Zum ersten Mal nach vielen Jahrhunderten betraten Menschen am 1. August 1817 den lange verschütteten Felsentempel Ramses' II. in Abu Simbel. Mehrere Anläufe hatten die Ausgräber gebraucht, bis vor genau 200 Jahren der Eingang des Bauwerks endlich frei lag. Zum Zeitpunkt seiner Wiederentdeckung vier Jahre zuvor war die Kultstätte mit ihren monumentalen Sitzfiguren vor dem Eingang noch unter einer gewaltigen Sanddüne begraben. Lediglich die Köpfe der Skulpturen ragten heraus.

Dabei hätte der Wiederentdecker von Abu Simbel, der aus Basel stammende Orientreisende Johann Ludwig Burckhardt, das weitgehend verschüttete Bauwerk beinahe übersehen. Sein erklärtes Ziel war ein legendärer Tempel, "von dem ich viele prächtige Beschreibungen gehört hatte", wie er später in seinem Reisebericht festhielt. Der ortskundige Einheimische, der ihn am 22. März 1813 dorthin geführt hatte, zeigte ihm bloß das kleinere der beiden Felsheiligtümer, die Pharao Ramses II. im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung dort hatte aus dem Berg herausschlagen lassen. Dessen Fassade mit sechs stehenden Kolossalfiguren lag frei, das Innere war zugänglich.

Kolosse unterm Sand

Mit der Untersuchung des der Ramses-Gemahlin Nefertari geweihten Tempels glaubte Burckhardt, den Ort erschöpfend erkundet zu haben. Da er auf dem Landweg angereist war, hatte er zu dem am Nil gelegenen Tempel über die geschilderte hohe Sandanwehung hinabsteigen müssen, die er für den Rückweg wieder erklimmen wollte. Doch "als ich mich glücklicherweise weiter hin nach Süden umsah, fiel mir das, was noch von vier ungeheuren Kolossalstatuen, die aus dem Felsen gehauen sind, sichtbar ist, in einer Entfernung von ungefähr 200 Schritt vom Tempel in die Augen … Der ganze Kopf sowie ein Teil der Brust und der Arme einer der Statuen ragen noch über die Oberfläche heraus, von der zunächst stehenden ist kaum noch irgend etwas sichtbar, da der Kopf abgebrochen und der Leib bis über die Schultern mit Sand bedeckt ist, von den beiden anderen sind nur noch die Mützen sichtbar."

Burckhardt mutmaßte, dass sich unter der Sandanwehung vier stehende Figuren befänden, und machte sich auch Gedanken über deren mögliche Größe, die er auf "65 bis 70 Fuß" schätzte. Und natürlich entwickelte er eine Vision von der Freilegung der Kultstätte: "Unterhalb derselben könnte, wie ich glaube, der Sand weggeschaufelt werden, man würde alsdann einen großen Tempel entdecken, dessen Eingang wahrscheinlich die Kolossalfiguren ebenso zur Verzierung dienen wie die sechs, welche zum benachbarten Isistempel gehören."

Der große Tempel vom gegenüberliegenden Flussufer gesehen – nach der Öffnung des Eingangs, aber noch teilweise vom Sand eingehüllt. Rechts unten der deutlich kleinere Tempel der Nefertari.
© aus Giovanni Belzoni: Narrative of the Operations and Recent Discoveries (…). John Murray, London 1820; mit frdl. Gen. von Joachim Willeitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAbu Simbel über den Nil gesehen
Der große Tempel vom gegenüberliegenden Flussufer aus gesehen – nach der Öffnung des Eingangs, aber noch teilweise vom Sand eingehüllt. Rechts unten der deutlich kleinere Tempel der Nefertari.

Burckhardt erlebte die Verwirklichung seines Traums nicht mehr, denn ohne seine Schweizer Heimat wiedergesehen zu haben, starb er in Kairo im Oktober 1817 an den Folgen einer Ruhrinfektion. Noch auf dem Sterbebett hatte er sich mit Henry Salt, dem damaligen britischen Generalkonsul in Ägypten, getroffen, um mit ihm seinen Nachlass zu regeln und ihm seine Aufzeichnungen zu übergeben. Dass bei vorangegangenen Treffen der beiden auch der verschüttete große Tempel von Abu Simbel zur Sprache gekommen ist, sollte entscheidend dazu beitragen, dass die Pläne zu dessen Freilegung rasch realisiert wurden.

