haben offenbar eher Nachteile und verschwinden im Lauf der Evolution noch schneller, als ohnehin zu vermuten wäre. Woran könnte das liegen?

Naheliegende Ursachen wurden bereits oft diskutiert. So könnten die ersten Mischlingsnachkommen etwa eine geringere Fruchtbarkeit gehabt haben, fasst das dänisch-amerikanische Forscherduo Kelley Harris und Rasmus Nielsen nach seinen Analysen zusammen. Andere hatten zuvor auch schon vermutet, dass kulturelle Normen der beiden Unterarten gegen eine häufige Verpaarung sprachen. Coop und Co tippen dagegen eher auf eine andere Ursache: Sie glauben, dass die deutlich unterschiedlichen Populationsgrößen von Neandertalern und modernen Menschen eine Rolle gespielt haben. In den sehr kleinen Gruppen – in denen die Neandertaler, nicht aber die modernen Menschen über Jahrhundertausende gelebt hatten – sorgten evolutionäre Vorgänge wie eine stärkere genetische Drift für langsamere Selektionsprozesse. Das führt dazu, dass sich weniger optimale, nicht grundsätzlich schädliche Genvarianten im Erbgut länger halten als in großen Populationsgruppen. Damit hätten die Neandertaler dann statistisch ein etwas schwächeres Set von Genvarianten in die gemeinsamen Nachkommenschaft getragen – das dann schneller herausselektiert wurde.

Spannend finden die Forscher die unterschiedliche Verteilung der Neandertalergene im Erbgut der heute lebenden Menschen – und zwar sowohl in genetischer als auch in geografischer Hinsicht. Fast ganz fehlen diese logischerweise bei Afrikanern, deren Vorfahren mit der euro-asiatischen Unterart nie in Kontakt kamen. Warum im Genom von Ostasiaten heute mehr Neandertalergene zu finden sind, ist den Forschern noch immer nicht ganz klar – die neuen Analysen bestätigen dies aber eindeutig. Interpretationsbedürftig, so beide Wissenschaftlerteams übereinstimmend, ist dagegen die Beobachtung, dass im weiblichen X-Chromosom heute kaum Anteile der alten Neandertalergene zu finden sind. Natürlich stehen die Sequenzen des weiblichen Geschlechtschromosoms unter stärkerem Selektionsdruck als andere Chromosomen, von denen stets zwei Varianten vorliegen: Weniger optimale Genvarianten auf dem X-Chomosom können sich bei Männern schneller auswirken als solche auf autosomalen Genen, die im Notfall durch eine zweite Kopie ausbalanciert werden.

Es könnten demnach die männliche Mischlinge häufiger steril gewesen sein, spekulieren Harris und Nielsen – wobei andere Gründe ebenso denkbar seien. Eine dieser Möglichkeiten diskutiert Coops Team: Vielleicht brachten weibliche Neandertaler einst schon deutlich weniger ihrer weiblichen Gene in das Erbgut der Hybridnachkommen als männliche, was dann den Anteil in den X-Chromosomen von Anfang an klein gehalten hätte. Dies, so die Forscher, müsse aber durch genauere Analysen erst noch bestätigt werden.