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Neurowissenschaft

Das Gendermosaik im Gehirn

Sind die Gehirne von Männern und Frauen grundverschieden? Das wird jedenfalls oft behauptet. Ein Hirnforscherteam ist angetreten, diese These zu widerlegen.
Symbole weiblich / männlich

Das Gezerre um die Frage, ob es ein typisch weibliches und typisch männliches Gehirn gibt, führe in die Irre, das meinen jedenfalls Psychologen und Hirnforscher um Daphna Joel von der Universität Tel Aviv. Deutliche Unterschiede zeigten sich nur dann, wenn man einzelne Merkmale herauspicke. Aber im Ganzen betrachtet ergebe sich für jedes Gehirn ein einzigartiges Mosaik aus angeblich typisch männlichen und weiblichen Merkmalen.

Für ihre Arbeit haben die Wissenschaftler frühere Studien ausgewertet, in denen geschlechtsspezifische Unterschiede des menschlichen Gehirns gefunden worden waren, und deren statistische Verteilung analysiert. Dazu gehörten neben Kernspinaufnahmen von rund 1400 Gehirnen auch Daten verschiedener Verhaltensstudien.

Von zwei Gehirnkategorien – männlich/weiblich – zu sprechen mache nur Sinn, wenn es zum einen ausreichend Merkmale gebe, in denen sich Männer und Frauen kaum überschneiden, und zum anderen ein hoher Anteil der Gehirne ausschließlich männliche oder weibliche Merkmalsausprägungen zeige, so die Hypothese der Forscher.

Beides war jedoch nicht der Fall. Tatsächlich ließen sich die Merkmalsausprägungen bei Frauen und Männern nicht klar voneinander abgrenzen. Die Übergänge waren vielmehr fließend. Zudem zeigten nur weniger als acht Prozent der Gehirne bei allen untersuchten Merkmalen ausschließlich männliche oder weibliche Ausprägungen.

Vergleicht man beispielsweise die Größe von 116 verschiedenen Hirnregionen, ergeben sich ausgedehnte Überlappungen zwischen den Geschlechtern. Ein ähnliches Bild ergebe sich bei vermeintlich typisch männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, etwa beim Autofahren oder beim Medienkonsum. Zwar bestimme das Geschlecht grundsätzlich, ob ein Individuum mehr "männliche" oder "weibliche" Merkmale habe, die spezifische Kombination seiner Merkmalsausprägungen allerdings nicht, erklären die Forscher.

Larry Cahill, Neurowissenschaftler von der University of California, der an der Studie nicht beteiligt war, hält die Ergebnisse für wenig aussagekräftig. Es sei nicht überraschend, dass sich in Gehirnen "weibliche" und "männliche" anatomische Merkmale mischen. Das widerlege aber keineswegs, dass die Gehirne von Frauen und Männern unterschiedlich arbeiten, wendet er ein. "Es gibt unzählige wissenschaftliche Beweise, die den Einfluss des Geschlechts auf die Hirnfunktion belegen", sagte er gegenüber CBC, der staatlichen Rundfunkgesellschaft Kanadas.

48/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48/2015

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