Die Jagd auf Ägyptens Altertümer

Salt nämlich war ein Hauptakteur in der Jagd nach den archäologischen Schätzen des Landes, die ihren Anfang mit Napoleons Einmarsch in Ägypten nahm. Formell war Ägypten am Ende des 18. Jahrhunderts Bestandteil des Osmanischen Reichs, doch die Stämme im Niltal und den angrenzenden Wüsten konnten eine von der Istanbuler Zentralregierung weitgehend losgelöste Politik betreiben. Diese Schwäche wollte Napoleon nutzen, um von Nordafrika aus den britischen Mittelmeer- und Überseehandel zu torpedieren. Militärisch war der Ägyptenfeldzug ein Desaster, da gleich zu Beginn der Unternehmung die französische Flotte in der Seeschlacht von Abukir von den Briten unter Admiral Nelson zerstört wurde und das Expeditionsheer Napoleons ohne Rückkehrmöglichkeit in Ägypten stand.

Dafür entwickelte sich die französische Expedition zu einem Triumph für die Wissenschaften, denn insgesamt 167 mitgereiste Gelehrte erforschten das Nilland ausgiebig und veröffentlichten ihre Aufzeichnungen in der zwischen 1809 und 1828 erschienenen "Description de l’Égypte". Als Folge dieser Publikation, die auch als Geburtsstunde der wissenschaftlichen Ägyptologie gilt, brach in Europa eine Begeisterung für das Land der Pharaonen aus. Obelisken, Sphingen und Statuen in ägyptischer Tracht schmückten nun nahezu alle künstlerischen Sparten, von der Monumentalarchitektur bis hin zur Porzellanindustrie und Kleinkunst.

Auch die großen Museen der damaligen Zeit, allen voran das Pariser Musée central des Arts (der heutige Louvre) und das British Museum in London, bemühten sich nun, ihre Sammlungen neben griechischen und römischen jetzt auch mit pharaonenzeitlichen Kunstwerken zu bestücken. So bestand eine der inoffiziellen Aufgaben der zumeist in oder bei Alexandria residierenden europäischen Generalkonsulate in Ägypten, solche Kunstlieferungen zu organisieren. Die wiederum delegierten die Aufgabe an Kunstagenten, oftmals Europäer, die man heute als "gestrandete Existenzen" bezeichnen würde.

Bei der Beschaffung der Altertümer ging es alles andere als zimperlich zu. Die Auseinandersetzungen kulminierten im "Krieg der Diplomaten" zwischen dem britischen Generalkonsul Henry Salt, dem Burckhardt von den verschütteten Statuen berichtet hatte, und seinem für Frankreich tätigen Amtskollegen Bernardino Drovetti.

Vom Varieté in die Wüste

Salts erfolgreichster Kunstagent war der in Padua geborene Giovanni Battista Belzoni, der schon optisch mit über zwei Meter Körpergröße eine imposante und gegebenenfalls Respekt einflößende Gestalt abgab. Belzoni hatte Europa bereist und war in London als Kraftathlet aufgetreten, wo er eine menschliche Pyramide aus zehn bis zwölf Personen auf einem speziellen Metallgerüst in die Höhe stemmte und herumtrug. In England lernte er auch seine irische Frau Sarah kennen, die ihn 1815 nach Ägypten begleitete, wo er als Ingenieur und Maschinenbauer für Bewässerungsanlagen sein Glück versuchen wollte.

Mohammed Ali, der in den Wirren nach der französischen Invasion an die Macht gekommene osmanische Gouverneur Ägyptens, betrieb zu jener Zeit den raschen wirtschaftlichen Anschluss des Landes an den europäischen Westen. Dazu schickte er nicht nur Einheimische zu Ausbildungszwecken ins westliche Ausland; er holte auch europäische Fachleute zur Schaffung einer modernen Infrastruktur und Verwaltung nach Ägypten. So glaubten Giovanni und Sarah Belzoni, als sie im Juni 1815 gemeinsam in Alexandria eintrafen, mit Systemen zur effizienteren Bewässerung in Mohammed Ali einen idealen Interessenten und Abnehmer vorzufinden. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.

Es war Johann Ludwig Burckhardt, der Wiederentdecker von Abu Simbel, der den Arbeit suchenden Belzoni an den gerade erst in sein Amt berufenen britischen Generalkonsul Henry Salt vermittelte. Schon seine erste Herausforderung im Dienst des Briten bewältigte Belzoni mit Bravour: den Abtransport des heruntergebrochenen Oberteils einer kolossalen Sitzfigur Ramses' II. Das monumentale Statuenfragment von 2,67 Meter Höhe, 2,03 Meter Schulterbreite und 7,25 Tonnen Gewicht aus zweifarbigem Granit wurde mit Seilen auf Holzrollen von hunderten Arbeitern an das Nilufer zum Weitertransport nach Kairo geschleppt, wo es am 15. Dezember 1816 eintraf.

Es dauerte noch bis 1818, bis der Torso, noch als Privatbesitz von Henry Salt, in England ankam. Da man ihn fälschlicherweise mit den in Theben-West benachbarten Memnonskolossen Amenophis' III. in Verbindung brachte, erhielt er den irreführenden Beinamen "Younger Memnon". 1821 erwarb ihn das British Museum von Salt, wobei 1834 für die endgültige Aufstellung in den Londoner Ausstellungsräumen mittels spezieller Gerüste und Flaschenzüge Pioniere der königlichen Streitkräfte hinzugezogen wurden.

Anpirschen an Abu Simbel

Der Torso inspirierte schon 1819 den britischen Dichter Percy Bysshe Shelley zu seinem Gedicht "Ozymandias" – der Name leitet sich von der griechischen Umschreibung von User-Ma'at-Re, dem Thronnamen Ramses' II, ab. Dass die Monumentalskulptur bereits zuvor ein Objekt der europäischen Sammelbegierde gewesen war, davon zeugt ein dickes Bohrloch in der rechten Brusthälfte neben dem Lappen des Königskopftuchs. Es wurde angeblich schon von den Mitgliedern der napoleonischen Expedition angebracht, um das Bildwerk für einen leichteren Abtransport zu sprengen und dann im Louvre wieder zusammenzustückeln. Glücklicherweise wurde dieses barbarische Vorhaben nie realisiert.

Giovanni Battista Belzoni
© aus Giovanni Belzoni: Narrative of the Operations and Recent Discoveries (…). John Murray, London 1820; mit frdl. Gen. von Joachim Willeitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernGiovanni Battista Belzoni

Bereits zweieinhalb Jahre nachdem Burckhardt die beiden Felsentempel von Abu Simbel wiederentdeckt hatte, suchte im Herbst 1815 der Engländer Sir William John Bankes den Ort als zweiter Europäer der Neuzeit auf. Im Rahmen einer "Grand Tour" zu allen wichtigen historischen Stätten rund um das Mittelmeer war er in Alexandria angelangt und wollte von dort aus ursprünglich nur die Pyramiden von Giseh besuchen. Doch eine persönliche Begegnung mit Burckhardt brachte ihn dazu, alle Pläne über Bord zu werfen und dafür ausgiebig Ägypten und Nubien zu erkunden. Auf dieser schließlich bis 1819 dauernden Ägyptenreise wurde Bankes von Giovanni Finati begleitet, der bei der Freilegung des großen Tempels von Abu Simbel noch in Erscheinung treten sollte. Bankes veröffentlichte 1830 die von ihm aus dem Italienischen ins Englische übersetzten Memoiren Finatis in London unter dem Titel "Life and Adventures of Giovanni Finati" als zweibändiges Werk.

Hingegen machte der begabte Zeichner Bankes seine eigenen umfangreichen Bilder und Skizzen nie publik. Allein aus Ägypten umfasst sein Nachlass rund 1500 illustrierte Blätter, darunter Kopien mancher heute zerstörter Monumente und Inschriften. In Abu Simbel hielt er unter anderem die genaue Situation an der Fassade des großen Tempels mit den weitgehend verschütteten Sitzfiguren fest. Er entdeckte und erforschte als Erster die in den Felsen geschlagenen rückwärtigen Räume des nördlich von Abu Simbel gelegenen und ebenfalls auf Ramses II. zurückgehenden Tempels von Wadi es-Sebua sowie die dazwischengelegenen Stelen und Schreine an den steilen Hangwänden des Burgbergs von Qasr Ibrim, die er nur mühsam und mit Hilfe eines Seils erreichen konnte.

Der nächste Europäer vor Ort war Henry Salts Erzrivale Bernardino Drovetti, der französische Generalkonsul, der dieses Amt jedoch durch die Abdankung Napoleons 1814 zunächst verloren hatte. In Begleitung von Frédéric Cailliaud besuchte er 1816 Unternubien und gelangte so Anfang März des Jahres nach Abu Simbel, wo der Zugang in den großen Tempel immer noch versperrt war. Dafür hinterließ er im zugänglichen kleineren der beiden Felsheiligtümer seine Besucherinschrift. Cailliaud berichtete später, dass Drovetti vergeblich versucht hätte, die örtliche Bevölkerung von Ballana für die Unterstützung bei der Freilegung des Eingangs in den großen Tempel zu gewinnen: "Es war der 5. März 1816, an dem ich das erste Mal, mit Monsieur le Cheval Drovetti, die schönen Monumente von Ebsambal (= Abu Simbel) sah."

Geld, Sand und Aberglaube

"Er bedrängte die Einwohner sehr zur Säuberung der Öffnung. Nach drei Tagen heftiger Bemühung hatten wir sie schließlich so weit gebracht, unsere Wünsche zu befriedigen. Sie versprachen, sich während des Zeitraums, den wir veranschlagt hatten, um den (zweiten) Katarakt zu besuchen, an die Arbeit zu machen. Sie hatten für diesen Zweck von M. Drovetti 300 Piaster erhalten. Acht Tage später – wie groß war unser Erstaunen, wie groß war unser Schmerz, zu sehen, dass sie nichts unternommen hatten! Vom Interesse geweckt, hatten sich die Bewohner guten Willens gezeigt, aber der Aberglaube, noch viel stärker, hatte sie abgehalten: ein alter Scheich, angesehen als das Orakel des Landes, hatte ihnen prophezeit, dass die Öffnung dieses Gebäudes großes Unglück herbeiführen würde … Die gutgläubigen Einwohner gaben seiner Stimme Gehör! Die Scheichs hatten zumindest die Nettigkeit, das Geld, das gezahlt worden war, um die Säuberung des Tempels durchzuführen, zurückzuerstatten."

Die Tempel von Abu Simbel in ihrer modernen Position.
© Joachim Willeitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDie Tempel in ihrer modernen Position
Da ihre ursprünglichen Standorte beim Befüllen des Nasser-Stausees überschwemmt wurden, entschloss man sich, die beiden Tempel auf ein Hochplateau zu verlegen. Heute stehen sie am Ufer des Stausees.

Auch der erste Versuch Belzonis, die Fassade des großen Tempels unter der Düne frei zu schaufeln, musste im September 1816 nach sechs Tagen abgebrochen werden: Die Geldmittel waren aufgebraucht, und die Sandmengen ließen sich nicht bewältigen. Belzoni handelte dabei im Auftrag von Henry Salt, der wiederum von Burckhardt dazu überredet worden war. Anders als Burckhardt glaubte Salt nicht an einen verschütteten Zugang zu einem Tempel, gewährte aber trotzdem seine Unterstützung für das Vorhaben.

Offensichtlich hatte es im Vorfeld der Unternehmung nicht an vermeintlich guten Ratschlägen gemangelt. So beklagt sich Belzoni beispielsweise über den damaligen Generaldirektor der königlichen Museen in Frankreich: "Der rührige Graf de Forbin, der sich dieser Lokalität nicht einmal bis auf 500 Meilen genähert hatte, hat die Ansicht vertreten, dass sich der Sand gewiss ohne Schwierigkeiten in den Fluss werfen ließe. Ich wünschte, er wäre zumindest einmal in seinem Leben hier gewesen: Er hätte dann sein Urteil weniger leichtfertig abgegeben. Die Sandmassen sind durch den Wind der Jahrhunderte angehäuft worden; sie von der Stelle zu schaffen und in den Fluss zu werfen, wäre ein Unterfangen, das selbst mit der gesamten Einwohnerschaft des angrenzenden Landes nicht einmal in zwölf Monaten hätte bewerkstelligt werden können."

Nichtsdestotrotz unternahm Belzoni 1817 einen erneuten Versuch: "Am 23. Mai brachen wir nach Assuan auf … Wir reisten bis zur Insel Philae weiter, die wir als unseren Stützpunkt ausgewählt hatten, um dort die Antwort auf unsere Briefe zu erwarten, die wir von Luxor aus an Mr. Salt geschickt hatten." Nach langem Warten traf das Antwortschreiben ein: "Ein Araber aus Kairo brachte uns einen Brief von Mr. Salt. Der Bote hatte die Strecke in 18-tägiger Überlandreise hinter sich gebracht. Der Brief enthielt einen größeren Geldbetrag, und zu meiner schönsten Befriedigung hatte sich Mr. Salt mit meinem Wunsch einverstanden erklärt, den Tempel von Abu Simbel frei zu legen. Ich hatte ihm dieses Unternehmen mehrfach ans Herz gelegt, und ich rechne es ihm hoch an, dass er die Ausgaben für ein derartiges Vorhaben nicht scheute."

Das große Schaufeln

Während Belzoni sich auf Philae aufhielt, stießen zwei englische Abenteurer zu seiner Expeditionsgruppe: die Marineoffiziere Captain Charles Leonard Irby und dessen Kollege James Mangles, die gemeinsam am 14. August 1816 in England zu einer insgesamt vierjährigen Orientreise aufgebrochen und nun auf dem Weg zum zweiten Nilkatarakt beim Wadi Halfa waren. Da sich in Philae nur ein einziges Boot für die Fahrt stromaufwärts organisieren ließ, beschlossen die Europäer, die Reise gemeinsam anzutreten. So brachen am 16. Juni neben den beiden Engländern und Belzoni noch Henry William Beechey, der Sekretär Salts, sowie dessen griechischer Diener namens Yanni, der auch als Dolmetscher fungierte, ein arabischer Koch und ein von Salt abkommandierter Janitschare namens Mohammed nach Süden auf. Als Schiffsbesatzung agierten acht männliche Einheimische, die alle derselben Familie angehörten.

In Abu Simbel angekommen, konnten die Europäer erst nach Rücksprache mit den örtlichen Stammesscheichs, den beiden rivalisierenden Brüdern Daud und Chalil, mit der Freischaufelung beginnen. Die Scheichs, die erst per Boten herbeigeholt werden mussten, was eine Woche Zeitverlust bedeutete, waren sich nur darin einig, aus dem Vorhaben Belzonis zwar Kapital zu schlagen, aber die Arbeiten insgeheim zu torpedieren. Nach zähen Verhandlungen mit dem zerstrittenen Bruderpaar "kamen wir überein, am nächsten Morgen mit dreißig Mann die Arbeit zu beginnen. Am Morgen erschienen die Männer recht spät. Dessen ungeachtet nahmen wir die Arbeiten am Tempel mit Enthusiasmus und großen Hoffnungen wieder auf … Ich beschränkte meine Wünsche und Hoffnungen darauf, das Portal zu erreichen, als die schnellste und sicherste Möglichkeit, in den Tempel einzudringen."

Die Arbeiten gingen anfänglich nur schleppend voran. Besser wurde es, als man sich statt der Tagessätze für die Freilegung auf ein Pauschalhonorar von 300 Pfund einigte. Doch der einsetzende Fastenmonat Ramadan bedeutete auch die Einstellung der Tätigkeiten. "Da fassten wir den Entschluss, die Arbeit selbst zu bewältigen. Wir waren nur sechs Leute, den Dolmetscher und den Janitscharen eingeschlossen, aber unsere Schiffsmannschaft bekundete ihre Bereitschaft zur Mithilfe, so dass wir insgesamt 14 Personen waren. Wir stellten fest, dass einer von uns genau so viel schaffen konnte wie fünf Fellachen. Das befriedigte uns sehr, und wir waren einhellig der Meinung, die Unternehmung fortzuführen. Wir begannen jeden Morgen bei Sonnenaufgang und arbeiteten bis zweieinhalb Stunden nach Sonnenuntergang."

Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass sich das alles in der zweiten Julihälfte, also fast in der größten Jahreshitze abspielte. Hinzu kamen abwechselnd ent- und ermutigende Befunde: "Nach einigen Tagen stießen wir auf einen unebenen Wandvorsprung, der darauf hinzuweisen schien, dass die Arbeiten an dem Bau nicht beendet worden waren und sich demnach keine Tür würde finden lassen … Nach drei weiteren Tagen entdeckten wir einen abgebrochenen Sims, am darauf folgenden Tag den Wulst und natürlich den darunter liegenden Fries. Diese Funde überzeugten uns davon, dass wir die Tür bald finden würden. Daher errichtete ich eine Palisade, um den Sand abzustützen. Zu meiner größten Befriedigung erblickte ich gegen Abend den oberen Teil der Tür. Wir schaufelten genug Sand beiseite, um noch am selben Abend den Eingang öffnen zu können. Da wir aber im Inneren stickige Luftverhältnisse befürchteten, warteten wir bis zum nächsten Morgen."

Am Eingang des Tempels

Die beiden Engländer Mangles und Irby ergänzten später in ihren gemeinsam herausgegebenen "Travels in Egypt and Nubia" die Schilderungen: "Die Tiefe des ausgegrabenen Sandes betrug etwa 50 Fuß (etwa 15 Meter). Die durchschnittliche Temperatur lag während der Arbeiten bei 112° Fahrenheit (45 Grad Celsius) im Schatten. Während der letzten fünf Tage bestand die Nahrung lediglich aus Durrha ("Mohrenhirse"; Surgum vulgare) mit Wasser, da die Einheimischen keine Lebensmittel mehr lieferten, um sie (die Archäologen) an der Vollendung ihres Werks zu hindern."

Zeichnung der Monumentalstatuen aus dem Inneren des Tempels.
© aus David Roberts: Egypt and Nubia. F. G. Moon & Co., London 1856; mit frdl. Gen. von Joachim Willeitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDas Innere des Tempels
Als Belzoni und seine Mitreisenden als erste Menschen der Neuzeit wieder das Innere des Tempels betraten, beklagten sie vor allem die feuchte Hitze im Inneren des Gebäudes. Zu Zeiten von David Roberts, der 1838 das Tempelinnere in einem Aquarell festhielt, waren die Temperaturen auf ein erträgliches Maß zurückgegangen, doch der Boden war immer noch von eingedrungenem Sand der Außendüne bedeckt.

Man kann sich vorstellen, dass in dieser Nacht, 22 Tage nach Beginn der Freischaufelungsarbeiten, keiner der Beteiligten ruhig geschlafen haben dürfte: "Sehr früh am Morgen des 1. August begaben wir uns frohgemut zum Tempel. Mit der Erweiterung der Öffnung mühten wir uns recht und schlecht ab, besonders, da sich unsere Schiffsmannschaft nicht, wie gewöhnlich, zur Arbeit eingefunden hatte." Es stellte sich schnell heraus, dass die Bootsleute vom Kaschif den Auftrag erhalten hatten, die Freilegungsarbeiten mit allen Mitteln zu sabotieren, sobald man auf den Eingang gestoßen war.

Doch letztendlich ließen sich die Europäer nicht einmal durch die Drohung der Bootsleute einschüchtern, ohne sie abzusegeln und sie allein zurückzulassen. Im Nachhinein äußerten vor allem Irby und Mangles ihre Begeisterung für das Bauwerk, das wieder zugänglich zu machen ihnen so viel Mühe bereitet hatte: "Das Innere dieses Tempels steht hinter keiner Grabungsstätte in Ägypten oder Nubien zurück … Tatsächlich ist die Wirkung, die dieser Tempel auf jeden macht, der sich ihm erstmals gegenübersieht, wohl stärker, als die anderen auf die Besucher auszuüben vermögen. Die imponierende Höhe der Decke, das Aufstrebende der quadratischen Pfeiler und die Kolossalstatuen an ihnen, die volle 40 Fuß Höhe erreichen … dies alles trägt dazu bei, das Innere des Tempels nicht weniger bewundernswert erscheinen zu lassen als sein glanzvolles Äußeres."

Belzoni hingegen beschrieb den wohl spannendsten Augenblick in seinem Leben später eher zurückhaltend: "Wir erweiterten den Durchgang und betraten kurz darauf die schönste und größte Tempelanlage in Nubien, die je ausgegraben wurde – eine Anlage, die sich mit jeder ägyptischen messen kann, mit Ausnahme vielleicht der neu entdeckten Grabanlagen im Biban el-Moluk (= Tal der Könige)."

Finatis großer Auftritt

Bei seiner Schilderung unterschlägt Belzoni ein nicht unwesentliches Detail. Nicht er war es, der nach wahrscheinlich fast zwei Jahrtausenden wieder als Erster das Innere des gewaltigen Felsheiligtums von Abu Simbel betrat. Vielmehr war dem stämmigen vormaligen Kraftathleten sein klein gewachsener Landsmann, nämlich der vermeintliche Janitschare, in Wirklichkeit der aus Ferrara stammende und aus der napoleonischen Armee desertierte Giovanni Finati, zuvorgekommen. Am Morgen des 1. August 1817, noch bei Mondschein und im Kerzenlicht, waren die Freilegungsarbeiten des Eingangs wieder aufgenommen worden, doch die Bootsbesatzung drängte auf Druck des Kaschifs auf den Abbruch der Tätigkeiten und die sofortige Rückreise nach Norden. Das sich daraus entwickelnde Streitgespräch nutzte der "Janitschare" alias Giovanni Finati aus, um durch den soeben geschaffenen schmalen Spalt in das dunkle Innere des Tempels zu schlüpfen, ohne zu wissen, was ihn darin erwarten würde.

In seinen eigenen Memoiren beschreibt er die Ereignisse: "Endlich erschien eine Ecke des Eingangs. Genau in diesem Augenblick, in dem Moment, als neues Geschrei und neue Streitigkeiten zwischen uns und unserer Besatzung auftraten und als die Aufmerksamkeit aller abgelenkt war, bin ich, weil ich der kleinwüchsigste der gesamten Mannschaft war, ohne ein Wort zu verlieren durch die Öffnung ins Innere gesprungen. So bin ich der Erste gewesen, der in das Bauwerk seit vielleicht einem Jahrtausend eingedrungen ist … Im Gegensatz zu anderen Höhlenmonumenten in Ägypten und Nubien ist die Atmosphäre im großen Tempel von Abu Simbel, anstatt eine angenehme Kühle aufzuweisen, von einem warmen und feuchten Dampf geschwängert, beinahe vergleichbar mit derjenigen eines türkischen Bades; und diese war so durchdringend, dass das Papier, das man im Inneren mit sich führt, sich bald so mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte, als ob man es in einen Fluss geworfen hätte. Jedenfalls gab es einen tröstlichen und beinahe unverhofften Glücksfall. Der Strom des Sandes war nicht sehr viel ins Innere der Öffnung gelaufen, und alle Räume waren frei."

Der vermeintliche Janitschare Finati kannte die Tempel von Abu Simbel zudem bereits von einem früheren Aufenthalt, denn er war, wie bereits erwähnt, derjenige gewesen, der William John Bankes, den zweiten Europäer, der nach der Wiederentdeckung der Felsheiligtümer vor Ort gewesen war, dorthin begleitet hatte.

Erst mal ein Graffito …

Was sich zwischenzeitlich vor dem Tempel zugetragen hatte, berichten wiederum Irby und Mangles. Man bemerkte das Fehlen des "Janitscharen" erst, als einer der Bootsleute nach dessen Verbleib fragte, doch da kam der Vermisste bereits wieder aus der Öffnung herausgekrochen. Über die Aufregung war der Streit abgeklungen, und alle machten sich wieder an die weitere Freilegung des Zugangs. Nach einer Frühstückspause um 10 Uhr an Bord des Boots drangen alle in das Innere des großen Tempels ein.

Stahlstich des Tempelportals
© Anonymer Stahlstich; mit frdl. Gen. von Joachim Willeitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernTempelportal mit vollständig freigelegtem Eingang
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Dank der Aktivitäten diverser Besuchergruppen der Tempeleingang zwischen den monumentalen Sitzfiguren-Paaren vollständig freigelegt. Bis die Fassade in ihrer gesamten Breite vollständig sichtbar war, dauerte es allerdings noch bis 1910.

Belzoni, Irby und Mangles verewigten sich im Allerheiligsten des Tempels mit einer Inschrift, in welcher sie an dessen Freilegung erinnerten und daran, dass sie ihn als erste Menschen der Neuzeit wieder betreten hatten. Der Name des "Janitscharen" Finati, der tatsächlich der Erste im Inneren des Felsheiligtums war, blieb darin unerwähnt. Doch immerhin konnte Finati seine Abu-Simbel-Kenntnisse in der Folgezeit nutzen, indem er zahlreiche spätere Besuchergruppen als ortskundiger Führer und guter Dolmetscher an den Ort seines stillen Triumphs führte, bis sich seine Spuren nach 1829 verlieren, nachdem er Bankes seine Lebenserinnerungen diktiert hatte, der sie 1830 veröffentlichte.

Im Tempelinneren stießen Belzoni und seine Begleiter auf eine Reihe rundplastischer Werke, die nach ihrer Bergung zunächst in den Besitz des Financiers der Unternehmung, Henry Salt, übergingen, der sie später zumeist dem British Museum übereignete. Glücklicherweise fertigten Irby und Mangles einen Plan des großen Tempels an, in welchem sie die genaue Lage der Fundstücke, darunter zwei Falkensphingen und zwei Sitzfiguren aus Sandstein mit Inschriften des Vizekönigs von Nubien Paser II., festhielten. Denn Belzoni erstellte keine entsprechende Dokumentation und listete in seinen Memoiren auch nur einige der Objekte auf, denn "im Inneren des Tempels war die Hitze so groß, dass es uns kaum möglich war, Zeichnungen anzufertigen, da der Schweiß von unseren Händen das Papier durchweichte. Wir überlassen dies daher dem Unternehmungsgeist der nachfolgenden Reisenden, die sicherlich weniger Hinderlichkeiten zu befürchten haben, da sich das Tempelinnere in der Zwischenzeit etwas abkühlen wird."

Belzoni im Tal der Könige

Es sollte noch bis 1910 dauern, bis die Fassade des großen Tempels von Abu Simbel in ihrer vollen Breite frei gelegt war. Die Sandanwehung ermöglichte noch jahrzehntelang späteren Besuchern, auf den Schoß des rechten Skulpturenpaars zu klettern und an der Brust der Sitzfiguren ihre Inschriften anzubringen. Schließlich betraute der damalige Generaldirektor der Altertümerbehörde den italienischen Architekten Alessandro Barsanti mit der Aufgabe, die letzten Sandmassen vor dem Heiligtum abzutragen. Barsanti säuberte das Vorfeld des Tempels bis hinab zum gewachsenen Boden und verhinderte durch den Bau einer Schutzmauer das Nachströmen weiterer Sandkörner. Dabei kam auch die verschüttete offene Nordkapelle an der Außenseite des großen Tempels, die noch ihr gesamtes, dem Sonnengott Re geweihtes Kultinventar enthielt, wieder zum Vorschein.

Belzoni selbst allerdings hielt sich nicht lange mit Abu Simbel auf. "Wir verließen Abu Simbel am 4. August und fuhren ohne zu halten an Ibrim vorbei, weil wir vordem schon dort gewesen waren, … bis nach Tumas, einem Dorf an der Westseite des Nils", schrieb er lakonisch in seinen Memoiren. Bereits im Oktober 1817 wandte er sich dem Tal der Könige zu.

Dort war ihm exakt ein Jahr zuvor seine erste Entdeckung eines Pharaonengrabs geglückt, nämlich am Ende des westlichen Seitentals dasjenige von Pharao Eje, dem hochbetagten Nachfolger des Kindkönigs Tutanchamun. Innerhalb weniger Tage gelang es Belzoni nun, den Bestand an bekannten Gräbern noch einmal bedeutend zu erweitern. Den krönenden Abschluss bildete die Wiederauffindung des Grabs von Sethos I., des Sohns und Nachfolgers Ramses' I. – bis heute das bedeutendste Königsgrab des alten Ägypten und auf seine Weise ebenso kolossal wie der Felsentempel Ramses' II.